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Interview: GEW-Vorsitzende Jutta Born zu alternativen Unterrichtsformen
„Einige Schüler verlieren wir“

Die Siegener Zeitung befragte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wittgenstein über Präsenzunterricht und alternative Unterrichtsformen (Symbolbild).
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  • Die Siegener Zeitung befragte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wittgenstein über Präsenzunterricht und alternative Unterrichtsformen (Symbolbild).
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vc Wittgenstein. „Frühere Zukunftsutopien über die Digitalisierung von Unterricht in Form von Videounterrichten und E-Learning sind gestrichen.“ Diese Meinung vertritt Jutta Born, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Wittgenstein, die Fragen zum aktuellen Distanzunterricht im Gespräch mit der Siegener Zeitung beantwortet.
Frau Born, ist der Präsenzunterricht weiterhin essenziell?
Wir alle erfahren gerade, wie wichtig ein ordentlicher Präsenzunterricht für die Bildung unserer Schüler ist. Die kleinen Rückmeldungen, schnell gestellte Fragen, individuelle Hilfen, der Blick in fragende oder wissende Gesichter, der kleine Zuspruch, die kurze Motivation oder Ermahnung – all das macht Unterricht aus.

vc Wittgenstein. „Frühere Zukunftsutopien über die Digitalisierung von Unterricht in Form von Videounterrichten und E-Learning sind gestrichen.“ Diese Meinung vertritt Jutta Born, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Wittgenstein, die Fragen zum aktuellen Distanzunterricht im Gespräch mit der Siegener Zeitung beantwortet.
Frau Born, ist der Präsenzunterricht weiterhin essenziell?

  • Wir alle erfahren gerade, wie wichtig ein ordentlicher Präsenzunterricht für die Bildung unserer Schüler ist. Die kleinen Rückmeldungen, schnell gestellte Fragen, individuelle Hilfen, der Blick in fragende oder wissende Gesichter, der kleine Zuspruch, die kurze Motivation oder Ermahnung – all das macht Unterricht aus. Diese Kleinigkeiten sind uns vielleicht bisher im Unterricht nicht immer sofort aufgefallen, und doch merken wir gerade, wie wichtig diese Kommunikation und Interaktionen sind.

Wie läuft der Distanzunterricht an den Schulen?

  • So viele Kollegen haben sich seit dem ersten Lockdown in den Distanzunterricht intensiv eingearbeitet und viel Zeit und Mühe im Interesse der Schüler reingesteckt. Und dies nicht, weil wir so gut vorbereitet wurden. Wir nutzen unsere eigenen privaten Geräte, haben auf eigene Kosten Headsets, Software und Cams angeschafft und legen mit viel Eigeninitiative los. Sicherlich immer mal holprig, aber mit hohem Engagement für die Schüler. Aber werden wir allem gerecht? Einige Schüler verlieren wir. Die wissen nicht, wie sie Fragen formulieren und können sich ohne äußere Rahmenbedingungen nur schwer motivieren. Und was dies langfristig bedeutet, wissen wir ehrlich gesagt nicht.

Wie ist es um die technische Ausstattung bestellt?

  • Ein Digitalpaket auf politischer Ebene ist sicherlich eine Willensbekundung. Welche Kollegen sind eigentlich solche Experten, dass man in kurzer Zeit einschätzen kann, welche Geräte langfristig sinnvoll sind, welche Komponenten die besten sind? Die pandemiegebeutelte Welt hat außerdem gerade gar keine Kapazitäten, Deutschlands Schulen kurzfristig mit digitalen Geräten auszustatten. Viele Schulen warten bis heute auf die Geräte. Da an den Schulen entschieden werden soll, wer ein Leihgerät bekommt, entwickeln Lehrer neben dem ungewohnten Distanzunterricht, Prüfungsvorbereitung auf Entfernung etc. auch noch Leihverträge und Sozialpläne. Der Anteil der förderbedürftigen Schüler ist bei vielen Schulen deutlich größer als der zugewiesene Etat. Ungeregelt ist der Support. Wer spielt die notwendige Software auf die Geräte? Sind genug Lizenzen da? Was passiert mit defekten Geräten? Muss jeder selbst ein Software- oder Reparaturexperte sein? Und was ist eigentlich, wenn Geräte überaltert sind? Bestellen wir dann mit gleichem Etat ein Update? Hier sind dringend Pläne und Unterstützungen notwendig.

Wie schätzen sie die Problematik eines erneuten Präsenzunterrichts in Corona-Zeiten ein?

  • Trotz umfangreicher Hygienekonzepte ist die Gewährleistung von Schutzmaßnahmen für Schulen nicht immer einfach. Wir trennen die Gruppen, aber Toilettenanlagen, Fachräume und die Zahl der Eingänge an Schulen sind leider begrenzt. Nach dem Unterricht fahren sie gerade hier im ländlichen Bereich wieder in öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrgemeinschaften nach Hause. Lüften in Schulen ist sinnvoll und notwendig. Aber bestimmte Temperaturen machen diese Vorsorgemaßnahme zu einer echten Zumutung. Damit die Schüler nicht auf dem Schulhof zusammentreffen, lassen wir sie in den Pausen in den Klassenverbänden. Da gar nicht genügend Aufsichten zur Verfügung stehen, kann sich jeder vorstellen, dass Abstand und Maskenpflicht in diesen Situationen nicht einfach umzusetzen sind. Also, wollen wir unsere Schüler, während Pandemie und Mutanten des Virus grassieren, in diese Situationen bringen, die in der Theorie manchmal gut klingen, aber in der Umsetzung bei noch so gutem Willen aller Beteiligten ganz schön viele Tücken haben?

Am 22. Februar beginnt laut Landesregierung wieder der Präsenzunterricht in einigen Schulen. Inwieweit liegen Ihnen Informationen vor und wie schätzen Sie die Stimmung bei Schülern und Lehrern vor dem Neustart ein?

  • Eine schwierige Frage, da wir den Präsenzunterricht wünschen. Die offiziellen Informationen geben den Schulen viel Gestaltungsspielräume. Das klingt erstmal gut, einige Optionen sind für viele Schulen aber nicht umsetzbar. Schüler und Eltern melden gerade in Zeiten von Corona-Mutanten viele Bedenken an. Ich wünsche uns allen, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen, um alle an Schulen Beteiligten gesund durch diese Pandemiezeit zu bringen.
Die Siegener Zeitung befragte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wittgenstein über Präsenzunterricht und alternative Unterrichtsformen (Symbolbild).
Die Siegener Zeitung sprach mit Jutta Born, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wittgenstein über Präsenzunterricht und alternative Unterrichtsformen. Die pandemiegebeutelte Welt habe gerade gar keine Kapazitäten, Deutschlands Schulen kurzfristig mit digitalen Geräten auszustatten, sagt sie.
Autor:

Redaktion Wittgenstein aus Bad Berleburg

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