Internationaler Pyrotechnik-Ring
Explosive Fälle landen vor dem Amtsgericht

Dort wo sonst eigentlich nur ein Osterfeuer brennt, gingen Anfang Dezember vier kontrollierte Sprengungen über die Bühne – auf der Lenne in Bad Berleburg. Archivfoto: Timo Karl
  • Dort wo sonst eigentlich nur ein Osterfeuer brennt, gingen Anfang Dezember vier kontrollierte Sprengungen über die Bühne – auf der Lenne in Bad Berleburg. Archivfoto: Timo Karl
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tika Bad Berleburg. Plötzlich ging alles ganz schnell: Die Einsatzkräfte des Zollfahndungsamtes Essen hatten die Wohnung im Wiesenweg in Bad Berleburg geräumt, warteten auf Sondereinsatzkräfte der Bundespolizei – um große Mengen Sprengstoff aus dem Wohnhaus zu räumen. Quasi zeitgleich lief ein weiterer Einsatz, nur wenige Häuserblocks entfernt. Tags darauf gingen vier kontrollierte Sprengungen über die Bühne – auf der Lenne vernichteten die Verantwortlichen das explosive Material. All dies ereignete sich Anfang Dezember. Klar war, dass der Einsatz Teil einer internationalen Operation war. Bundesweit durchsuchten die Ermittler 53 Wohnungen und Lagerstätten und hoben einen internationalen Pyrotechnik-Ring aus.

Rund ein halbes Jahr später hat die Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen (ZAC NRW) bereits erste Nägel mit Köpfen gemacht. Nachdem die Behörde im Rheinland zunächst die gesamte Operation koordiniert hatte, hatte sie in der Folge „nur“ noch rund 20 Verfahren selbst bearbeitet, nämlich jene, die auch tatsächlich NRW-Bezug hatten. Die weiteren Verfahren gab die Staatsanwaltschaft wiederum an die geografisch jeweils zuständigen Staatsanwaltschaften in ganz Deutschland ab. „In Teilen ist bereits Anklage erhoben, in Teilen sind Verfahren schon gegen Auflagen eingestellt worden“, erklärte Staatsanwalt Dr. Christoph Hebbecker am Mittwoch auf SZ-Anfrage.

Der zuständige Pressesprecher der ZAC NRW verriet zudem, dass in den Fällen gegen die beiden Bad Berleburger – einen damals 42-Jährigen aus dem Wiesenweg sowie einen seinerzeit 33-Jährigen aus der Brandenburger Straße – Anklagen erhoben sind. Die Zuständigkeit liegt nun beim Amtsgericht in Bad Berleburg, wo beide Fälle zur Verhandlung kommen. Die ZAC NRW der Staatsanwaltschaft Köln hat die Anklagen kürzlich erhoben.

Die Ermittlungsverfahren sind damit abgeschlossen, das sogenannte Zwischenverfahren eröffnet. Will heißen: Das Amtsgericht muss nun entscheiden, ob es ein Hauptverfahren eröffnet – das übliche Prozedere. Daran allerdings ließen die Beteiligten quasi keine Zweifel. „Beide Verfahren sind hier kürzlich bei uns eingegangen. Sie sind noch nicht terminiert“, erklärte der Direktor des Amtsgerichts Bad Berleburg, Olaf Wunderlich, am Mittwoch auf Anfrage der Siegener Zeitung.

Einer der beiden Männer ist vor dem Schöffengericht angeklagt – wegen Umgangs mit explosionsgefährdeten Stoffen sowie des Besitzes von Betäubungsmitteln. „Wir haben einer der Wohnungen Amphetamine gefunden“, erklärte Dr. Christoph Hebbecker. Der zweite Angeklagte soll sich vor dem Strafgericht verantworten – wegen Umgangs mit explosionsgefährdeten Stoffen. Der Unterschied der beiden Gerichte ist letztlich die Höhe der möglichen Haftstrafen: „Bei einer Anklage vor dem Schöffengericht geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass zwei bis vier Jahre Freiheitsstrafe möglich sind. Vor dem Strafgericht fällt diese Erwartung niedriger aus“, erklärte der Staatsanwalt.

Nach SZ-Informationen handelt es sich bei den explosionsgefährdeten Stoffen vorwiegend um im Volksmund als „Polenböller“ bezeichnete Sprengkörper, die auch tatsächlich aus Polen stammen sollen. Klar ist laut den Erkenntnissen der Ermittler, dass die beiden angeklagten Bad Berleburger gemeinsame Sache gemacht haben und mit den Materialien „zusammen gebastelt“ haben, wie es Dr. Christoph Hebbecker vielsagend bezeichnete.

Die beiden Angeklagten befinden sich derzeit allerdings nicht etwa in Untersuchungshaft, sondern sind mindestens bis zum Beginn des Verfahrens noch frei. „Sie sind nicht in Haft. Klar ist aber, dass dies keine ganz alltäglichen Fälle sind“, erklärte der Staatsanwalt. Und präzisierte diese Aussage, ohne dabei Raum für Interpretationen zu lassen: Der Einsatz in Bad Berleburg, den die Mitglieder der sogenannten Aktionsgruppe „Pyrofence“ im Dezember absolviert hatten, war überaus gefährlich für Leib und Leben. „Im Vergleich zu den anderen Fällen in Deutschland war der in Bad Berleburg der spektakulärste“, konstatierte Dr. Christoph Hebbecker. Durchaus eine Hausnummer, es ging schließlich um bundesweit insgesamt 53 Wohnungen und Lagerstätten.

Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

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