SZ-Plus

Viele Fragen sind offen
Eingeschränkter Regelbetrieb in Kitas startet

Die AWo-Kindertagesstätte in Oberndorf hat ein Absperrband über das Außenareal gezogen. Auf diese Weise wollen die Verantwortlichen eine Durchmischung der Gruppen auch  außerhalb des Gebäudes verhindern.
  • Die AWo-Kindertagesstätte in Oberndorf hat ein Absperrband über das Außenareal gezogen. Auf diese Weise wollen die Verantwortlichen eine Durchmischung der Gruppen auch außerhalb des Gebäudes verhindern.
  • Foto: Timo Karl
  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

tika Wittgenstein. Wenn es darum geht, Lockerungen in der Corona-Krise zu verordnen, dann lässt die NRW-Landesregierung nicht lange auf sich warten. Ministerpräsident Armin Laschet hatte durch dieses Vorgehen in den vergangenen Monaten immer wieder von sich reden gemacht, stand es doch im krassen Kontrast zur durch Bundeskanzlerin Angela Merkel verordneten Marschroute – die beiden Christdemokraten waren sich offenkundig uneins. Die nächste krasse Lockerung tritt nun am kommenden Montag, 8. Juni, in Kraft. Dann nämlich starten die Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen mit dem eingeschränkten Regelbetrieb – die Notbetreuung ist damit passé.

Für Eltern eine Erleichterung, wenngleich die Betreuungszeit zunächst kürzer ausfällt als vor Corona – meist zehn Stunden weniger als gebucht.

tika Wittgenstein. Wenn es darum geht, Lockerungen in der Corona-Krise zu verordnen, dann lässt die NRW-Landesregierung nicht lange auf sich warten. Ministerpräsident Armin Laschet hatte durch dieses Vorgehen in den vergangenen Monaten immer wieder von sich reden gemacht, stand es doch im krassen Kontrast zur durch Bundeskanzlerin Angela Merkel verordneten Marschroute – die beiden Christdemokraten waren sich offenkundig uneins. Die nächste krasse Lockerung tritt nun am kommenden Montag, 8. Juni, in Kraft. Dann nämlich starten die Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen mit dem eingeschränkten Regelbetrieb – die Notbetreuung ist damit passé.

Für Eltern eine Erleichterung, wenngleich die Betreuungszeit zunächst kürzer ausfällt als vor Corona – meist zehn Stunden weniger als gebucht. Durchaus bemerkenswert, denn bislang hatte NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) eine Öffnung dieses Ausmaßes erst für September in Aussicht gestellt. Für die Kitas bedeutet die eingeschränkte Öffnung vor allem ein hohes Maß an Aufwand. Die Siegener Zeitung hat eruiert, ob die Einrichtungen im Altkreis Wittgenstein für den Neustart unter besonderen Bedingungen gerüstet sind. Die Gefühlslage ist durchaus gemischt. „Es gibt viele Regeln die wir zu beachten haben, hinsichtlich der Hygiene, aber auch der räumlichen Trennung der Kinder“, erklärte Doro Vetter vielsagend. Die Einrichtungsleiterin der Kita „Blauland“ in Raumland war ob des bevorstehenden eingeschränkten Regelbetriebs alles andere als amüsiert.

„Es gibt noch viele Unsicherheiten, die mit den Regeln verbunden sind und die die Öffnung mit sich bringt. Alle Regeln einzuhalten, das geht nicht. Wir versuchen umzusetzen was geht. Wenn es nicht funktioniert, dann rufe ich die Behörde an, um nach einer Lösung zu fragen. Wenn ich die nicht bekomme, dann muss ich nach gesundem Menschenverstand entscheiden“, nahm die Einrichtungsleiterin kein Blatt vor den Mund. Klar sei, dass die Kita alle Maßnahmen umsetze, die im Bereich des Möglichen liegen. Dies sei aber aufgrund der jahrelangen Versäumnisse in der Bildungspolitik problematisch.

„Das Bildungssystem in Deutschland ist heruntergewirtschaftet. Es fehlt vor allem an Personal“, haderte Doro Vetter. Ausdrücklich betonte sie, dass sie sich grundsätzlich auf die Rückkehr der Kinder freut. „Wir freuen uns riesig, wenn die Kinder wiederkommen. Und wir werden sie behandeln wie vor Corona, das ist doch ganz klar“, konstatierte die Einrichtungsleiterin, die das Verhalten der Eltern während des „Lockdowns“ lobte: „Die Eltern sind verständnisvoll, das ist gut und wichtig.“

Ihre Kritik richtete sie auch nicht etwa an den Kreis Siegen-Wittgenstein, der letztlich nur Bindeglied zwischen Kitas und Entscheidungsträgern sei. „Der Laden soll und muss weiterlaufen. Wir müssen die Gruppen auseinanderhalten – infiziert sich allerdings nur ein Kind, müssen wir eine ganze Gruppe schließen. Und beweisen, dass die Kinder keinerlei Kontakt mit anderen Gruppen hatten“, haderte Doro Vetter. Bislang hatte in der Kita die Musikschule stattgefunden, die nun im Rumilingene-Haus über die Bühne geht. „Und dort sind die Kinder dann in einem Raum“, erklärte die Einrichtungsleiterin vielsagend – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich die Kinder privat grundsätzlich unabhängig von ihrer Kita-Gruppe treffen dürfen. „In der Theorie passt vieles, Papier ist geduldig. In der Praxis fällt das dann aber alles zusammen.“

Vorfreude auf die Rückkehr der Kinder verspürte auch Andrea Nölling. Die Einrichtungsleiterin der AWo-Kitas im Feudinger Tannenwald sowie in Oberndorf sah die beiden Standorte „vorbereitet. Wir sind gerade durch die AWo als Träger mit vielen Informationen versorgt worden und haben uns viele Gedanken gemacht. Klar ist: Wir müssen viele Dinge umsetzen“, erklärte Andrea Nölling. Gerade mit Blick auf die Gruppeneinteilung hätten die Verantwortlichen viele Überlegungen angestellt – eine Durchmischung müssen sie schließlich verhindern. Gerade für die Kinder dürfte vor allem das Betreten der jeweiligen Kitas befremdlich sein. In sämtlichen Einrichtungen nämlich müssen die Erzieherinnen die Kinder nämlich mit einer Schutzmaske von den Eltern entgegennehmen. Der Mindestabstand ist dabei nämlich nicht zu wahren. Die Eltern wiederum dürfen derzeit keine Kita betreten. „Wir haben die Eltern gebeten, ihre Kinder auf diese Situation vorzubereiten. In der Kita selbst tragen wir natürlich keine Maske“, berichtete Andrea Nölling die gängige Praxis in allen NRW-Kitas. Dass der Mindestabstand im Alltag zu den Kindern nicht zu halten ist, erklärt sich quasi von selbst – und hat sich während der Notbetreuung auch längst gezeigt.

Zweifellos hat der eingeschränkte Regelbetrieb vor allem auf emotionaler Basis aber auch positive Seiten. „Die Kinder freuen sich, wieder herkommen zu dürfen. Es geht da schließlich um soziale Kontakte, um Spielmöglichkeiten, die sie zuhause nicht hatten. Wir Erzieherinnen freuen uns ebenfalls wahnsinnig, dass es losgehen kann. Die Arbeit mit den Kindern macht uns schließlich Spaß“, erklärte Pia Dirkmann-Patt. Die Einrichtungsleiterin der AWo-Kita Benfe fühlt sich „gut aufgefangen durch den Träger. Wir haben da einen starken Rückhalt“. In den vergangenen Wochen haben die Verantwortlichen viel organisiert, statt des offenen Konzeptes sind künftig Gruppen notwendig. Alle Kinder sollen dabei stets Zugriff auf alle Materialien haben, um Gerechtigkeit untereinander herzustellen – trotz räumlicher Trennung. Innerhalb der Räume desinfizieren die Erzieherinnen das Spielmaterial und reinigen alles regelmäßig. Entsprechend sind alle Räume nun ausgestattet. Auf dem Außenareal wollen die „Waldwichtel“-Betreuer an diesem Freitag noch bauliche Vorkehrungen treffen, um die Trennung auch dort zu gewährleisten. Zudem besteht weiterhin die Möglichkeit, mit den Kindern in den Wald zu gehen, wo ein entsprechendes Areal zur Verfügung steht. „Wir sehen uns gut gerüstet, auch deshalb, weil die Eltern so flexibel sind“, betonte Pia Dirkmann-Patt.

Ausdrücklich lobte auch Angelika Krämer die Eltern, die sich bislang „alle vorbildlich verhalten“ hätten. Die Einrichtungsleiterin der Evangelischen Kindertageseinrichtung Bäderborn in Bad Laasphe blickte optimistisch auf den kommenden Montag. „Das wird natürlich etwas anderes als vor Corona, aber wir sind gut vorbereitet“, wusste die Verantwortliche der Einrichtung in der Lahnstadt. Insgesamt drei Gruppen sind eingerichtet, die bereits im Notbetrieb bestehen. „Wir fahren das jetzt hoch“, erläuterte Angelika Krämer. Bislang sei dies auch deshalb gut möglich, weil das Wetter mitgespielt habe.

„Wir können mit den Kindern rausgehen, das ist gut.“ Damit die Kinder, die am Montag erstmals nach Monaten wieder in die Kita zurückkehren, kein fremdes Setting erwartet, stehen die jeweiligen Erzieherinnen als Bezugspersonen parat. „Wir haben im Vorfeld jede Familie angerufen, um alle Beteiligten vorzubereiten. Denn auch für die Eltern ist das Ganze ein Spagat“, erklärte Angelika Krämer mit Blick auf die neue Situation für die Kinder, aber auch auf die reduzierten Betreuungszeiten – die Regelungen gelten zunächst landesweit bis zum 31. August. Dies schließt auch ein, dass die Betreuerinnen nun sehr genau hinschauen müssen. „Kranke Kinder dürfen nicht in die Kita. Sehen wir das an der Tür, müssen wir sie sofort nach Hause schicken. Wenn eine Krankheit während der Betreuungszeit eintritt, müssen die Kinder sofort abgeholt werden“, konstatierte die Einrichtungsleiterin.

Grundsätzlich soll das gesamte Angebot parat stehen – die Kinder sollen etwa die Turnhalle oder das Außenareal im Rotationsprinzip nutzen dürfen. Die Devise lautet: So viel Alltag wie möglich. Daher finden auch wie gehabt die Sommerferien statt – und Stand jetzt auch die Eingewöhnung für die Kinder, die im neuen Kindergartenjahr hinzukommen. „Die Termine für die Eingewöhnung sind gemacht. Und dann dürfen selbstverständlich auch die Eltern der neuen Kinder mit in die Kita kommen – so wie es aussieht. Aber anders ist es ja gar nicht machbar“, berichtete Angelika Krämer. Will heißen: Die Verantwortlichen haben viel durchgeplant, Unsicherheiten bleiben.

Gerade die Anfangsphase dürfte noch viele Stolpersteine für die Kitas bergen. Das Land NRW hatte versprochen, „zeitnah“ zwei Mill. FFP2-Schutzmasken und drei Mill. OP-Masken an die Jugendämter zu verteilen. „Davon haben wir bislang noch nichts gesehen“, konstatierte Doro Vetter am Donnerstag. Dieser Freitag ist der letzte Werktag vor dem Start des eingeschränkten Regelbetriebs.

Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

Timo Karl (Redakteur) auf Facebook
Timo Karl (Redakteur) auf Instagram
following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Entspannt von zu Hause erfahren, was die Region bewegt.

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Die kalte und dunkle Jahreszeit ist längst angebrochen. Es beginnt die Zeit für kuschelige Decken, wärmende Tees und natürlich Stoff zum Lesen. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung....

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen