Die Kirche, die in der Eder aus der Taufe gehoben wurde

Zwei Jahre vor dem großen Jubiläum erläuterte Ulf Lückel in einer offenen Pfarrkonferenz des Kirchenkreises Wittgenstein die Church of the Brethren

JG Bad Berleburg. Der theologische Ausschuss des Kirchenkreises Wittgenstein hatte das Thema angeregt, um das es jetzt bei einer offenen Pfarrkonferenz im Haus der Kirche an der Berleburger Schlossstraße ging. Deshalb umrahmten der Ausschuss-Vorsitzende Dieter Kuhli und der Wittgensteiner Superintendent Hans-Jürgen Debus den Referenten. Das war – wie kaum anders zu erwarten – der aus Girkhausen stammende Marburger Kirchenhistoriker Ulf Lückel, denn es ging um eines seiner vielen Steckenpferd-Themen: die Schwarzenauer Neutäufer.

300-jähriges Bestehen wird gefeiert

»Einführung in die Geschichte und Theologie der Schwarzenauer Neutäufer« war sein Vortrag überschrieben, denn in 2008 feiert die noch heute bestehende Church of the Brethren–– zu deutsch: Kirche der Brüder – ihr 300-jähriges Bestehen. Dabei orientiert sich die traditionelle Friedenskirche an einem Ereignis, das sich im Sommer 1708 im Edertal zutrug. Wichtigster Protagonist dabei war Alexander Mack, dessen Name ja auch heute noch in Schwarzenau präsent ist.

1708 ist der zeitliche Bezugspunkt

Der aus der Nähe von Heidelberg stammende gelernte Müller sei wie viele Andere um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert auf Distanz zu seiner reformierten Ortskirche gegangene und habe sich immer stärker radikal-pietistischen Ideen zugewandt. Vermutlich Anfang 1708 sei er nach Schwarzenau und damit – nach der damaligen Grenzziehung – in die Wittgensteiner Südgrafschaft gekommen: »Der fromme Landesherr Graf Henrich Albrecht zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein gewährte ihnen allen hier Asyl. In Schwarzenau beschäftigten sich Mack und einige andere Separatisten intensiv mit der Frage, ob nicht eine Glaubenstaufe viel wichtiger sei als die in der Amtskirche praktizierte Säuglingstaufe.«

Alexander Mack war der erste Täufer

Schnell bekam gerade diese Frage ihre eigene Dynamik, und nach Los-Entscheid war es dann Mack, der Anfang August 1708 als Erwachsenen-Täufer fungierte. »Als sie nun darzu bereitet waren, so giengen sie des Morgens in der Einsamkeit selb achte hinaus an das Wasser genannt die Aeder, und der Bruder, auf den das Looß gefallen war, Tauffte zuerst den Bruder, der von der Gemeinde Christi wollte getauft seyn, und als er getauft war, taufte er den, der ihn getauft hatte, und die übrigen 3 Brüder und 3 Schwestern; und so wurden sie alle 8 getauft in der frühen Morgen-Stunde.« So ist in einem Buch festgehalten, das 1774 im amerikanischen Germantown veröffentlicht wurde.

Bis 1720 in Schwarzenau geblieben

Mittlerweile hatten die Neutäufer nämlich Wittgenstein längst verlassen. Bis 1720 blieben sie mit ihrem Leiter Mack in Schwarzenau und dem Hüttental wohnen: »Allerdings wurde die Lage dort immer angespannter, zumal es Streitereien zwischen den verschiedensten separatistischen Gruppen gab, und auch die politische Großwetterlage änderte sich, als Henrich Albert sich die Regentschaft mit seinem Bruder August David teilen musste«, erläuterte Ulf Lückel. 1720 hätten sich die Schwarzenauer Neutäufer auf den Weg in die Niederlande gemacht, neun Jahre später sei Mack schließlich mit 120 Schwestern und Brüdern nach Pennsylvania in die USA gegangen. Diese Geschichte bettete Ulf Lückel sehr genau in die allgemeine und im Besonderen in die pietistische Wittgensteiner Historie ein. Darüber hinaus beleuchtete er in Schlaglichtern die Theologie der Neutäufer: Dabei ging es um Kirchenzucht und Bann, den Friedenskuss, das Liebesmahl in der Abgrenzung zum Abendmahl, die Fußwaschung sowie die von der Brüderkirche praktizierte Untertauchtaufe.

Ganz eindeutig gegen die Wiedertaufe

Durch ihre anschließenden Nachfragen setzten die Zuhörer noch einmal ganz eigene Schwerpunkte: Der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli etwa ließ sich von Ulf Lückel noch einmal die Flüchtlingszahlen aus der damaligen Zeit bestätigen: 300 Menschen in Schwarzenau, 1000 Flüchtlinge in Berleburg. In Relation zur damaligen Wittgensteiner Bevölkerung gesetzt eine schier unfassbare Zahl. Zudem wies Dieter Kuhli auf die Problematik der Wiedertaufe hin – dass also die bei uns übliche Säuglingstaufe durch die vom Erwachsenen selbstbestimmte Glaubenstaufe wiederholt wird. Hier konnte ihn Ulf Lückel beruhigen, Wiedertaufe werde von der Church of Brethren heute abgelehnt.

Heute gibt es viele Mitglieder in Nigeria

Johannes Weissinger, Pfarrer aus Bad Berleburg, wollte hingegen mehr über die Militärdienst-Verweigerung der Brüderkirche wissen. Auch hierzu konnte Ulf Lückel erschöpfend Auskunft geben, genauso wie über die Situation der Schwarzenauer Neutäufer. Heute gehören zu ihnen rund 300000 Gläubige: 140000 davon in Amerika, Europa und Asien, 160000 in Afrika, vor allem in Nigeria, wo weiter kräftig missioniert wird. Wobei es den großzügigen Spendern in Amerika wirklich wichtig sei, dass es den Menschen in der Fremde besser gehe. Auch die Schwarzenauer bekamen nach dem Zweiten Weltkrieg sehr schnell wieder eine Wasserleitung, aufgrund der Unterstützung aus den USA. Obwohl es gerade einmal 60 Jahre her ist, wissen das heute nicht mehr viele Wittgensteiner. Was übrigens für die ganze spannende Geschichte der Glaubensgemeinschaft gilt.

Die Geschichte in Erinnerung rufen

Für den Historiker Ulf Lückel Grund genug für einen Aufruf: »Es ist von daher etwa ganz Besonderes, dass diese Freikirche ihre Wurzeln hier bei uns hat, und es gilt nicht nur, daran zu erinnern, sondern auch diese Tatsachen publik zu machen. Gerade uns, als Vertretern von Kirche sollte das ein wichtiges Anliegen sein.«

Wer mehr über die Glaubensgemeinschaft wissen möchte, bevor ihre Mitglieder zum Jubiläum nach Wittgenstein kommen, der könnte dem Schwarzenauer Alexander-Mack-Msueum einen Besuch abstatten. An jedem ersten Sonntag des Monats – also auch morgen – ist es wieder von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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