Das Ende einer Beziehung

Nach Freiheitsberaubung einjährige Bewährungsstrafe

JG Bad Berleburg. »Mensch, Junge, drück doch einfach ab, dann haben wir alle unsere Ruhe«, so erinnerte sich gestern ein 44-jähriger Angeklagter vor dem Berleburger Amtsgericht an seine Gedanken am Ende einer Verfolgungsjagd, die Mitte Juli quer durch das Wittgensteiner Land führte. Von Bad Berleburg bis zu seiner Wohnung auf das Gebiet der Gemeinde Erndtebrück war ihm damals die Polizei gefolgt und hatte ihn dort gestellt.

Verfolgung quer durch Wittgenstein

Von der Geschwindigkeit her – 40 Stundenkilometer in der Ortschaft, 60 auf der Landstraße – war gegen die 20-Kilometer-Verfolgungsjagd nichts einzuwenden. Schlimmer war, dass der Verfolgte durch permanente Schlangenlinien vom Nordknoten über Raumland, Hemschlar, Weidenhausen und Balde einen Streifenwagen am Überholen hinderte, eine Polizei-Straßensperre sogar ganz ignorierte.

Mit Messer bedroht über Nordknoten

Noch schlimmer war das, was der Mann zuvor gemacht hatte. Nachdem er eine Woche vorher seine ehemalige Freundin in deren Wohnung gewürgt hatte, war er am Tag der Verfolgung gegen halb Zehn abends an ihrer Arbeitsstelle erschienen. Hatte die Frau mit einem Messer bedroht, sie zu seinem mehrere 100 Meter entfernt stehenden Auto über den Berleburger Nordknoten abgeführt, wo es der Frau gelang, sich aus den Fängen des Manns zu befreien. Dieser zückte daraufhin eine Axt aus dem hinteren Hosenbund, demolierte das Auto der zuvor Bedrohten und flüchtete dann vor der alarmierten Polizei.

Geldbuße in Höhe von 2000 E

Für all das musste sich der Angeklagte gestern vorm Schöffengericht verantworten. Richter Torsten Hoffmann und die ihm zur Seite gestellten Laien verhängten in ihrem Urteil eine einjährige Bewährungsstrafe sowie die Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 2000 e für die vorsätzliche Körperverletzung, die Nötigung in Tateinheit mit Freiheitsberaubung, die Sachbeschädigung und die Nötigung in Tateinheit mit einer fahrlässigen Trunkenheit im Straßenverkehr. Verübt im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, was sich mit einem Blick in die äußeren Zusammenhänge der Geschichte erklärt.

Zwei Jahre lang hatte das Paar vor den gestern angeklagten Taten zusammengelebt, Anfang 2002 fing es dann an zu kriseln. Nachdem sich der Mann aus der Beziehung verabschieden wollte, verübte die Frau einen Selbstmord-Versuch. »An dem Tag hab' ich angefangen, anders zu denken, anders zu fühlen«, erinnerte sich der Angeklagte: »Ich war mir plötzlich bewusst, dass ich diese Frau liebte.« Er wollte zurück zu ihr, sie wollte nun aber ihrerseits keine Beziehung mehr, sondern nur noch Freundschaft. Nun sah er keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord. Beim ersten Mal etwas halbherzig: »Ich nahm alle Medikamente im Haus mit Obstler.« Fürs zweite Mal habe er sich »starke Tabletten« besorgt und gedacht: »So jetzt machst du es aber richtig.« Doch erneut wurde er früh genug gefunden. Anfang Juli suchte er dann die Aussprache mit seiner Ex-Freundin, stark alkoholisiert und unter Medikamenten-Einfluss. Und nun tat er, was er noch nie getan hatte, er wendete körperliche Gewalt an.

Täter und Opfer beschrieben in ihren gestrigen Aussagen gleichermaßen, wie sie das als Schock wahrgenommen hatten. Sie: »Ich war total perplex, so überrascht, dass er mir gegenüber grob wurde.« Er: »Als ich meine Hände an ihrem Hals sah, da bin ich richtig erschrocken.« Wobei die Geschädigte zwar annahm, dass das Würgen ein, zwei Minuten gedauert habe, aber es sei bei ihr zu keiner »akuten Luftnot« gekommen. Wenn auch blaue Flecken zurückblieben.

Viel Trunkenheit im Strafregister

Sehr viel mehr blieb dann von dem Überfall am Arbeitsplatz eine Woche später zurück. Die Geschädigte hatte dem Mann, den sie nach dem ersten Vorfall in die geschlossene Psychiatrie nach Weidenau gebracht hatte, einen Abschiedsbrief dorthin geschrieben. Daraufhin hatte der Alkoholiker – die Hälfte seiner Eintragungen im Strafregister aus den 70er und 80er Jahren hatten mit Trunkenheit zu tun – seinen Koffer gepackt und war nach Wittgenstein gefahren, hatte zuhause kräftig gebechert: »Ich hab dann das erste Bier aufgemacht und dann noch eins und dann noch eins.« Und damit war noch lange nicht Schluss. »Danach bin ich in die Firma, und den Rest weiß ich nicht mehr so genau.«

Da konnte die Geschädigte aushelfen. Sehr anschaulich schilderte sie den Schreck am Arbeitsplatz und den langen Weg zum Auto – stets das Küchenmesser an der Brust. Nach den Schilderungen der Zeugin musste der Angeklagte um seine Fassung ringen.

Bericht sah »sehr gelungene Therapie«

Er hatte inzwischen eine Langzeit-Therapie hinter sich gebracht: 16 Wochen als Pflicht, dann noch mal acht Wochen auf eigenen Wunsch angehängt. Der Abschlussbericht für ihn sprach von einer »sehr gelungenen Therapie«, bei der er sich mutig und mit Engagement sich selbst gestellt habe: Je mehr Gefühle er zeige, desto weniger aggressive und destruktive Impulse gingen von ihm aus.

In seiner neuen, süddeutschen Heimat wartet nach zig Bewerbungen nun vielleicht ein Job auf den Mann. Den Schaden am demolierten Auto des Opfers hatte der Angeklagte ersetzt, die Ex-Freundin hatte schon eine Schmerzensgeld-Vorauszahlung bekommen. Sein letztes Wort gestern richtete er an sein Opfer, nach einem Entschuldigungs-Brief nutzte er die Verhandlung zu einer persönlichen Entschuldigung. Das Urteil nahm er an, denn er wollte endlich einen Schlussstrich ziehen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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