Erinnerung in einer Zeit ohne Zeit

Gisela May lud im Bürgerhaus zum Weill-Lenya-Brecht-Abend: exzellente Chansonsängerin

gmz Bad Berleburg. »Denn wie man sich bettet, so liegt man«: So war das Programm des Kurt-Weill-Abends überschrieben, zu dem Gisela May, eine der großen Schauspielerinnen Deutschlands und für ihre Brecht-Weill-Chanson-Interpretationen zu Recht international bekannte Chansonette, am Samstagabend ins Bad Berleburger Bürgerhaus einlud. Wie man sich bettet, so liegt man, in einer Welt, in der auch ein zu ideologisch begründeter Hoffnung verpflichteter Brecht erkennen musste: »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so«. Er war eben ein viel zu guter Dramatiker, als dass er sich dieser Erkenntnis hätte verschließen können.

Deshalb sind Brechts Texte und die darauf abgestimmte, manchmal lakonische, manchmal dramatische Musik von Kurt Weill, der seine ersten Sporen als Kapellmeister in Lüdenscheid verdiente, so eingängig, so komisch, so anrührend, so aufrüttelnd. Die 79-jährige Gisela May, die den Titel des Programms, wie sie sagte, auch zu ihrem persönlichen, offenbar von Realismus und Contenance getragenem Lebensmotto hätte machen können, erwies sich als eine stimmlich überaus variable, exzellente Interpretin dieser Lieder, die von messerscharfer Beobachtung der Verhältnisse, luzider Analyse der Ursachen, resignierender Akzeptanz und dennoch hoffendem Aufbruchswillen geprägt sind. Am Klavier wurde sie hervorragend begleitet von Manfred Schmitz, der nicht nur die oft tragischen Anklänge der Chansons aus der »Dreigroschenoper«, aus »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«, »Happy End« und den »Sieben Todsünden der Kleinbürger« zu unterstreichen wusste, sondern auch ihre komischen Seiten.

Gisela May stellte die Lieder in einen Zusammenhang mit der Entwicklung der Arbeitsbeziehung von Kurt Weill und Bert Brecht, in einen Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehung von Kurt Weill und Lotte Lenya. Sie zitierte aus dem Briefwechsel von Weill und Lenya, steuerte eigene Erinnerungen an die Schauspielerin und Sängerin Lotte Lenya und an frühere Auftritte mit diesem Programm bei. Sie stellte so die ganz persönlichen Seiten der Verhältnisse nicht nur in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts heraus, in denen man »gebettet war«, während die Welt politisch zusammenbrach, während nicht nur Bücher, sondern ganze Existenzen »verbrannt« wurden, während die Verhältnisse den Großen und Kleinen bei ihrer oft verzweifelten Suche nach dem bisschen Glück für ihr Leben im Weg standen: »Denn ein Haifisch ist kein Haifisch, wenn man’s nicht beweisen kann«, singt sie am Schluss des Programms als ebenso pragmatisches wie ungläubig-abgeklärtes Fazit.

Und doch war von Larmoyanz keine Spur, auch nicht von anklagendem Pathos. Dafür stand in Gisela Mays Vortrag das »Menschliche« zu sehr im Vordergrund als ein verständnisvolles, die Untiefen der Existenz kennendes Mitgefühl: »Unser Glück zu versuchen«, das blieb das Credo. Dieses Mitgefühl war der »Verfremdungseffekt«, der den Respekt vor dem Einzelnen trotz aller Verhältnisse in den Vordergrund stellte, ohne den klaren Blick für seine Schwächen zu verlieren.

Mit leiser, diskreter Ironie stellte Gisela May deshalb beispielsweise auch die Liebelei-Eitelkeiten eines Brecht heraus, ohne dass sie deshalb die Frau, die ihren »Johnny« verliert, lächerlich gemacht hätte. Im Bewusstsein der persönlichen Tragik zeigt Gisela May in unter die Haut gehender Weise, wie das Liebchen dem »Surabaya Johnny«, der »die Pfeife« nicht aus »dem Maul« nimmt, »der Hund«, klarzumachen versucht, was er mit ihrem Leben angerichtet hat. Und wie sie mit ihrem Scheitern allein steht...

Gisela May interpretiert die Chansons so, dass die Figuren leibhaftig auf der Bühne zu stehen scheinen. Aus der eleganten, älteren Dame wird plötzlich eine zwar nur angedeutete, aber klar erkennbare, von Alkohol und Selbstgerechtigkeit trunkene Mrs. Peachum (»Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit«), wird ein sehnsüchtig nach Heimat verlangendes junges Mädchen (als Anna in den »Sieben Todsünden«) oder eine ausgebeutete, machthungrig-rachsüchtige, aber kindische Jenny (»Dreigroschenoper«).

Und so kommt am »Ende alles unter einen Hut«, nur: »Die im Dunkeln, die sieht man nicht«. Deshalb hält Gisela May die Erinnerung an Kurt Weill und Lotte Lenya auch wach, in einer »Zeit, die keine Zeit hat, sich zu erinnern«. – Am Samstag in Berleburg war diese Zeit beim begeisterten Publikum allerdings da!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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