Friseure aus Wittgenstein beteiligen sich an bundesweiter Aktion
Damit das Licht nicht für immer aus geht

Zahlreiche Friseure in Wittgenstein – wie hier in Bad Berleburg – machten am Wochenende symbolisch das „Licht an“. Mit der Aktion wollen die Betriebe auf ihre miserable Situation aufmerksam machen.
  • Zahlreiche Friseure in Wittgenstein – wie hier in Bad Berleburg – machten am Wochenende symbolisch das „Licht an“. Mit der Aktion wollen die Betriebe auf ihre miserable Situation aufmerksam machen.
  • Foto: Martin Völkel
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Bad Berleburg. Marina Marchel unternimmt überhaupt nicht den Versuch, ihre Situation in nette Worte zu verpacken oder schön zu reden: „Streng genommen bin ich pleite. Mein Geschäftskonto ist überzogen. Und bei genauer Betrachtung fällt auf, dass ich mindestens in den nächsten beiden Wochen auch nicht mit Einnahmen rechnen kann.“ Die Friseurmeisterin an der Bad Berleburger Poststraße ist verzweifelt, traurig, von Existenzängsten geplagt und bitter enttäuscht zugleich. Denn: Wenn die Regierung ihrer Branche wissentlich die Möglichkeit verbaue, zu arbeiten und damit Umsatz zu erzielen, dann müsse man schon einen Plan dafür haben, wie man die Ausfälle kompensieren wolle.

Den Friseuren fehlt im Corona-Lockdown die Perspektive 

Nur – diesen Plan vermissen die Friseure. Als Sprecherin mehrerer Wittgensteiner Friseure beteiligt sich die Unternehmerin gemeinsam mit ihrer Kollegin Nadin Raad aus Bad Berleburg an der bundesweiten Aktion „Licht an“.

„So langsam brodelt es in mir“

Ein helles Zeichen, ein Weckruf an die Öffentlichkeit, bevor die Lichter möglicherweise ganz ausgehen. In Wittgenstein befinde man sich mit den Kollegen im regen Austausch, letztlich verfolge man ja ein gemeinsames Ziel: „Wir wollen endlich wieder arbeiten dürfen.“
Zumal die ersten Teilzahlungen für den Januar frühestens im Februar zu erwarten seien. „Aber worüber unterhalten wir uns? Es geht um maximal 90 Prozent der Fixkosten. Miete, Strom, Wasser – das kann ich gleich durchreichen.“ In der Überbrückungshilfe des Staates sei von Mitarbeitern leider überhaupt nicht die Rede. Minijobber und der Unternehmer gingen komplett leer aus, Festangestellte befänden sich in Kurzarbeit – und das reiche in einer Branche, in der ohnehin nicht üppig Geld verdient werde, hinten und vorne nicht. „Ich habe mir den Salon in Bad Berleburg nach und nach aufgebaut und beschäftige zehn Angestellte. Soll ich die Kollegen einfach auf die Straße setzen?“

Friseure müssen Kredite eines Tages zurückzahlen

Sie sei sich ziemlich sicher, so die Unternehmerin, dass sie bei ihrer Hausbank einen weiteren Kredit erhalten würde. Nur – irgendwann müsse der riesige Batzen auch mal zurückgezahlt werden. Sie gönne es jedem einzelnen Unternehmer-Kollegen, der im Lockdown kreativ sein könne und seine Waren über Lieferservice oder Abholung an den Mann oder die Frau bringe. „Aber Haare schneiden funktioniert nun mal nicht per E-Mail und Hausbesuche dürfen auch nicht sein.“ Warum die Regierung die Friseurbetriebe jetzt schon wieder seit über sechs Wochen lahm lege, habe ihr, so Marina Marchel, noch niemand plausibel erklären können. Die Betriebe hätten nach dem ersten Lockdown sämtliche Auflage erfüllt, in Hygienekonzepte investiert, Desinfektionsmittel gekauft und die Waschgänge von Handtüchern vervielfacht. Das werde aber einfach ignoriert. Sie frage sich, wie weit weg die Entscheidungsträger von der Realität seien. Dass momentan die Schwarzarbeit blühe, diese Vermutung dränge sich doch förmlich auf. Irgendwann müsse jeder zum Friseur: „Ist denn bei der Schwarzarbeit das Ansteckungsrisiko geringer, wird dort exakt auf Hygiene geachtet oder nimmt man es dann nicht so genau?“ Man wolle nur eines erreichen, so die Friseurmeisterin, für die der Titel zum „Ausbildungsbetrieb des Jahres“ nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch eine Verpflichtung ist: „Ich will zurück in den Salon, mehr nicht.

Bundesweit 80.000 Betriebe mit 240.000 Mitarbeitern Seit mehr als sechs Wochen sind Friseursalons in Deutschland geschlossen. Laut deren Zentralverband steht vielen Läden inzwischen „das Wasser bis zum Hals“. Mit der bundesweiten Aktion „Licht an“ machen die Handwerksbetriebe auf die prekäre Lage aufmerksam. Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks hatte die Inhaber der 80.000 heimischen Friseursalons mit ihren 240.000 Mitarbeitern dazu aufgerufen, von Sonntag auf Montag 24 Stunden Licht anzulassen – manche Salons hatten schon am Samstag damit begonnen. Die Aktion geht also bis zum 1. Februar. „An diesem Tag sollten wir ursprünglich wieder öffnen können“, sagte Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. „Wir brauchen endlich schnelle und umfassende Hilfe vom Staat“, so Esser weiter. Bei vielen Friseuren seien die Konten leer, argumentierte der Branchenvertreter. Die Miete und andere Fixkosten müssten weiterbezahlt werden, obwohl es keine Einnahmen gebe. Tatsächlich kommt die Friseurbranche bei den Hilfspaketen des deutschen Staates schlecht weg. Soforthilfen nach Ausbruch der Pandemie im vergangenen Frühjahr mussten in der Regel wieder zurückgezahlt werden, zudem haben die meisten Salons keinen Anspruch auf die relativ üppige Dezemberhilfe, die sich am Vorjahresumsatz orientiert. Die im Januar auf den Weg gebrachte „Überbrückungshilfe III“ wiederum wird mit Blick auf Fixkosten – etwa Miete – errechnet, dadurch ist die Finanzspritze relativ schwach. Hierzu gibt es erst im Laufe des Februars eine erste Teilzahlung, der Rest soll ab März fließen. „Wir leisten einen immensen Beitrag zur Pandemiebekämpfung, sind aber trotzdem von der Politik vergessen worden“, moniert Esser. Ob die Friseure, wie derzeit geplant, Mitte Februar wieder aufmachen können, ist völlig ungewiss.
Autor:

Martin Völkel (Redakteur) aus Bad Berleburg

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