Bogga-Schlagzeuger droht nunmehr das soziale Abstellgleis

Muss Rüdiger Zeits nach lebensgefährlichen Operationen mit 37 Jahren ins Seniorenheim? – Musiker fordern eine Verlängerung der Rehabilitation

Bad Berleburg. Mit ihren Alben „Will seh'n” und „Egal wie” eroberte die heimische Gruppe Bogga die Herzen tausender Fans in Wittgenstein und Siegerland. Bis zum 22. April war die Welt für die sympathischen Deutschrocker, speziell für Schlagzeuger Rüdiger Zeits, noch in Ordnung. Dass sich an diesem Ostersamstag für den Bad Berleburger Alles verändern sollte, konnte bis dahin niemand ahnen.

Ärzte rangen mehrfach um sein Leben

Albert, wie ihn Freunde und Bekannte nennen, hatte sich in den Tagen zuvor bereits über starke Kopfschmerzen beklagt. Eine Ursache konnte allerdings bei einem Arztbesuch nicht ausfindig gemacht werden. Einige Tage später fiel Rüdiger Zeits plötzlich um: Mit einem geplatzten Aneurysma - der medizinische Begriff für eine Erweiterung der Schlagader – wurde der 37-Jährige in das Kreiskrankenhaus Hüttental eingeliefert. Die Ärzte rangen um das Leben des Patienten, entnahmen einen Teil der Schädeldecke, um den Druck auf das Gehirn zu lindern.

Nichte übernahm die Betreuung

Was folgte, waren drei weitere Operationen und „ein ständiges Hoffen und Bangen. Die Situation war mehrfach lebensbedrohlich”, wie es Isolde Braun formuliert. Die Nichte des Bogga-Schlagzeugers hat die Betreuung ihres Onkels übernommen – so lange, bis sich Albert wieder selbstständig äußern kann. Dreieinhalb Monate verbrachte der Wittgensteiner im Siegener Hospital, mehr als die Hälfte davon auf der Intensivstation. Die Ärzte haben die einstige Frohnatur durchgebracht. Was zunächst blieb, waren eine halbseitige Lähmung, eine so genannte verkrampfte rechte Hand und eine Störung des Sprachzentrums.

„Von Woche zu Woche gute Fortschritte”

Odebornklinik Bad Berleburg: Seit Anfang Juli erholt sich Rüdiger Zeits von den Strapazen der Operationen und arbeitet gemeinsam mit Ärzten und Therapeuten ehrgeizig an seiner Rehabilitation. „Seit der Albert hier ist, macht er von Woche zu Woche enorme Fortschritte”, freut sich Bogga-Keyboarder Rainer Birkelbach im Gespräch mit der Siegener Zeitung. Fakt sei, dass der 37-Jährige das Laufen und Sprechen zwar neu erlernen müsse, doch sein fröhliches Wesen habe er sicher nicht eingebüßt.

So hat es auch Isolde Braun auf einem Informationsblatt an der Zimmertür zusammengefasst, dass sich ich an alle Besucher richtet. Darin heißt es, dass Albert an Aphasie leide, dem Verlust des Sprechvermögens. Nichtsdestotrotz sei der Hobby-Feuerwehrmann weder geisteskrank noch unzurechnungsfähig und daher wie jeder andere Erwachsene zu behandeln. „Bitte habt Geduld mit ihm”, heißt es in dem Schreiben abschließend.

Medizinischer Dienst: „Nicht notwendig”

Was derzeit allerdings bei aller Freude über die beachtenswerten Fortschritte des Patienten überwiegt, ist die Sorge um die Zukunft des 37-Jährigen. Einen Antrag auf Verlängerung der Rehabilitationszeit in der Odebornklinik hat der Medizinische Dienst in Siegen mit dem Vermerk abgelehnt, „dass dafür keine medizinische Notwendigkeit besteht”. Die Einrichtung nimmt eine Art Gutachterfunktion für die Krankenkassen ein, die in der Regel den entsprechenden Vorschlägen folgen.

AOK bestätigte Ende der Maßnahme

„Es ist richtig, das die Reha-Maßnahme des Herrn Zeits ab sofort beendet ist. Wir sind an die Vorgaben des Medizinischen Dienstes gebunden und haben hier auch keinen Ermessensspielraum. Sollten aus medizinischer Sicht jedoch ambulante Anwendungen oder auch Hausbesuche notwendig sein, werden wir natürlich für die Kosten aufkommen”, bestätigte Horst Schäfer, stellv. Geschäftsstellenleiter der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Bad Berleburg.

Wirsing: „Dann war alles für die Katz”

Letzteres sei das mindeste, was man erwarten dürfe, meint Bogga-Sänger Jörg Wirsing, „schließlich hat der Albert über 20 Jahre fleißig in die Krankenversicherung eingezahlt”. Zu befürchten sei nun, dass er mit seinen erst 37 Jahren in einem Altenheim auf das soziale Abstellgleis gerate: Nicht etwa, weil dort nicht für ihn gesorgt werde, sondern weil die tägliche schweißtreibende Therapiearbeit fehle. Sollte dieser Fall eintreten - und danach sieht es derzeit aus – seien die enormen Bemühungen der vergangenen Wochen für die Katz gewesen.

Gladenbacher Einrichtung ist denkbar

Isolde Braun räumt ein, dass ihr Therapeuten und Ärzte bestätigt hätten, dass ihr Onkel derart gute Fortschritte gemacht habe, dass zumindest ein Leben in einer betreuten Wohngruppe wieder sehr realistisch sei. Sie hat gemeinsam mit den anderen Familienangehörigen im hessischen Gladenbach ein „Zentrum für junge Behinderte” aufgetan, dass sich auf Menschen wie Rüdiger Zeits spezialisiert hat: „Ein tolles Konzept, das uns allen auf Anhieb gut gefallen hat. Wir hoffen natürlich, dass er dort aufgenommen wird, weil die Anfrage sehr groß ist.”

Andere Lösungsansätze wurden ebenfalls überdacht, beispielsweise die Möglichkeit, dass der Bogga-Schlagzeuger bei einem seiner Musikerkollegen einzieht: „Zum einen müssen die Räumlichkeiten so gestaltet sein, dass sich Albert auch ordentlich bewegen kann. Zum anderen muss genügend Zeit für ihn da sein. Das ist leider bei keinem von uns der Fall”, stellt Rainer Birkelbach fest. Daher sei die Einrichtung in Gladenbach auch die ideale Lösung, um den regelmäßigen Kontakt aufrecht zu erhalten.

„Pausieren, bis er sich äußern wird”

Einmal wöchentlich besuchten die Bogga-Musiker ihren Kollegen in den Kliniken – anstelle des gemeinsamen Übens. „Das letzte Mal haben wir Mitte April anlässlich eines Konzertes in Korbach zusammengespielt. Für uns steht fest, dass wir so lange pausieren, bis sich der Albert dazu äußert, ob er sich wieder hinter das Schlagzeug setzt oder nicht. Möglichkeiten gibt es sicher mehrere”, so Jörg Wirsing.

Verlängerung – oder ambulante Therapie

Die Musik sei zunächst jedoch zweitrangig. Zunächst gehe es darum, entweder die Rehabilitation in der Odebornklinik zu verlängern oder zumindest eine ambulante Therapie im Altenheim sicher zu stellen – wo Rüdiger Zeits nur vorübergehend untergebracht werden soll. Eine Entscheidung über eine Aufnahme in Gladenbach soll in den nächsten Tagen fallen. vö

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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