Gestern in Bad Berleburg: »Nichts ist mehr wie früher«

Vermeintlicher Messerstecher verließ Gericht als freier Mann

Bad Berleburg. »Das ist ein Freibrief für alles.« So kommentierte gestern ein 21-jähriger Türke, der im Juni vergangenen Jahres bei einer Messerstecherei in einer Bad Laaspher Diskothek (die SZ berichtete) schwer verletzt worden war, den Ausgang der gestrigen Gerichtsverhandlung im Bad Berleburger Amtsgericht. Zum dritten und vorläufig letzten Mal sahen sich die Kontrahenten der Auseinandersetzung nun vor Gericht wieder.

Angeklagter zahlt Buße von 1500 e

Als Gewinner dürften sich die beiden Angeklagten gefühlt haben, zwei Männer aus dem Kosovo, die jetzt im benachbarten Hessen leben. Das Verfahren gegen den Jüngeren, der von der Staatsanwaltschaft beschuldigt wurde, die Messerstiche zumindest billigend in Kauf genommen und Beihilfe zur Tat geleistet zu haben, wurde ohne Auflagen eingestellt. Der Ältere, den zumindest zwei Zeugen eindeutig als Messerstecher ausgemacht hatten, kam durchaus glimpflich davon. Das Verfahren gegen ihn wird ebenfalls eingestellt, sofern er innerhalb der nächsten fünf Monate eine Geldbuße von 1500 e an die Staatskasse sowie die Auslagen der Nebenklage zahlt. Die Kosten des aufwändigen Verfahrens hat demnach die Staatskasse zu tragen.

Diesem Kompromiss hatten sowohl die Verteidiger der Angeklagten, Jörg Wildemann und Andreas Behrendt, als auch Staatsanwalt Patrick von Grotthuss nach halbstündiger Beratung zugestimmt. Ein bitterer Beigeschmack war dennoch nicht von der Hand zu weisen. Rechtsanwalt Gunnar Kirschbaum, der die beiden verletzten Türken in der Nebenklage vertrat, war »nicht einverstanden« mit der Einstellung des Verfahrens gegen den vermeintlichen Messerstecher. Zwei Zeugen, so Kirschbaum, hätten ihn eindeutig als jenen Mann ausgemacht, der zugestochen habe. Gegenüber der Siegener Zeitung kündigte Kirschbaum an, dass ein Verfahren auf zivilrechtlichem Weg sicher nicht ausgeschlossen sei. Der Verfahrenseinstellung gegen den jüngeren Angeklagten aus dem Kosovo stimmte er hingegen zu, ihm sei eine Tatbeteiligung nicht nachzuweisen.

Große Narbe im Gesicht ist geblieben

Zuvor knüpfte die Verhandlung gestern Morgen genau da an, wo sie zuvor aufgehört hatte: mit relativ widersprüchlichen Zeugenaussagen. Eine Ausnahme bildete jedoch der 21-jährige Türke, der mit dem Messer schwer im Gesicht verletzt worden war, während sein Bruder schwere Bauchverletzungen davon getragen hatte (die Siegener Zeitung berichtete). Der Abiturient schilderte nicht nur die körperlichen Verletzungen, sondern auch die seelischen Nachwirkungen, die die Geschehnisse bei ihm verursacht hätten: »Ich schaue in den Spiegel und sehe die große Narbe in meinem Gesicht. Nichts ist mehr so wie früher. Ich habe Abstand genommen von vielen Dingen, das Interesse an gesellschaftlichen Ereignissen verloren.«

»Die waren außer Kontrolle«

Der ältere Kosovo-Albaner auf der Anklagebank sei genau der Mann gewesen, der ihm mit dem Messer ins Gesicht gestochen habe. »Die waren außer Kontrolle. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie Menschen so gewaltbereit sein können«, schilderte der junge Türke im Zeugenstand seine Empfindungen. Eine Schlüsselaussage war die des Security-Mitarbeiters am Abend der Messerstecherei, ein 21-jähriger türkischer Staatsbürger. Er habe das Zustechen in die Wange des Türken genau beobachtet, so der Türsteher, es sei der Angeklagte gewesen: »Der war Stammgast bei uns, deshalb habe ich ihn am Eingang auch nicht nach Waffen durchsucht.«

Wurde der Zeuge eingeschüchtert?

Sehr merkwürdig die Aussage eines 21-jährigen Türken aus Dillenburg. Hatte der Gebäudereiniger im Juni vergangenen Jahres gegenüber der Polizei noch detaillierte Täterbeschreibungen abgeliefert, so konnte sich der junge Mann gestern an nichts mehr erinnern – auch nicht an die Aussage bei der Polizei. Richter Torsten Hoffmann: »Hat die Polizei ihre Aussage damals geträumt?« Zeuge: »Ich weiß nicht.« Richter: »Was passierte denn an dem Abend genau?« Zeuge: »Ich kann mich an nichts erinnern.« Richter: »Wurden sie oder ihre Familie vor der heutigen Verhandlung bedroht?« Zeuge: »Nein, davon weiß ich nichts.«

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde der Zeuge vereidigt – bereits der dritte in diesem Verfahren. Vor der Tür des Amtsgerichtes warteten weitere zwei Augenzeugen sowie drei Polizeibeamte. Sie wurden allesamt nicht mehr befragt, weil es zu der oben beschriebenen Einigung kam. Die etwas scherzhaft gemeinte Bemerkung eines Beobachters der Vehandlung klang gestern irgendwie einleuchtend: »Vielleicht hätten die Streithähne ihren Konflikt außerhalb unseres Rechtssystems austragen sollen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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