Gottes Segen setzt heilsame Grenzen

Wittgensteiner Pfarrkonferenz beschäftigte sich gestern mit kontrovers diskutiertem Thema

Elsoff. »Wir sind mit euch verbunden im Gebet«, das versicherte gestern bei der Pfarrkonferenz des Wittgensteiner Kirchenkreises Superintendent Hans-Jürgen Debus dem Amerikaner Bud Walther aus Indiana. Der Pastor der Immanuel United Church of Christ, die seit zehn Jahren mit der Evangelischen Landeskirche Westfalen verbunden ist, besucht derzeit zum vierten Mal den Kirchenkreis.

Zuvor war er in Bielefeld bei einer Tagung gewesen, die ironischerweise das Thema »Gewalt überwinden« hatte. Bleiern lag eine bedrückte Stimmung über der gestrigen Versammlung, gerade durch die Verbindung zur United Church of Christ und über das Jugend-Austausch-Programm »Young Ambassadors« besteht zwischen Wittgenstein und den USA eine enge Verbindung.

Und wenn die allgemeine Stimmung in der Welt nach dem Anschlag auch eher das Verfluchen verlangt, so thematisierte die Konferenz gestern das genaue Gegenteil: Es ging ums Segnen. Dr. Magdalene Frettlöh gestaltete als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bochum die Einführung. Es sei ihr »erster öffentlicher Auftritt in Wittgenstein nach gut 22 Jahren«, so die aus Beddelhausen stammende Frau, die damals ihr Abitur im Berleburger Gymnasium feierte.

In ihrem Referat ging Magdalene Frettlöh zunächst einmal auf das Segnen im Allgemeinen ein. Auf die Wechselwirkung des Segnens in einem asymmetrischen Verhältnis zwischen Menschen und Gott, auf genauen Wortlaut und Gestik sowie auf die nötige theologische Selbstreflexion des Ausführenden: »Wenn ich unsere kirchliche Segenspraxis anschaue, dann habe ich manchmal nicht nur den Eindruck, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen, sondern auch und vielleicht öfter, dass wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir segnen.«

Das fand die Referentin besonders traurig, da von den Menschen gegenwärtig immer häufiger der Wunsch nach Segnung geäußert werde. Und dabei kam sie dann auch stellvertretend auf eine Gruppe zu sprechen, der nach gesetzlichen Änderungen der Weg zum Standesamt mehr oder weniger geebnet wurde und die jetzt auch nach kirchlicher Anerkennung verlangt: homosexuelle Christen, die von der geschlechtlichen Zusammensetzung einen etwas anderen Bund fürs Leben eingehen wollen und die dafür ihren kirchlichen Segen haben möchten.

Und bei diesem Ansinnen vertrat Magdalene Frettlöh eine deutliche Position: »Einer Segnungspraxis, die nur re-agiert, sei es auf echte, sei es auf vermeintliche Bedürfnisse, statt offensiv aus der Segensfülle Gottes zu schöpfen, korrespondiert eine letztlich re-aktionäre Theologie. Die aber hat aufgehört, evangelische Theologie zu sein, ist diese doch eine bescheidene, eine befreite, eine kritische und in dem allen eine fröhliche Theologie.«

Alles andere als fröhlich war hingegen das Leben einer 76-jährigen Frau, aus deren Brief Magdalene Frettlöh gestern zitierte. Diese hatte in jungen Jahren tiefe Freundschaft und körperliche Liebe mit einer Frau erlebt, und nachdem diese früh verstorben war, blieb die Briefschreiberin mit einem schlechten Gewissen zurück, das sie auch jetzt an ihrem Lebensabend noch quälte.

»Wieviel Not wäre dieser Frau erspart geblieben, wenn für sie und ihre Lebensgefährtin ein Segen drinnen gewesen wäre in ihrer Kirche«, so das bittere Fazit, das die Referentin für die 76-Jährige gestern zog. Eine Sicht, die nicht von jedem der rund zwei Dutzend anwesenden Konferenz-Teilnehmer geteilt wurde. So wollte der Feudinger Pfarrer Wolfgang Pianka erst einmal geklärt wissen, ob Homosexualität eigentlich als natürliche Prägung des Menschen zu sehen sei. Vielmehr habe diese doch einen persönlichen oder gesellschaftlichen Hintergrund. Er wusste sogar von einem Therapierten zu berichten, der seine Homosexualität als reinen »Vaterhunger« erkannt hatte und diesen nun in seiner Beziehung zu Gott stillte.

Die Referentin mochte die vorgetragene Sichtweise aus ihrer eigenen Erfahrung mit Betroffenen nicht teilen und erläuterte stattdessen Grundsätzliches: Die Heilige Schrift verbiete ganz klar männliche Homosexualität, drei Bibelstellen – zwei im Heiligkeits-Gesetz und eine Ableitung daraus im ersten Kapitel des Römerbriefs – seien hier zu nennen. Alle anderen, die oft angeführt würden, über Kinderschänder und die Zustände in Sodom und Gomorrha seien schlicht und ergreifend fehl am Platze, denn dabei gehe es gar nicht um Liebe. Und weibliche Homosexualität werde in der Bibel überhaupt nicht thematisiert.

Außerdem stellte Margarete Frettlöh das Verbot in einen Kontext: Es gehöre in der Bibel zu den typischen israelischen Vermischungsverboten, die in der Gegenwart nicht mehr die christliche Identität ausmachten. Außerdem liege es auf der gleichen Ebene, wie das Unversehrtheitsgebot für Pastoren, wonach es bei strikter Auslegung auch keine Pfarrer mit Brille geben dürfe. Die Segnung für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, die oftmals so gedeutet wird, als solle normalen Ehepaaren etwas weg genommen werden, stellte Margarete Frettlöh in ein ganz anderes Licht: »Wo Menschen für ihre Partnerschaft um den Segen Gottes bitten, anerkennen sie damit die Herrschaft des einen Herren über ihr Leben. Der Segen Gottes setzt heilsame Grenzen.«

Darüber hinaus empfahl die Theologin den Wittgensteinern, noch einmal eine Pfarrkonferenz allein zum Thema Homosexualität einzuberufen. Auch Superintendent Hans-Jürgen Debus ging davon aus, dass man sich spätestens nach der Landessynode im November mit dem gesamten Themenkomplex erneut und eingehend beschäftigen müsse. Und vielleicht sollten sich einige Pfarrer dafür ins Stammbuch schreiben, was Bud Walther gestern, da vieles auf eine fundamentalistisch-islamische Urheberschaft des Manhattan-Anschlags deutete, sagte: »Der Gott in meiner Bibel segnet nicht die Gewalt, er ist ein Gott der Liebe.«

JG

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen