Einspruch gegen Strafbefehl wurde teuer

jg Bad Berleburg. Zwei zu Zwei - vordergründig war das der Zwischenstand, der sich gestern nach der Beweisaufnahme und vor der Urteilsverkündung im Berleburger Amtsgericht ergab. Der Angeklagte aus Bad Berleburg und seine Ehefrau als Zeugin erzählten ihre Version einer Geschichte, ein Laaspher und seine Mutter erzählten eine deutlich andere Version. Dabei drehte es sich doch um ein- und dieselbe Sache, die sich am Tag vor Nikolaus vor einem Geschäft in der Laaspher Stockwiese zutrug. Dabei ging es um einen gereckten Mittelfinger.

Der Täter erinnerte sich folgendermaßen: Er wollte nach rechts zum Westmarkt-Parkplatz abbiegen, wurde deshalb langsamer und hinter ihm ertönte sofort ein Hupkonzert, obwohl auf der breiten und freien Straße „In der Aue“ doch eigentlich jeder an dem abbiegenden Auto hätte vorbeifahren können. Gestikuliert habe er nicht, vor Schreck habe er lediglich die Hände vom Steuer genommen, als er das Hupen gehört habe. Außerdem sei es unwahrscheinlich, dass man von außen was in seinem Auto habe sehen können. Der Tigra habe viel zu kleine Scheiben - und zur Klarstellung sagte der 48-jährige Angeklagte noch einmal deutlich: „Ich habe keinen Stinkfinger gezeigt.“ Seine Ehefrau fand, dass er dazu gar keine Möglichkeit gehabt hätte: Er sei schließlich beim Abbiegen gewesen und hätte deshalb beide Hände am Steuer haben müssen. Ob ihr Mann einen Stinkefinger gezeigt habe? „Das schließe ich aus,“, so die klare Einlassung der Ehefrau.

Der Geschädigte erinnerte sich folgendermaßen: Das Auto des Berleburgers habe einfach ohne irgendein Zeichen auf der Straße gestanden. Der Laaspher wollte vorbeifahren, konnte aber nicht, weil soviel Verkehr wegen des neuen Einkaufszentrums in der Stockwiese gewesen sei. Deshalb habe er - mit zeitlicher Verzögerung - zweimal gehupt, erst daraufhin habe sich das Auto des Berleburgers in Bewegung gesetzt und sei nach rechts zum Westmarkt abgebogen. Im Vorbeifahren sahen Sohn und Mutter den Stinkefinger des Berleburgers, was beide im Gericht unabhängig voneinander erzählten. Dieses „unabhängig“ hatte auch Judith Hippenstiel von der Staatsanwaltschaft ganz klar wahrgenommen. Mutter und Sohn hätten ihre Erinnerungen erzählt, die seien nicht abgesprochen gewesen. Jeder habe sich gerade an das entsinnen können, was ihn in der konkreten Situation interessiert habe. Anders die Erinnerungen des Angeklagten und seiner Ehefrau, diese seien einfach deckungsgleich gewesen. Deshalb könne sie auch der Aussage von der Ehefrau keinen Glauben schenken. Sie werde sogar prüfen, ob ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage einzuleiten sei. Die Oberamtsanwältin beantragte als Sanktion für den Angeklagten eine Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je 90 Euro.

Die Zahl der Tagessätze war damit genau so hoch wie in dem ursprünglichen Strafbefehl, gegen den der jetzt Angeklagte Widerspruch eingelegt hatte. Die Tagessatz-Höhe indes fiel deutlich höher aus als im Strafbefehl. Bei 35 Euro hatte die ursprünglich gelegen, aufgrund der Erkenntnisse über die wirtschaftliche Situation des Angeklagten, die in der gestrigen Verhandlung erörtert wurde, sollten es nun 90 Euro sein, so dass die Strafe mehr als zweieinhalb mal so hoch ausfiel.

Im Urteil kam Richter Torsten Hoffmann tatsächlich auf jene 900-Euro-Strafe. In der Urteilsbegründung verwies er auf die realitätsnähere Schilderung des Mutter-Sohn-Gespanns. So leuchte es ihm eher ein, dass am Samstag direkt vor Nikolaus in dem neuen Einkaufszentrum in der Laaspher Stockwiese tatsächlich Betriebgeherrscht habe, wie es die Stinkefinger-Geschädigten geschildert hatten. Währenddessen hatte das Ehepaar übereinstimmend erzählt, dass hier nichts auf der Straße los gewesen sei. Bei den Aussagen des Ehepaars war dem Richter ohnehin aufgefallen, dass es oftmals gleiche Wörter und gleich Formulierungen gewesen seien. Und so gab es gestern ein Urteil. Bleibt die Frage, ob es in einem vergleichbaren Fall wieder eine Anklage geben würde. Bei dem diesmal Geschädigten nicht, gestern sagte er in Bezug auf die Anzeige: „Nochmal würde ich das nicht machen, das ist den Aufwand nicht wert.“

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