Fliegende Flaschen, gezückte Messer

Gestern erstes Schlaglicht auf drei Körperverletzungen in einer Wittgensteiner Diskothek

JG Bad Berleburg. »Ich bin zwar auch ein Freund von Taschenmessern«, sagte gestern der Berleburger Richter Torsten Hoffmann, doch das Springmesser auf dem Tisch vor ihm musterte er mit einem skeptischen Stirnrunzeln und spitzen Fingern. Dieses war vor gut einem Jahr bei einer Polizeikontrolle im Strumpf eines Mannes sichergestellt worden, der sich gestern vor dem Berleburger Schöffengericht verantworten musste. Es ging um ein versuchtes Tötungsdelikt, wie es der Gerichtsspiegel auswies. Neben dem 23-Jährigen saß noch ein drei Jahre älterer Mann auf der Anklagebank. Dem Duo wurde der gemeinschaftliche Gebrauch von Waffen und gefährlichen Werkzeugen in einer Wittgensteiner Diskothek und eine damit verbundene dreifache Körperverletzung vorgeworfen.

Blutanhaftungen waren nicht zugeordnet

An einem lauen Sonntagmorgen gegen 2 Uhr im Juni 2002 war es in der Disco zu einer Auseinandersetzung gekommen, laut Anklage zwischen einer Gruppe von rund zehn Türken und einer genauso großen Gruppe von Kosovo-Albanern: Messer wurden gezückt, Flaschen flogen über die Tanzfläche, geborstene Gläser klirrten. Am Ende waren drei der Türken verletzt und drei der Kosovo-Albaner hatten sich aus dem Staub gemacht. Gestern begann die gerichtliche Aufarbeitung des Geschehens. Da allerdings von der zuständigen Staatsanwaltschaft die Blutanhaftungen an dem Springmesser nicht genauer untersucht und zugeordnet worden waren, blieb die juristische Aufklärung zunächst einmal im Anfangsstadium stecken. Doch schon gestern gab es einen Vorgeschmack darauf, wie unübersichtlich wohl auch die weitere Beweisaufnahme sein wird. Von den beiden Angeklagten wollte sich nur der Jüngere zu den Vorgängen äußern.

Angeklagter: »Ich wollte keinem wehtun«

Der durch das Messer im Strumpf und Zeugenaussagen stärker belastete Kosovo-Albaner aus dem hessischen Hinterland erinnerte sich folgendermaßen an das Geschehen: Er sei Stammgast in der Disco und an dem fraglichen Abend mit zwei Freunden auf der Tanzfläche gewesen. Sie seien dann von einer großen Gruppe Türken »provoziert« und »schief angeguckt« worden, doch damit nicht genug: »Die haben angefangen, mit Gläsern und Flaschen zu werfen.« Da habe er Angst bekommen und sich »einfach gewehrt«: »Ich hab das Messer hin- und hergeschwenkt, damit mir keiner zu nahe kommt.« Die richterliche Frage nach dem Springmesser in der Jackentasche schien den Angeklagten zu verwundern: »Ich trag so ein Messer seit ich 15 bin, und hab nie etwas damit gemacht. Ich wollte keinem wehtun.« Trotzdem gab es drei Verletzte – zwei von ihnen waren gestern als Geschädigte, Nebenkläger und Zeugen in Bad Berleburg. Der eine Angeklagte erkannte die beiden nicht wieder: »Für mich sehen die alle gleich aus.«

Mit Schwung den Kaumuskel durchtrennt

Ganz anders die türkischen Brüder, die ihn beide sofort erkannten: »Sein Gesicht werde ich nie vergessen«, sagte der 20-jährige frischgebackene Abiturient aus Haiger. Jedesmal, wenn er in den Spiegel schaue, müsse er an damals denken. Eine Narbe auf der Wange erinnert an den Messerhieb, der dem Geschädigten den Kaumuskel durchtrennte. Auch sein Bruder erkannte den Angeklagten wieder, der 22-Jährige hatte eine vier Zentimeter tiefe Stichwunde im Bauch davon getragen. Ansonsten erinnerten sich die beiden Türken so an den Vorfall, dass sie nach einer Hochzeit mit insgesamt fünf Leuten in der Disco gewesen seien. Es sei ihnen aufgefallen, dass eigentlich viel zu viele Leute auf der zu kleinen Tanzfläche gewesen seien. Doch der Sicherheitsdienst habe auf einen solchen Hinweis überhaupt nicht reagiert. Und als die Täter geflohen seien, so der jüngere Türke, habe der Sicherheitsdienst keine Anstalten gemacht, diese aufzuhalten, stattdessen habe es geheißen: »Lass die weglaufen, wir haben die Namen.«

Brennendes Auto, verängstigte Zeugen

Diese Aussagen konnten gestern nicht genauer geklärt werden, stattdessen gab es noch weitere Detail-Informations-Versatzstücke, die ein weiterhin spannendes Verfahren erwarten lassen. So ging etwa das Auto der mutmaßlichen Täter nach deren Verhaftung – aufgrund einer Brandstiftung – in Flammen auf, die Türken fühlten sich durch Anrufe von der Angeklagten-Seite bedroht und Zeugen aus dem mutmaßlichen Opfer-Umfeld zogen es vor, gestern erst gar nicht vor Gericht zu erscheinen. Angeblich aus Angst.

DNA-Gutachten wird nun eingeholt

Die Verteidigung stellte Beweisanträge, dass an beiden – bei den Angeklagten ––gefundenen Messer nun DNA-Untersuchungen durchgeführt sowie die Verletzungen gerichtsmedizinisch mit den Waffen verglichen werden sollen. Während Verteidiger Jörg Wildemann wegen des DNA-Gutachtens gestern eine Verzögerung des Prozesses von einem Jahr befürchtete, ging Staatsanwalt Wolfgang Nau davon aus, dass das Ergebnis bereits in einem Vierteljahr vorliegen könne.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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