Es gab eine Synagoge an der Ederstraße

howe Bad Berleburg. Vor Jahren brachte Lucie Weinstein, die am 2. August 1924 geboren wurde und aus der Berleburger Viehhändler-Familie Krebs stammt, ihre Erinnerungen an die Synagoge in der Mittelstraße, der heutigen Jacob-Nolde-Straße als Zeichnung zu Papier: „Ich habe den Haupteingang in die Mitte gelegt, aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wo er war. Ich erinnere mich an den Flur mit der Treppe auf der linken Seite und glaube, daß der Eingang zum Betsaal dem inneren Heiligtum direkt gegenüber lag.“ Nach 60 Jahren unternahm Lucie Weinstein den Versuch, den Aufbau der Synagoge zu rekonstruieren. Autor Karl-Ernst Riedesel, der sich 1995 in den Blättern des Wittgensteiner Heimatvereins des Themas umfassend annahm, verglich die Aufzeichnungen von Lucie Weinstein mit der Zeichnung des damaligen Architekten - und stellte fest: „Es zeigt sich sofort, daß die Zeit einen gewissen Tribut von der Erinnerung gefordert hat.“

Lucie Weinstein hatte die Synagoge nicht mehr in der Erinnerung, wie sie damals wirklich ausgesehen hatte. Und doch habe ihre Beschreibung dazu geführt, dass man „Anteil an der eigenartigen Atmosphäre dieses Gotteshauses“ habe gewinnen können. Ein Gotteshaus, das für mehr als ein Jahrhundert besonderer Teil im kulturellen Leben Berleburgs gewesen sei. Die feierliche Wirkung des Raumes, hervorgerufen durch den beeindruckenden Leuchter - an den sich Lucie Weinstein jedenfalls genau erinnert - und den Samtvorhang vor dem Tabernakel - das wird von mehreren Zeitzeugen bestätigt. Die Synagoge, das beschrieb Karl-Ernst Riedesel, habe über einen rechteckigen Betsaal verfügt. Der Thoraschrein habe sich an der östlichen, Jerusalem zugewandten Seite des Saales befunden. Das erhöhte zentrale Podest habe ihn mit dem Lesepult verbunden. Der Eingang zu Synagogengebäude und Betsaal habe direkt auf das innere Heiligtum zugeführt. An beiden Seiten hätten sich Bankreihen befunden, um die männlichen Gemeindeglieder aufzunehmen. Die Frauenempore sei auf der Westseite des Betsaales in der Höhe des ersten Stockwerks angebracht gewesen. Damit hat der Autor das Innere der Synagoge detailliert nach den Architektenplänen von 1939 beschrieben. Bis zum 9. November 1938, der Pogromnacht (siehe Bericht auf dieser Seite), habe die Berleburger Synagoge in der Mittelstraße als Gotteshaus gedient - „wenn auch die jüdische Gemeinde während des 20. Jahrhunderts kontinuierlich abnahm und zum Schluß die erforderliche Anzahl von 10 männlichen Teilnehmern an einem Gottesdienst nur dann noch erreicht wurde, wenn an hohen Feiertagen auch die Mitglieder der Untergemeinde aus dem Edertal und Elsoff anwesend waren.“

Was Karl-Ernst Riedesel weiter ausführt, überrascht nicht, denn Hinweise auf jüdische Einwohner in Berleburg gehen bis ins Jahr 1640 zurück: Die Synagoge hatte eine Vorgängerin und die Vorgängerin womöglich ebenso eine Vorgängerin. Fest steht, dass beim Stadtbrand am 20./21. Juli 1825 die alte Synagoge, „welche ohne dem auch zu unsern Religionsbräuchen mehrere kostbare Geräthschaften von Werth enthielt“, ein Raub der Flammen wurde. Sie stand an der heutigen Ederstraße in Höhe der ersten Straßenbiegung stadtauswärts, kurz vor dem Hotel Kaiser Friedrich. Was der Autor ebenfalls herausgefunden hat: Beim Stadtbrand sei nicht das gesamte Inventar der Synagoge verbrannt. Teile seien gerettet worden. Auch die Größe der Vorgänger-Synagoge wurde ermittelt: 2,8 mal 1,9 Rheinische Ruthen - was eine Grundfläche von rund 75 Quadratmeter ergibt. Die Synagoge beherbergte außerdem eine Wohnung für den Lehrer sowie ein Klassenzimmer für den israelitischen Schulunterricht. Gebaut worden dürfte sie etwa um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert sein - wobei in dem Artikel Mutmaßungen angestellt werden, dass diese ältere Synagoge nicht einen weiteren Vorgängerbau gehabt haben könne. Schließlich sei dies insofern denkbar, als es für die Zeit um 1730 schon einen jüdischen Lehrer und eine jüdische Gemeinde in Berleburg gegeben habe.

Zum Schluss sei nochmal auf die Erinnerungen von Lucie Weinstein hingewiesen: Wenn sie sich auch nicht mehr in allen Einzelheiten an die Synagoge in der Mittelstraße erinnern konnte, so hatte sie vor wenigen Jahren bei einem ihrer Besuche in der Odebornstadt die Worte des Volksschulrektor-Sohnes noch genau im Ohr. Lucie Weinstein erzählte: - Noch bevor die nächste Stunde begann, hänselten mich einige Jungen. „Du siehst ja heute so blass aus, was ist passiert?“ Dann hielt der Sohn des Volksschulrektors, der seit Kindergartentagen mein Spielkamerad gewesen war, ein Kristallprisma hoch und sagte: „Die Synagoge ist in der Nacht am Blinddarm operiert worden, deshalb sieht sie heute so blass aus.“ Gelächter folgte, ich war verblüfft. Anscheinend wusste jeder, dass die Synagoge in der Nacht verwüstet worden war. Außer mir.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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