Erziehung nicht der Schule übertragen

Offene Ganztagsschule: Experten diskutierten mit Eltern und Lehrern in Bad Berleburg

howe Bad Berleburg. Die offene Ganztagsschule: Eine Antwort auf PISA und ein Angebot für die veränderten Bedürfnisse von Eltern. Diskutiert wird die Thematik derzeit in der Bildungspolitik überaus kontrovers. Von einem griffigen Konzept scheint die offene Ganztagsschule weit entfernt zu sein. MdL Monika Brunert-Jetter, MdL Klaus Kaiser, zugleich Mitglied im Ausschuss für Schule und Weiterbildung, Helge Klinkert, Dezernentin für Jugend, Soziales und Gesundheit beim Kreis Siegen-Wittgenstein sowie Schulrat Volker Reichel erörterten am Montagabend mit zahlreichen Wittgensteiner Lehrern, Erziehern, Pädagogen und Eltern die Thematik in Bad Berleburg.

Aus dem schlechten Abschneiden bei PISA sei Handlungsbedarf seitens der Landesregierung entstanden, so Klaus Kaiser zur Vorgeschichte der offenen Ganztagsschule. Zudem sei das Ganztagsangebot auch eine Antwort auf die gesellschaftliche Forderung nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Fachwelt, so der Landtagsabgeordnete, sei skeptisch. Die Bildungspolitik befindet sich im Niemandsland. Beispiele gefällig? Eine Unterversorgung mit Lehrern vornehmlich im ländlichen Bereich, »Geld statt Stellen« um 40 Mill. e gekürzt, die geplante Abschaffung der Schulkindergärten, Englisch in Grundschulen und jüngst besagte offene Ganztagsschule. Monika Brunert-Jetter und Klaus Kaiser forderten, es müsse in einer offenen Ganztagsschule am Nachmittag auch gezielter Unterricht vonstatten gehen. Dazu gehöre, dass mehr Lehrer eingestellt würden. Es reiche nicht aus, die Kinder nur zu betreuen. »Es ist weniger Schule drin, als auf dem Etikett steht«, erklärte Klaus Kaiser. Eingebunden werden müssten auch die bestehenden Programme wie Dreizehn plus oder Schule von acht bis eins. Der Stand der Dinge bei der Landesregierung sei eher schwammig: die bestehenden Programm weiter führen und die offene Ganztagsschule forcieren – heiße es dort. Schulrat Volker Reichel stellte die offene Ganztagsschule als sinnvolle Einrichtung dar: Gesellschaftliche Veränderungen machten es erforderlich, dass die Schule einen großen Teil der erzieherischen Verantwortung übernehme. In der Ganztagsschule würden Bildung, Erziehung und Betreuung unter dem Dach der Schule zusammen geführt. »Unter pädagogischen Gesichtspunkten ein Schritt in die richtige Richtung.«

Auch die Kooperation mit der Jugendhilfe sei vonnöten. Im Kreis Siegen-Wittgenstein wollen 20 Grundschulen von 75 erst im kommenden Jahr die offene Ganztagsschule ins Auge fassen. Das Schulamt hält Beratungskompetenz vor. Dezernentin Helge Klinkert wünschte sich eine flächendeckende Ganztagsschule. Bei der inneren Konzeption einer solchen Schule sei eine Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe wichtig. Sie forderte, Angebote von Vereinen mit einzubeziehen. Bei der anschließenden Diskussion trugen Lehrer und Erzieher ihre Bedenken vor. Horte sollen bis 2007 abgeschafft werden – was eine Erzieherin aus Niederlaasphe dazu veranlasste, auf die Beziehungsarbeit mit Kindern aufmerksam zu machen. Wenn in einer Ganztagsschule dauernd andere Erzieher auftreten würden, könnte diese Arbeit nicht geleistet werden. Bad Berleburgs Grundschulleiter Günter Rothenpieler meinte, die offene Ganztagsschule müsse jeweils vor Ort organisiert werden. Dies würde aber nur laufen, wenn Bedarfe abgefragt würden. Außerdem müsse der Kostenfaktor berücksichtigt werden. Ein junger Vater befand, er halte es für notwendig, die Erziehung zuhause vorzunehmen als in Aufbewahrungsstätten. Er wolle die Erziehung seiner Kinder nicht aus der Hand geben. Eine Lehrerin sah Probleme in der insgesamt zwölf Wochen dauernden Ferienzeit. Dann kümmere sich auch niemand um die Kinder.

Volker Reichel legte noch ein paar Zahlen und Fakten dar. Auf 100 e würde sich der monatliche Beitrag der Eltern für eine derartige Schulform belaufen. Pro 25 Schüler stelle das Land eine 0,1-Stelle zur Verfügung. Will heißen: ein Kontingent von drei Stunden. Oder rechnerisch: eine halbe Stelle für 125 Kinder. Eine Mutter merkte an, bei einem Beitrag von 100 e würden eben nicht diejenigen Kinder erfasst, die einen Bildungsnotstand haben. Einen interessanten Aspekt brachte die Wingeshäuserin Jutta Schöler in die Runde. Elternarbeit sei viel wichtiger. Die Erziehung solle nicht an die Institution Schule weiter gegeben werden. Man solle darüber nachdenken, was es bedeute, Kinder zu haben und zu erziehen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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