SZ

Erfahrungen einer Hilfsaktion in Ahrweiler
"Das ist Gänsehaut"

Die Zerstörung in Ahrweiler ist groß; bei den Aufräumarbeiten ist jede helfende Hand viel Wert. Julian Hinn war vor Ort und hat mit angepackt.
  • Die Zerstörung in Ahrweiler ist groß; bei den Aufräumarbeiten ist jede helfende Hand viel Wert. Julian Hinn war vor Ort und hat mit angepackt.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Marc Thomas

jh Ahrweiler. Es muss im Sommer des Jahres 2017 gewesen sein. Ich spazierte mit einem Freund am Ufer der Ahr gemütlich entlang. Wir schauten auf die ruhige Ahr mit niedrigem Wasserstand und ihrer gleichmäßigen Strömung. Mehr Flüsschen als gewaltiger Strom in dieser Idylle.

Szenenwechsel. Kaum vier Jahre später stehe ich an nahezu selber Stelle und fühle mich wie im Kriegsgebiet. Ich gehöre zu einem guten Dutzend Menschen, das leidenschaftlich anpackt, um den vollgelaufenen Keller eines Hauses von einer braunen, schmierigen und ölig riechenden Masse zu befreien. Nur wenige Tage vorher war die Ahr nach sintflutartigen Regenfällen zu einem erbarmungslosen Strom mutiert.
Keine Adjektive können die Zerstörung beschreibenVorweg: Dieser Bericht bleibt ein Versuch.

jh Ahrweiler. Es muss im Sommer des Jahres 2017 gewesen sein. Ich spazierte mit einem Freund am Ufer der Ahr gemütlich entlang. Wir schauten auf die ruhige Ahr mit niedrigem Wasserstand und ihrer gleichmäßigen Strömung. Mehr Flüsschen als gewaltiger Strom in dieser Idylle.

Szenenwechsel. Kaum vier Jahre später stehe ich an nahezu selber Stelle und fühle mich wie im Kriegsgebiet. Ich gehöre zu einem guten Dutzend Menschen, das leidenschaftlich anpackt, um den vollgelaufenen Keller eines Hauses von einer braunen, schmierigen und ölig riechenden Masse zu befreien. Nur wenige Tage vorher war die Ahr nach sintflutartigen Regenfällen zu einem erbarmungslosen Strom mutiert.

Keine Adjektive können die Zerstörung beschreiben

Vorweg: Dieser Bericht bleibt ein Versuch. Ein mühsamer Versuch, das zu Papier zu bringen, was ich bei meiner Hilfsaktion im Katastrophengebiet an der Ahr erlebt habe. Der Sprache sind Grenzen gesetzt. Keine Aneinanderreihung von noch so mit Zerstörung assoziierten Adjektiven kann in der Summe den Zustand beschreiben. Viel wichtiger als treffende Adjektive ist an dieser Stelle ein Appell: Helfen Sie den Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben!

"Humor erleichtert die Arbeit
und verbindet Menschen."

Julian Hinn
Helfer in Ahrweiler

Zugegeben: Nach den grausamen Bildern in den Medien hatte ich Respekt vor dieser Aufgabe, der mich zögern ließ. Doch der Gedanke, dort etwas Gutes und Selbstloses zu leisten, ließ diese Zweifel schnell verblassen. Ich entschloss mich mit einem Freund, am nächsten Tag gemeinsam ins Katastrophengebiet zu fahren.

Je näher man der Ahr kommt, desto dramatischer die Situation

Während Ahrweiler am Ortsschild noch nahezu normal wirkt, ändert sich dieses Bild bald. Je näher man der Ahr kommt, desto dramatischer die Situation: Eine staubige Landschaft mit meterhohen Müllbergen vor arg in Mitleidenschaft gezogenen Häusern. An einer Schule angekommen, empfangen uns freundliche Menschen. Ein Herr koordiniert die Einsätze der zivilen Helfer, die in beeindruckenden Mengen dort anwesend sind. Er weist uns ein Haus direkt an der Ahr zu. Auf dem Weg dorthin, der einem Acker gleicht, stampfen wir durch Matsch und treffen auf – so völlig verblüffend dies auch erscheint – sehr gefasste Anwohner. Et kütt wie et kütt. Sie zeigen schon jetzt ihre tiefe Dankbarkeit.

Am Einsatzort angekommen, blicken wir auf ein Haus, dessen Fenster in der unteren Etage zerstört sind und dessen Vorgarten und Garten einem Schlachtfeld gleichen. In meinem Kopfkino stelle ich mir vor, was sich wohl in dieser Straße am Höhepunkt der Katastrophe zugetragen hat. Wieder gedanklich in der Gegenwart angekommen, werfe ich einen Blick in den dunklen Keller des Hauses: Eine fast kniehohe und penetrant ölig riechende Mischung aus Wasser und Schlamm, in der unzählige private Gegenstände schwimmen: Fotos, Kugelschreiber, Kerzen, Spülmaschinentabs, Schraubenschlüssel - ein Bild, das sich tief eingebrannt hat.

Pumpe stößt an ihre Grenze

Der Einsatzkoordinator stellt uns eine Pumpe zur Verfügung. Das Gerät pumpt zunächst den flüssigen Anteil der Masse aus dem Keller. Dies gelingt, doch schnell stößt die Pumpe an ihre Grenzen, da die Masse zunehmend schlammiger und klebriger wird. Ein weiteres Dutzend freiwilliger Helfer stößt währenddessen zu uns. Mit Schaufeln und Schippen befüllen wir Eimer im Keller des Hauses. Die gebildete Menschenkette reicht die Eimer munter weiter und kippt sie aus. Am Ende des Tages werden es bestimmt über tausend weitergereichte Eimer sein.

Die Stimmung unter uns Helfenden ist gut. Wir kommen ins Gespräch und lachen auch mal gemeinsam, während die Ehrfurcht vor der Situation bleibt. Humor erleichtert die Arbeit und verbindet Menschen. Wenn die Pumpe einem das Wasser plötzlich ins Gesicht spritzt, ist Lachen ein Reflex. Irgendwann, nach mehreren Stunden, ist Licht am Ende des Tunnels angesagt. Langsam kann ich den Boden des Kellers erblicken. Ein winziger Teil der Arbeit ist getan. Es fühlt sich verdammt gut an. Gemeinsam haben wir an einem Nachmittag den Keller eines Hauses weitgehend von Schlamm und Wasser befreit.

Besitzer von Engagement und Solidarität tief beeindruckt

Hilfe kann so einfach sein. Der Besitzer ist gerührt. Er bedankt sich für unser Engagement und ist von der Solidarität tief beeindruckt. „Das ist Gänsehaut“, sagt er uns, während seine Stimme leicht zittert. Mit seinen Worten im Ohr begebe ich mich auf die Rückreise. Ein Gefühl voller Zufriedenheit und Erfüllung macht sich breit. Jede helfende, noch so kleine Tat im Katastrophengebiet ist Teil eines riesigen Puzzles. Ich berichte meinen Kollegen. Einer von ihnen packt tatsächlich sofort seine Sachen und fährt nach Ahrweiler. So entstehen Helferketten.

Der Autor dieses Textes, den wir Ihren als Leserinnen und Lestern nicht vorenthalten wollten, ist Julian Hinn. Der gebürtige Wiesenbacher ist jetzt vielen Jahren freier Mitarbeiter der SZ-Redaktion Wittgenstein – obwohl er mittlerweile als Lehrer arbeitet und im Rheinland lebt.

Autor:

Redaktion Wittgenstein aus Bad Berleburg

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen