Freispruch für Hessen

jg Bad Berleburg. Urteile werden oft in Berleburg verhängt, Verfahrenseinstellungen sind auch mal zu vernehmen. Freisprüche sind hingegen selten. Gestern gab es einen. Vorm Amtsgericht stand ein 53-jähriger Polizist aus dem benachbarten Hessen, ihm wurde Nachstellung vorgeworfen. Im Januar 2008 sollte er mitten in der Nacht im hessischen Streifenwagen bei seiner Ex-Ehefrau in Niederlaasphe vorgefahren sein, die gerade nach Haus gekommen war. Laut Anklage sollte er den Hof bei ihrem Haus mit dem Fernlicht beleuchtet haben, um ihr das Gefühl zu geben, unter permanenter Beobachtung zu stehen. Die Geschädigte wird seit der Scheidung therapeutisch behandelt.

Der Angeklagte stellte gestern nicht in Abrede, dass er am Tattag in der Nähe des Hauses seiner Frau war. Seine Erklärung: Auf der Streifenfahrt seien sie zum Objektschutz bei der Wallauer Firma „CFS“, knapp vor der Wittgensteiner Grenze, gewesen: Um nicht verkehrsgefährdend direkt an der Landesgrenze zu drehen, seien er und sein Kollege weiter gefahren bis zum Niederlaaspher Autohaus. Hier sei man zum Wenden eingebogen, von dort hätten sie dann jedoch einen Hund gesehen. Der hätte ja auch ein Streuner sein können, deshalb sei man hinterher. Bis man gesehen habe, dass der Vierbeiner zu einer Person gelaufen sei. Damit sei die Sache in Ordnung gewesen, bei der Aktion sei der Streifenwagen aber dem Wohnhaus der Frau nahe gekommen. Ein Aufblenden habe es hingegen nicht gegeben.

Die Geschichte sorgte insbesondere bei der Oberamtsanwältin Judith Hippenstiel für Strinrunzeln, etwa weil ihr das Wendemanöver, das ganz einfach direkt auf dem Gelände der Firma CFS möglich gewesen wäre, nicht einleuchten wollte. Ihre Fragen nach der allgemeinen Einordnung der konkreten Tat ergab, dass die vor acht Jahren vollzogene Trennung des Ehepaars schon diverse zivilrechtliche Querelen nach sich gezogen hatte. Die frühere Ehefrau des Angeklagten präsentierte sich in der Verhandlung als sehr zebrechliche Frau. Den konkreten Vorfall der Anklage konnte sie nicht detailliert nachzeichnen. Was nachvollziehbar war, wenn sie wirklich die geschilderte Ängste gehabt hat. Insgesamt blieben ihre Antworten auf die Nachfragen nach ähnlichen - in der Anklage angedeuteten - Vorfällen verschwommen: So sollte ihr Ex-Mann extra für sie und ohne dienstlichen Grund im Streifenwagen das Blaulicht eingeschaltet und sie dann in ihrem Auto gefährlich überholt haben. Außerdem sollte er mal in der Nähe ihrer Wohnung mit seinem Privatwagen geparkt haben. Und dann sollte er mal hinter ihr hergefahren sein, nachdem sie auf dem Weg zu Bekannten seine Wohnung passiert habe. Bei den Bekannten habe er seine Ex angeschrien, sie dürfe diese Straße nicht mehr benutzen.

Dramatische Dinge, die jedoch zeitlich nicht mal ungefähr eingegrenzt werden konnten, außerdem gab es keine Zeugen. Nach einer Unterbrechung der Beweisaufnahme, weil die Zeugin ein Glas Wasser brauchte, kam Richter Torsten Hoffmann auf den springenden Punkt der Verhandlung: die beharrliche Nachstellung, die an nur einem Vorfall konkretisiert wird. Beharrlichkeit über einen längeren Zeitraum könne man mit noch so vielen Zeugen nicht nachweisen. So wurde die Beweisaufnahme einvernehmlich geschlossen.

Judith Hippenstiel von der Staatsanwaltschaft sah ebenfalls, dass „die notwendige Beharrlichkeit nicht gegeben“ sei, so forderte sie einen Freispruch. Nicht anders Verteidiger Andreas Bernhardt, der grundsätzlich klarmachte: Er habe „nie verstanden“, weshalb diese Sache überhaupt zur Anklage gekommen sei. Einen Freispruch gab es dann auch von Torsten Hoffmann, der jedoch auch unterstrich, dass es nicht die Aufgabe des Gerichts sei, die Wahrheit bis ins Letzte zu finden.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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