Grenze des Schweigens überschreiten

Ryszard Krynicki las beim siebten Bad Berleburger Literaturpflaster aus seinen Gedichten

Bad Berleburg. Atemlose Stille herrschte im Saal des Kurhauses Bad Berleburg – eine andächtige Atmosphäre, ein gespanntes Zuhören, aber auch eine gedrückte Stimmung, tiefer Respekt vor dem Mann, der vorn am Mikrofon stand und in leicht gebückter Haltung seine Gedichte rezitierte. Im Rahmen des siebten Literaturpflasters, diesmal mit dem Motto „Polen erleben”, war jetzt Ryszard Krynicki zu Gast, der leider nur vor knapp 20 Zuhörern seine Werke vorstellte.

Geboren: 1943 in einem Nazi-Lager

Von vornherein war klar, dass dieser Literat kein Plauderer ist, niemand, der in seinen Texten mit der Leichtigkeit des Seins spielt, sondern dessen Erlebtes auf seinen Schultern lastet, in seiner Sprache und in seiner Erinnerung. Sein neuestes Werk heißt „Der Stein aus der neuen Welt” und so sprach dann auch ein Gast in der anschließenden Diskussion wohl das aus, was so mancher dachte: „Sie scheinen von einem großen Stein gedrückt.” Sicherlich liegt es an der Biografie des polnischen Künstlers, die seine Gedichte und Prosa so haben werden lassen, wie sie jetzt sind. 1943 im Lager Wimberg geboren, wohin seine Eltern zur Zwangsarbeit deportiert wurden, gehörte Krynicki der polnischen „Generation 68” an – einer Gruppe von Lyrikern, die in den 60er Jahren jung und aktiv waren.

In 70er Jahren mit Druckverbot belegt

Der Bildung dieser Verbindung lagen drei politische Ereignisse zugrunde: Die im März 1968 ausgebrochenen Studenten-Unruhen, der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei und die blutige Niederschlagung der Arbeiterbewegung in Danzig im Dezember 1970. Als Aktivist der demokratischen Opposition war Krynicki in den Jahren 1976 bis 1980 mit Druckverbot belegt. Der studierte Polonist, Dichter, Übersetzer und Verleger lebt heute in Posen und erhielt den Friedrich-Gundolf-Preis 2000 für Vermittlung deutscher Kultur im Ausland.

Mit der Liebe zu Rilke fing alles an

Auf die Frage der Moderatorin, Berleburgs Stadtarchivarin Rikarde Riedesel, warum der Poet deutsche Gedichte in das Polnische übersetze, gab Krynicki zu, dass ganz zu Beginn Rainer Maria Rilke ihn „tief begeistert” habe. Der sei der Grund dafür gewesen, Deutsch lernen zu wollen, um seine Gedichte in der Originalsprache lesen zu können. So bevorzuge es der Literat, auch nur die Werke zu übersetzen, die ihn persönlich bewegten, die etwas in ihm auslösten. „Ich übersetze Gedichte, die ich selber schreiben möchte”, sagte Krynicki eindringlich.

Extremer Minimalismus beeindruckte

Seine eigenen Gedichte haben sich in den Jahren sehr verändert. Während sie bis Ende der 60er Jahre lang und ausführlich waren, hat sich die Form danach dramatisch verändert. „Dann habe ich immer kürzere Gedichte geschrieben, bis ich an die Grenze des Schweigens gestoßen bin”, erklärte der 57-jährige. „Jetzt versuche ich, wieder zu meinen Anfängen zurückzukehren”, schloss er. Tatsächlich waren es gerade die kurzen Texte, die nachhaltigen Eindruck bei den Zuhörern hinterließen. Sie stachen durch extremen Minimalismus hervor, der mit wenigen Worten Stimmungen auf den Punkt brachte.

Schlusspunkt auf Deutsch und Polnisch

Rikarde Riedesel gab zu bedenken, dass Minimalismus eine Vielzahl von Assoziationen zulasse und auch die Möglichkeit, dass der Autor eventuell überinterpretiert würde. Dahingehend zeigte sich Krynicki gelassen: damit müsse ein Dichter eben leben. Allerdings bewies er Selbstkritik, was manche seiner Werke anging. „Manche Gedichte von mir mag ich nicht mehr, dazu gehörten auch einige „so genannte politische”. Als sein wichtigstes Gedicht nannte der Übersetzer von Bertolt Brecht, Nelly Sachs, Reiner Kunze und Paul Celan auf Nachfrage schmunzelnd: „Das, das ich noch nicht geschrieben habe.” Und das zweitwichtigste „Mein Töchterchen lernt lesen” gab es dann noch als Zugabe am Ende der Lesung – sowohl in Deutsch als auch in Polnisch, worum ein Zuhörer besonders bat, was Ryszard Krynicki tief erfreute.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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