Besuch beim Verlobungssofa von Königin Beatrix

Allerhand fürstlichen Hausrat gibt es im Schloss Berleburg zu entdecken / Viele Geschichten dazu kann Museumsführerin Gundula Hoßfeld erzählen

awe Bad Berleburg. Prinzessinnen und Prinzen wohnen in einem Schloss. Das weiß doch jedes Kind. Und jedes Kind hat mitgekriegt, dass es in Geschichten und Märchen nur so von ihnen wimmelt, während die Wirklichkeit weniger fürstlich ausgestattet ist. Ein Schloss, in dem echte Prinzen und Prinzessinnen sich für den Nachmittagskaffee unter einem Kronleuchter verabreden können, ist da schon etwas Besonderes. Dieser Gedanke begeistert junge und alte republikanische Seelen, das kennt Gundula Hoßfeld.

Von Beruf Museumsführerin

Die Berleburgerin sitzt in der Eingangshalle des Berleburger Schlosses hinter einem großen Tisch, auf dem kleine Stapel mit farbigen Kärtchen liegen, und empfängt. Wer zu ihr kommt, tauscht einige Münzen gegen eines der bunten Kärtchen und erwirbt damit die Berechtigung, mit Gundula Hoßfeld durchs Schloss auf Streifzug zu gehen. Seit viereinhalb Jahren ist sie Museumsführerin. Die Berufsbezeichnung findet sie nicht ganz treffend: »Es heißt zwar Museum Schloss Berleburg. Aber ich führe die Besucher auch durch Räume, die benutzt und bewohnt werden.« Begleitet wird Gundula Hoßfeld auf ihrem Weg durch die Gemächer und Gemäuer dieses Mal von Toni Nagels, Joke und Tom Roesink. Menschen, die in Schlössern wohnen und die man mit »Königliche Hoheit« anreden kann, gibt es bei ihnen zuhause auch. Und dort heißen sie zum Beispiel Beatrix, Willem Alexander und Juliane. Die drei bürgerlichen Niederländer sind von ihrem Urlaubsort bei Winterberg zum Berleburger Schloss angereist, um sich hier mal umzugucken. Falls sie Heimweh verspüren, sind sie hier genau richtig.

Verbunden mit Europas Fürstenhäusern

»Die Familie Sayn-Wittgenstein-Berleburg ist gut befreundet mit der holländischen Königsfamilie, zur Hochzeit von Willem Alexander und Maxima war der Fürst zu Gast und zur Beerdigung von Prinz Klaus reiste er auch«, erzählt Gundula Hoßfeld. »Der Fürst ist Prinz Richard«, erklärt sie den Vertretern der befreundeten Nation, »verheiratet ist er mit der Schwester der dänischen Königin, Benedikte. Und seine Mutter, die Fürstin Margareta wohnt in den Räumen hier über uns.« Der Blick zur Decke bleibt an einem Kronleuchter hängen. Der hat 66 Glühbirnen und verbraucht jede Menge Strom. Wer die Familie Wittgenstein früher besuchen wollte, stieg die unter dem Kronleuchter befindliche Treppe in der Halle hoch, bog nach rechts ab und gelangte zum Audienz-Zimmer. »Hier hängt ein besonderes Prunkstück. Der Gobelin dort an der Wand wurde um 1700 entworfen. 80 Kilogramm Garn wurden dafür verwendet und drei Jahre lang wurde daran gearbeitet.« Entstanden ist dabei ein Bild von einer Hochzeitsgesellschaft. »Wir nennen das Zimmer aber Verlobungszimmer, wegen einer berühmten Verlobung, die davor stattgefunden hat.« Für die holländischen Gäste hat sich der Besuch an dieser Stelle schon gelohnt: Sie bekommen nämlich das Sofa zu sehen, auf dem ihre Königin ihrem späteren Ehemann Klaus das Heiratsversprechen gab.

Damenzigarren und Mäusewappen

Das ist eine von vielen Geschichten, die Gundula Hoßfeld kennt. Immerhin steht das Schloss seit dem 16. Jahrhundert hier, viele Prinzen und Prinzessinnen wohnten darin, hatten viele Verwandte und allerhand Gäste und da sammelt sich natürlich jede Menge fürstlicher Hausrat an. Allein zu den Gemälden an den Wänden gäbe es viel zu erzählen. »Dies hier ist das Porträt von Madeleine, Fürst Richards Großmutter.« Eine zarte Schönheit schaut aus dem Bilderrahmen auf die Besucher herab. Allerdings erfährt man, dass die Dame recht gern Zigarren rauchte. Abgebildet ist dies aber nicht. Ein wirklich altes Stück ist die Ecke einer Pferdedecke. Die stammt aus dem Jahr 1594 und lag ordentlich zusammengefaltet in einer Ecke, wo Mäuse sie fanden und sie anknabberten. Richtig gut schmeckte ihnen allerdings nur die schwarze Farbe, mit der die Balken im Wittgensteiner Wappen ausgefüllt waren. Mit ihren kleinen Mäusezähnchen frästen sie diese ordentlich aus. Das kunstvoll ausgefressene Stück hängt jetzt zur Ansicht im Museumsflügel des Schlosses.

Prinzenkinder müssen Teller leer essen

In den führt Gundula Hoßfeld die Besucher auch, dort gibt es noch mehr Gerätschaften aus dem Fürstenalltag zu bestaunen. Kutschen und ein ausgestopftes Lieblingspony, prunkvolle Butler-Uniformen und weniger prunkvolle Fürsten-Jackets gilt es anzuschauen. Ebenso zu bestaunen sind ein Hammerklavier und eines zum Mitnehmen für die Reise, ein 300Jahre alter Spiegel auf dessen Rahmen nur die damals bekannten vier Kontinente abgebildet sind - Australien fehlt. Sonst fehlt es aber an nichts in dieser historischen Schatztruhe: Spieltische und Jagdtrophäen, Waffen und Edison-Glühbirnen, die seit 1912 in Berleburg glühen, einen Band der Berleburger Bibel, gedruckt auf besonders haltbarem Raumländer Lumpenmühlenpapier, Eisbärenfelle und eine Wiege, in der seit 300 Jahren der Sayn-Wittgensteinsche Nachwuchs von künftigen Taten träumt, kann man anschauen. Bis sie die handgemalten Bilder auf dem Fayence-Geschirr erkennen konnten, mussten die Fürstenkinder ihre Teller leer essen. Geschmeckt hat ihnen das wohl nicht immer. Aber die Teller sind heute alle sauber wie geleckt.

Paukenhauer Graf Casimir war tolerant

Ein riesiger Sekretär mit einer eingearbeiteten automatischen Kalender und vielen, vielen Fächern und kleinen Schubladen gehörte dem Grafen Casimir. Der baute im 18. Jahrhundert ein Stück Schloss an, stellte seinen Sekretär hinein und an diesem schrieb er in sein Tagebuch. Oder er ging ein wenig trommeln, allein oder mit Gastmusikern, Zigeuner lud er zum Beispiel ein. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind Casimirs Trommeln. Casimir war sehr fromm und gläubig, das berichtet Gundula Hoßfeld. Deshalb sei er auch so tolerant gewesen und habe in seinem Fürstentum Glaubensflüchtige aus anderen Regionen aufgenommen.

Das sind nur ein paar Dinge von früher, die sie während der Schloss- und Museumsführung erzählt. Heute erzählt das Fernsehen die meisten Geschichten. Auch die Kinder erfahren dort, dass Bomben fallen, jetzt in Wirklichkeit. Vielleicht ist es da auch ganz gut, Geschichten zu kennen, wie die von Graf Casimir, der an Gott glaubte und so sehr fromm war, aber genau das Gegenteil tat von dem, was manch frommer Mann heute anstellt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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