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Urteil im Gullydeckel-Prozess gefallen
Gericht sieht Schuld als erwiesen an

Verteidiger Dennis Tungel und der Angeklagte (verdeckt) dürften nach dem Urteil am Freitag im Bad Berleburger Amtsgericht in Revision gehen.
  • Verteidiger Dennis Tungel und der Angeklagte (verdeckt) dürften nach dem Urteil am Freitag im Bad Berleburger Amtsgericht in Revision gehen.
  • Foto: Holger Weber
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

howe Bad Berleburg. Das Bad Berleburger Schöffengericht hat den 49-jährigen Lokführer wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr mit Herbeiführen eines Unglücks zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Torsten Hoffmann sah es in dem Indizienprozess als erwiesen an, dass der Lokführer den Triebwagen im April 2019 bewusst in eine von ihm selbst an einer Brücke in Raumland angebrachte Seilkonstruktion mit schweren Gullydeckeln gefahren hatte.
Bei dem Zusammenstoß mit den gewichtigen Eisenteilen zerbrach die Frontscheibe, der Fahrer des Zugs wich dem Hindernis rechtzeitig aus. Am Freitag belastete der damalige Leiter der Mordkommission Hagen, Michael Kern, den Angeklagten schwer.

howe Bad Berleburg. Das Bad Berleburger Schöffengericht hat den 49-jährigen Lokführer wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr mit Herbeiführen eines Unglücks zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Torsten Hoffmann sah es in dem Indizienprozess als erwiesen an, dass der Lokführer den Triebwagen im April 2019 bewusst in eine von ihm selbst an einer Brücke in Raumland angebrachte Seilkonstruktion mit schweren Gullydeckeln gefahren hatte.
Bei dem Zusammenstoß mit den gewichtigen Eisenteilen zerbrach die Frontscheibe, der Fahrer des Zugs wich dem Hindernis rechtzeitig aus. Am Freitag belastete der damalige Leiter der Mordkommission Hagen, Michael Kern, den Angeklagten schwer.

Viele "Ungereimtheiten"

Auf der Suche nach dem Motiv für die Selbsttat sei er auf zahlreiche „Ungereimtheiten in diesem Fall“ gestoßen. Sehr auffällig sei gewesen, wie oft der Angeklagte bislang als Geschädigter aufgetreten sei. Kriminalbeamter Michael Kern nannte zwei Pkw-Brände oder auch drei Wohnungseinbrüche zum Nachteil des 49-Jährigen. Zum Teil habe der vermeintlich Geschädigte Dinge als gestohlen gemeldet, die nicht entwendet worden seien. Eine Bedrohung sexueller Art gegen ihn sei auffällig, ebenso eine vermeintliche Begegnung mit zwei Männern, die ihn an einem Parkplatz mit dem Messer bedroht hätten.

Großmutter und Mutter erstochen

„Soviel Pech, wie der hatte, habe ich als Polizist noch nie erlebt“, schilderte Michael Kern. Der damalige Leiter der Mordkommission erinnerte vor Gericht auch an einen Raubmord in Dortmund, der 2008 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Sogar „Aktenzeichen XY“ berichtete in einer TV-Sendung. Erstochen wurden seinerzeit ausgerechnet die Großmutter und die Mutter des Lokführers. Der oder die Täter stahlen „eine hohe Bargeldsumme“, wie Michael Kern wusste. Der 49-jährige Lokführer „hatte Schulden, seine DNA fand man vor Ort.“ Nach der Tat in Dortmund habe der Angeklagte 19 000 Euro eingezahlt. „Und er war Alleinerbe des Hauses“, sagte der Kripo-Beamte mit einem durchaus wertenden Unterton. Wobei er in der Verhandlungspause gegenüber den Medien klarstellte, dass der Lokführer damals zum Kreis der Verdächtigen gehört habe. Gefasst wurden die Täter in der Dortmunder Doppelmord-Sache bis heute nicht.

Von Anschlag ausgegangen

Zurück zum eigentlichen Gullydeckel-Prozess: Noch am Tag des Zugunglücks ging die Mordkommission von einer politisch motivierten, vielleicht sogar von einem islamistischen oder anderen Anschlag aus. „Darum hatten wir auch den Staatsschutz mit einbezogen. Es gab Anweisungen von ganz oben aus dem Ministerium. Wir mussten ständig Bericht erstatten.“

Angeklagter war "komisch"

Insofern sei auch die Zahl der Spezialisten auf 19 Mitglieder der Mordkommission aufgestockt worden – allein für die Gullydeckel-Attacke „am Steinchen“ in Raumland. Nachdem die ersten Ermittlungen durchgeführt worden waren, habe sich der Anfangsverdacht begründet. „Wir sind dann am ersten Abend bei ihm zu Hause gewesen. Da war er schon komisch. Er sträubte sich, Oberbekleidung und Hose für eine Analyse zur Verfügung zu stellen.“ Merkwürdig fanden es die Kriminalbeamten auch, so Michael Kern, dass der Angeklagte nicht mal die eigene Frau kontaktiert habe, wo ihm doch so ein Unglück widerfahren sei. Ein weiterer Gutachter legte am Freitag die Analyse der Rekonstruktion des Tatgeschehens vor.

Zugfahrt rekonstruiert

Der Beamte des Landeskriminalamts NRW mit Sachgebiet „Operative Fallanalyse“ hatte eine auf Video dokumentierte Simulationsfahrt mit dem Zug – samt Attrappen aus Pappmaché am Brückengeländer – organisiert. Dabei kam der Fachmann zu dem Schluss: Für die Realisierung des Unglücks, das Hingucken und Abducken, das Verschieben des Fahrersitzes und das Betätigen des Hebels für die Notbremse hätten dem Lokführer nur 0,5 Sekunden zur Verfügung gestanden. „Das ist nicht möglich.“
Überdies sei der komplette Fahrersitz mit Glassplitterregen voll gewesen. Da müsse sich der Lokführer noch vor dem Aufschlag des Gullydeckels vom Sitz entfernt haben, so der Gutachter. Das Urteil fiel deutlich aus. Vorsitzender Torsten Hoffmann begründete detailliert und sprach von Puzzleteilen, die man zu einem Gesamtbild zusammengefügt habe. Dabei stützte sich das Gericht vornehmlich auf die DNA- und Faser-Gutachten. „Aufgrund dieser eindeutigen Ergebnisse haben wir keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte den Unglücksfall selbst herbeigeführt hat."

Revision wahrscheinlich

Dagegen dürfte Verteidiger Dennis Tungel in Revision gehen. Er begründete die DNA-Anhaftungen an Seilen und Gullys mit der Tatsache, dass sie nach dem Unglück vom Lokführer angefasst worden seien. Die Erinnerungen seines Mandanten seien insgesamt schemenhaft, weil er unter Schock gestanden habe. Dennis Tungel legte sogar einen Bericht einer Psychotherapeutin vor, die den 49-Jährigen zurzeit behandelt.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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