Gutmütig, aber einmal ein Monster

Zwei Jahre auf Bewährung für 34-jährigen Wittgensteiner nach Vergewaltigung der Freundin

JG Bad Berleburg. Zwei Jahre Haft ist die Mindeststrafe für Vergewaltigung. Zwei Jahre Haft gab es gestern auch für einen 34-jährigen Wittgensteiner, der sich nach Einschätzung des Berleburger Schöffengerichtes genau dieses Verbrechens schuldig gemacht hatte. Dabei wollten der Richter Torsten Hoffmann und seine beiden Laienrichter den Zustand verminderter Schuldfähigkeit beim Angeklagten nicht ausschließen.

Das Urteil war wohl auch der allerletzte Schlusspunkt hinter eine siebenjährige Beziehung, in der Gewalt – nach Aussage beider Partner – über die Zeit hinweg ein Fremdwort war. Vor zwei Jahren hatten sich der gestern Angeklagte und seine 13 Jahre ältere Freundin in Wittgenstein ein Haus gekauft, beide arbeiteten in der gleichen Klinik und wenn auch nicht jeden Tag die Sonne schien, so führten die beiden doch eine ganz normale Beziehung.

Bis im vergangenen Frühjahr. Während seine Freundin fünf Wochen lang in Kur war, bekam er ins gemeinsame Haus eine nagelneue Küche für 10000 e geliefert. Auch als er die Freundin dann aus der Kur abgeholt habe, sei er überzeugt gewesen, dass alles in Ordnung war, so der Angeklagte gestern. Sie hätten sich auf einander gefreut, hätten ohne Probleme miteinander geschlafen. Doch schon am folgenden Wochenende habe seine Lebensgefährtin wieder die Koffer gepackt und sei über das lange Osterwochenende angeblich zu einer Freundin gefahren und am Montagabend habe sie ihm zuhause offenbart, dass sie sich krankheitsbedingt einen neuen Job suchen und sowieso von ihm weg wolle. Da habe er schon befürchtet, dass ein andere Mann dahinterstecke – wie vor vier Jahren, als die Frau sich während einer Kur schon einmal anderweitig verliebt hatte. Und so habe er Namen und Telefonnummer von dem Anderen in ihrem Adressbuch gefunden.

Am Samstag drauf sei er dann nach der Arbeit zu einem Bekannten gegangen, habe mit dem Fußball auf Premiere geschaut und »vielleicht über den Durst getrunken«. Genauer gesagt, sieben oder acht 0,33-Liter-Bierflaschen und noch mal so viele Malteser, dabei trinke er doch eigentlich keinen Schnaps. Dann habe ihn seine Freundin mit dem Auto abgeholt, schon unterwegs habe er sie beschimpft, sei schließlich aus dem Pkw ausgestiegen und eine Weile später sei er dann in seiner Wohnung gewesen. An den Heimweg könne er sich überhaupt nicht erinnern und auch für das anschließende Geschehen im gemeinsamen Haus erinnere er sich nur an Bruchstücke: Er habe gegen eine Tür getreten, einen Couchtisch umgeschmissen und seine Freundin fest gegen ein Regal gestoßen.

Sonst wisse er nichts mehr, morgens habe ihn dann seine Freundin geweckt. Er habe – wie noch nie zuvor – nackt auf dem Wohnzimmersofa gelegen, deshalb habe er seine Freundin sofort gefragt, ob er ihr etwas getan habe, sie wohlmöglich vergewaltigt habe. Das habe sie verneint, dann seien sie zusammen zur Arbeit gefahren – sie habe ihm noch einen Kuss gegeben, er sei auf seine Station gegangen, sie offenbar aber nicht, sondern zurück nach Hause, habe ihre Sachen gepackt und sei zu dem neuen Freund gefahren, nachdem sie einen Zettel geschrieben habe: »Verzeih mir, ich kann nicht anders.«

Die Geschädigte erinnerte sich an den fraglichen Abend folgendermaßen. Zuhause habe ihr betrunkener Freund Streit gesucht, er habe sie beschimpft und Sachen durch das Zimmer geschmissen, sie sei gegen einen Schrank geflogen, dann habe er sich auf sie gehockt und mit den Knien zu Boden gedrückt: »Er ist stark.« All ihr Weinen und Schreien habe ihn immer böser gemacht. Er habe ihr die Kleider heruntergerissen, er habe »gezogen und gezerrt«. »Nach einer gewissen Zeit hab' ich mich nicht mehr getraut, mich zu wehren. Ich hab ziemlich Angst gehabt.« So habe sie ihren damaligen Freund noch nie erlebt: »Er ist eigentlich ein gutmütiger Mensch.« Doch an diesem Abend, als er gegen ihren Willen in sie eingedrungen sei, sei er »ein Monster« gewesen.

Sie habe die ganze Nacht überlegt, was sie machen solle, habe am Morgen ihrem Freund gesagt, was er getan habe, und sei scheinbar zur Arbeit gefahren, aber dann stattdessen zum neuen Freund geflohen. Der habe gesagt, dass ihr Ex »nicht ungestraft davon kommen« dürfe. Außerdem habe der Neue seine Nachbarin – eine Polizistin – geholt, die sollte nur einen Rat geben. Sagte aber, dass sie als Polizistin eine solche Straftat anzeigen müsse, wenn sie davon Kenntnis erhalte.

So war ruckzuck die Anzeige erstattet, die Frau wurde sowohl gynäkologisch als auch rechtsmedizinisch untersucht. Die Ergebnisse erläuterte im Berleburger Gericht gestern der Gutachter Dr.Frank Ramsthaler. Die Untersuchung habe keinen 100-prozentigen Beweis für einen erzwungenen Geschlechtsverkehr erbracht, neben einem Kollisions-Bluterguss durch stumpfe Gewalt im Lendenbereich seien vor allem Kratzer auf der Haut aufgefallen, die habe sich die Frau mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht selbst beigebracht, diese hätten beim gewaltsamen Auskleiden genauso entstehen können wie bei einem normalen Liebesspiel.

Staatsanwalt Wolfgang Nau sah den Tatvorwurf der Vergewaltigung bestätigt, wenn er auch die unglücklichen Umstände, die offenbare Reue, die bisherige Unbescholtenheit und die selbst ausgerechneten zwei bis zweieinhalb Promille Blutalkohol als entlastende Umstände ins Feld führte. Wolfgang Nau forderte deshalb die Mindeststrafe für Vergewaltigung, zwei Jahre Haft, die in diesem Fall zur Bewährung ausgesetzt werden könnten. Außerdem plädierte er für eine Geldbuße in Höhe von 2500 e. Für Verteidiger Reinold Ostermann war lediglich eine Körperverletzung nachgewiesen: »Vergewaltigung in diesem Sinne sehe ich nicht als bewiesen an.« Deshalb forderte er in dieser Sache einen Freispruch. Ein Entkleiden ohne Zutun der Geschädigten sei nicht möglich gewesen. Sowohl Angeklagter als auch Geschädigte goutierten die Ausführungen mit ungläubigen Blicken.

Das Gericht erkannte am Ende auf eine zweijährige Bewährungsstrafe für den Angeklagten und eine Geldbuße in Höhe von 1000 e. Torsten Hoffmann erkannte an, dass der Angeklagte in seinen Ausführungen sehr ehrlich gewesen sei, andererseits seien auch die Aussagen der Frau im Einzelnen gut nachvollziehbar und glaubhaft gewesen. Die Zeugin habe ihren Ex-Freund nicht unbedingt belasten wollen und die angeklagte Tat sei eines der schwerwiegendsten Delikte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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