Die Diedenshäuser Mitgift

Die Deutsch-Amerikanische Gesellschaft lud zum Unabhängigkeitstag in die Kirche ein

awe Diedenshausen. Ein Orchester ist vielleicht schon ein ganz gutes Beispiel für Föderalismus: Jedes einzelne Instrument klingt für sich und spielt die eigene Melodie, zusammen wird ein Konzert daraus. Das wäre dann schon mal ein Grund, warum die Beiträge der Musikklasse vom Johannes-Althusius-Gymnasium so gut passten zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, der auf besondere Weise in diesem Jahr in Diedenshausen begangenen wurde. Die Deutsch-Amerikanische Gesellschaft Siegerland-Wittgenstein hatte die Musikklasse mit Marianne Lohse aber auch eingeladen, weil es an diesem Abend um den Namenspatron des Berleburger Gymnasiums ging.

Eine Feier zum 4. Juli

Johannes Althusius fand übrigens, dass der Mensch erst durch Bildung zum Menschen wird, was Lehrern sicherlich als zitierfähiger Unterrichts-Ansporn gut gefällt. Ein gut gewählter Patron ist er aber aus vielen Gründen. Althusius ist gebürtiger Diedenshäuser und die besondere Lage seines Heimatortes hat Auswirkungen auf die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Das ist nicht weit hergeholt, Helmut Hollenstein, Schulreferent im Kirchenkreis Wittgenstein, zeigte in seinem Vortrag über den Rechtsgelehrten aus dem 16. Jahrhundert sehr genau auf, wie die Gedanken des Wittgensteiners zum Thema Föderalismus sich mit den Auswanderern in Richtung Amerika auf den Weg machten.

Am 4. Juli 1776 lösten sich die Vereinigten Staaten von Amerika politisch von Europa, der 4. Juli wurde zu ihrem Unabhängigkeitstag. Diesen Tag mit Würde zu feiern: Dazu lud der Vorsitzende der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Hans-Werner Braun die Gäste in der Diedenshäuser evangelischen Kirche in diesem Jahr ein.

Das ausgemalte Chor-Gewölbe, unter dem die Musikschüler Platz genommen hatten, sah für Johannes Althusius, der 1563 hier im Schulzenhaus geboren wurde, ganz genau so aus wie heute. In Diedenshausen habe der spätere Rechtsgelehrte den Stolz einer intakten Gemeinschaft kennengelernt, erklärte Helmut Hollenstein. Im Grenzdorf spielten Rechtsfragen eine große Rolle. Hüben und drüben der Grenzlinie, in Wittgenstein und Hessen, konnten ganz unterschiedliche Regeln ihr Recht behaupten und im Dorf selbst konnte man erfahren, dass Recht und Politik eng verzahnt sind, dass es eine Vielzahl von Rechten gibt und dass es gut ist, sich aufs Verhandeln zu verstehen.

Professor in Herborn und in Siegen

Johannes Althusius ging bei Caspar Olevian zur Schule, bekam vom Wittgensteiner Grafen ein Stipendium, studierte Rechtswissenschaften in Marburg und wurde Professor an der Hohen Schule Herborn. Die wechselte ihren Standort schon mal nach Siegen. Das bedeutete für Johannes Althusius die Einheirat in eine Siegener Familie und für die Siegener Universität, dass auch sie mit dem Wittgensteiner über einen gut geeigneten Namenspatron verfügte. Das betonte der Festredner. Mit dem Verweis auf den Diedenshäuser knüpfte man gleichzeitig an politische Ideen, die heute so aktuell sind, wie zu der Zeit, als Althusius sie veröffentlichte – zum Beispiel in seinem Werk »Politica methodice digesta atque exemplis sacris et profanis illustrata – Politik, methodisch dargestellt und durch heilige und weltliche Beispiele veranschaulicht«. Das war im Jahr 1603 – als gerade der Absolutismus en vogue war, wie Hollenstein bemerkte.

Auswanderer lasen Althusius Werke

In dieser Zeit formulierte Althusius die Idee von der Volkssouveränität, warnte vor der Tyrannei und schlug das Delegations-Modell vor. Kaiser und Könige sollten Diener des Volkes, lateinisch: Minister, sein. Er plädierte für den Föderalismus, für einen organisch aufgebauten Staat, in dem jeweils jede Einheit für sich genommen selbstständig ist und nur das an die nächst höhere Ebene delegiert, was allein nicht zu bewältigen ist. Es sei kein Geheimnis, dass die Europäische Union nach diesem Prinzip funktioniere, sagte Helmut Hollenstein.

Für Althusius entsprach dies Föderalismus-Prinzip dem gesunden Menschenverstand: Jeder Mensch brauche die Gemeinschaft. Und damit die funktioniert, gilt es auszugleichen zwischen individuellen Interessen, zu verhandeln. »Der Mensch ist den Menschen Diener«, zitierte Hollenstein den Gelehrten. Dieses Gedankengut sei wohl die Diedenshäuser Mitgift. Außerdem wurzele es in biblischer Tradition: Im Alten Testament spielen Bündnisse eine wichtige Rolle, angefangen beim Bund zwischen Gott und den Menschen. Jede Bundesrepublik führt so das Alte Testament im Namen.

Der Kibbuz als ein praktisches Beispiel

Martin Buber habe Althusius als einen Pionier der realen Utopie bezeichnet, erklärte Hollenstein. Seine Idee der föderalen Gemeinschaft sah Buber im Kibbuz praktisch umgesetzt.

»Föderales Denken ist erlernbar«, sagte Hollenstein, verwies auf die Geschichte der Bundesrepublik und gab Hoffnung für die Europäische Union. Für die Schüler am Berleburger Gymnasium gelten Althusius' Gedanken nicht nur in der Musikklasse: Solidarität, Gerechtigkeit und Würde des Einzelnen stehen dort im Schulprogramm.

Genau wie in der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli. Auswanderer haben die Bücher von Althusius mit in die Neue Welt gebracht. Auf ihre Rolle in der U.S.-amerikanischen Politikwissenschaft verwies Helmut Hollenstein. Zuvor hatte er auch erklärt, dass Bündnispolitik im Sinn des Diedenshäuser die Friedenssicherung zum Ziel hat.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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