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Borkenkäferbefall hat unumkehrbare Folgen
Düstere Aussichten für den Wittgensteiner Wald

Viele dieser Bäume in der Nähe des Kunstwerks „Goldenes Ei“ sind bereits gestorben, die Borkenkäfer haben ihr Unwesen getrieben. Lange dürften die Nadelgewächse nicht mehr stehenbleiben. Denn selbst die scheinbar gesunden Fichten sind befallen.
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  • Viele dieser Bäume in der Nähe des Kunstwerks „Goldenes Ei“ sind bereits gestorben, die Borkenkäfer haben ihr Unwesen getrieben. Lange dürften die Nadelgewächse nicht mehr stehenbleiben. Denn selbst die scheinbar gesunden Fichten sind befallen.
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  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

tika Bad Berleburg. Der Wald in Wittgenstein ist wie ein schwerkranker Patient. Die Ärzte kämpfen mit aller Macht um sein Leben, doch letztlich geht es nur darum, seine verbleibende Zeit so erträglich wie möglich zu gestalten. Es ist nichts mehr zu retten, das wissen die Ärzte. Und der Patient weiß es auch. Die Ärzte machen daraus kein Geheimnis – und legen den Angehörigen den Zustand schonungslos offen. Nur ist der Patient eben der Wald, die Ärzte sind die Förster – und die Angehörigen sind die Menschen, die den Wald erst in diesen bedauernswerten Zustand getrieben haben. Im Rahmen eines Waldspaziergangs in Bad Berleburg nahmen die Verantwortlichen des Regionalforstamtes Siegen-Wittgenstein rund um ihren Leiter Diethard Altrogge am Dienstagabend kein Blatt vor den Mund.

tika Bad Berleburg. Der Wald in Wittgenstein ist wie ein schwerkranker Patient. Die Ärzte kämpfen mit aller Macht um sein Leben, doch letztlich geht es nur darum, seine verbleibende Zeit so erträglich wie möglich zu gestalten. Es ist nichts mehr zu retten, das wissen die Ärzte. Und der Patient weiß es auch. Die Ärzte machen daraus kein Geheimnis – und legen den Angehörigen den Zustand schonungslos offen. Nur ist der Patient eben der Wald, die Ärzte sind die Förster – und die Angehörigen sind die Menschen, die den Wald erst in diesen bedauernswerten Zustand getrieben haben. Im Rahmen eines Waldspaziergangs in Bad Berleburg nahmen die Verantwortlichen des Regionalforstamtes Siegen-Wittgenstein rund um ihren Leiter Diethard Altrogge am Dienstagabend kein Blatt vor den Mund. Sie gaben eine Überblick über den Zustand der Wälder – und einen Ausblick auf die Entwicklung des Forsts im gesamten Altkreis Wittgenstein.

Die Hitze des Vorjahres und die andauernde Trockenheit haben den Weg für verheerende Schäden gerade in den Fichtenwäldern – sie machen 80 Prozent des Forsts in Wittgenstein aus – geebnet. Betroffen vom Befall der Borkenkäfer sind aber auch andere Baumarten. „Ein Baum bringt rund 1,6 Mrd. Borkenkäfer hervor – und dann ist das Ding verloren“, formulierte es Diethard Altrogge drastisch. Denn ob der neuen klimatischen Bedingungen sind die Borkenkäfer in der Lage gewesen, binnen eines Jahres vier statt bislang drei Generationen hervorzubringen – die Zahl der Schädlinge ist damit exorbitant gestiegen. Anders formuliert: Die Arbeit, die Waldbesitzer in Wittgenstein in rund 200 Jahren verrichtet haben, ist binnen zwei Jahren nahezu zerstört. „Die Käfer haben die Bäume umgebracht, gestorben sind sie aber durch die Trockenheit“, erklärte Klaus Daum beim Rundgang durch den Bad Berleburger Stadtwald.

Der Revierförster im Eder- und Elsofftal verdeutlichte zugleich, dass sich sämtliche Wälder in Wittgenstein in diesem Zustand befinden – unumkehrbar. Durch die Kalamitäten ist der Markt regelrecht übersättigt durch die entstandenen Holzmengen, vor Sägewerken entstehen immer wieder Lkw-Schlangen. „Die Sägewerke fahren drei Schichten, um das Holz vor dem Verfall zu retten, die sind an der Grenze“, erklärte Klaus Daum.

Dies allerdings gilt auch für die Waldbesitzer, die den finanziellen Ruin fürchten, und für die Förster, die sogar auf Urlaub verzichtet haben, um zu retten, was zu retten ist. Die Holzmengen sind derart groß, dass die Waldbesitzer einige Bäume gar nicht schlagen können. „Wir müssen die drei- bis vierfache Jahresmenge vermarkten“, erklärte Dr. Helmut Roth das Unmögliche. Dem Vorsitzenden des Waldbesitzervereinigung (WBV) Wittgenstein waren die Sorgenfalten buchstäblich auf die Stirn gezeichnet – ebenso wie dem Kämmerer der Stadt Bad Berleburg, Gerd Schneider. Bislang hatte die Kommune sechsstellige Gewinne durch die Holzvermarktung erzielt – diese Zeiten sind vorbei. Durch die Holzflut fällt der Preis auf ein Minimum, es gibt bereits Orte in der Bundesrepublik, in denen die Vermarktung für Besitzer ein Minusgeschäft ist.

Dies ist den Waldbesitzern in Wittgenstein bislang erspart geblieben, die 2007 gegründete WBV verfügt über entsprechende Strukturen, um dieses Schicksal zumindest bislang abzuwenden – seit Juli hat sie die Holzvermarktung im Privat- und Körperschaftswald komplett übernommen und arbeitet nun eng mit dem Forstamt zusammen. Dass sich der Markt nun kartellrechtlich öffnen muss und auch externe Anbieter die Möglichkeit bei einem entsprechenden Zuschlag der Besitzer erhalten sollen, die Aufgaben im Forst zu übernehmen, konterkariert das ökologische Bemühen in gewisser Weise, wenngleich es rechtlich überfällig war.

Aber: Finanzieller Schaden – nicht nur ein massiver Einbruch der Gewinne und Umsätze – ist nur noch eine Frage der Zeit. Längst ist ohnehin klar, dass das beschädigte Holz nicht vollständig aufzuarbeiten ist. „Im Herbst entscheidet sich, welche Bäume wir stehen lassen“, verriet Diethard Altrogge. Dabei könnte es vor allem die ohnehin schon toten Bäume treffen, derweil die vermeintlich gesunden Fichten fallen. Denn: Unter der Rinde dieser noch grünen Bäume haben sich die Borkenkäfer bereits eingenistet, ihr Schicksal ist besiegelt. Den Beweis traten die Verantwortlichen im Rahmen des Rundgangs mehrfach an zufällig ausgewählten Gewächsen an. Gerade deshalb fällen sie diese Bäume, um die Ausbreitung der Käfer einzudämmen.

Mehr allerdings ist nicht mehr möglich. „Der Borkenkäfer hat uns überrollt“, erklärte Diethard Altrogge. Denn das bloße Einschlagen ist kein Allheilmittel, nur rund 20 Prozent der Käfer sind an den Bäumen, die übrigen 80 Prozent befinden sich auf dem Boden – eine Holzernte bleibt ob der schnellen Vermehrung wirkungslos. „Die gesamte alte Fichte in Wittgenstein wird verschwinden. Es ist extrem, aber es ist so“, erklärte Klaus Daum. Will heißen: Der Wald wie er einmal war, ist schon bald Geschichte.

„Es wird schon bald einen kontinentalen Baumaufbau geben. Wir müssen uns auf ein kontinentales Klima mit heißen Sommern und anschließend heftigem Regen einstellen. Für Waldbesitzer ist das eine Riesenzensur“, erklärte Diethard Altrogge. Bis es soweit ist, müssen die Verantwortlichen den Niedergang des Waldes vermutlich hilflos mit ansehen – die ökologischen und ökonomischen Schäden sind gleichermaßen beträchtlich. Mit einem Zeitraum von rund sieben Jahren rechnen die Verantwortlichen, bis dahin haben sich zugleich die Fressfeinde der Borkenkäfer formiert und die Zahl Schädlinge auf natürlichem Wege eingedämmt.

„Wie wir den Wiederaufbau gestalten ist offen. Eigentlich brauchen wir ein Solidaritätsmodell mit den Jägern, weil das Wild uns sonst alle neuen Pflanzen wegfrisst. Aber die jagen natürlich nicht, um den Wildbestand einfach abzusenken. Die andere Lösung ist das Gattern der kleinen Gewächse, aber das kostet wiederum ein Vermögen“, drehte Diethard Altrogge die Thematik weiter. Dass es gelingt, daran hatte der Forstamtsleiter keine Zweifel. „Wir haben viele junge Förster, die die Situation meistern wollen. Daraus wird etwas Gutes erwachsen, auch wenn es derzeit nicht so aussieht.“ Er hätte die Vokabel „wird“ auch durch „muss“ ersetzen können – andernfalls nämlich sind die Angehörigen in nicht allzu ferner Zukunft die Patienten, die nicht mehr zu retten sind. Ärzte gibt es dann keine mehr.

Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

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