Halbes Jahr Frist für Jugendarbeit

Wittgensteiner Kreissynode: Jugendlichen können nach neuen Finanzquellen suchen

JG Bad Berleburg. Bei manch einem Wittgensteiner Jugendlichen klingelte der Wecker gestern Morgen bereits um halb Fünf. Aus allen Ecken des Altkreises und außerdem auch noch aus den Hochsauerländer Gemeinden des evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein machten sich junge Leute auf den Weg nach Bad Berleburg, um vor dem Christus-Haus auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen: Denn im Christus-Haus tagte die Kreissynode, um darüber zu entscheiden, wie es mit der hauptamtlichen Jugendarbeit im Kirchenkreis weiter gehen soll.

Und obwohl die meisten Delegierten zunächst einmal relativ ungerührt an den Jugendlichen selbst und ihren Plakaten sowie an den 1000 Luftballons mit Namen von Teilnehmern an Aktionen der evangelischen Jugend Wittgenstein vorbeiliefen, zeigte die professionelle Öffentlichkeitsarbeit der vergangenen Wochen und das imposante Unter-Beweis-Stellen von Engagement gestern offenbar Wirkung: Am Ende stimmten 31 Delegierte dafür, dass es einen Aufschub für die hauptamtliche Jugendarbeit geben soll. Bei zwei Enthaltungen und 25 Gegenstimmen eine trotz allem knappe Entscheidung. Die genaue Regelung sieht jetzt vor, dass fünf Jugendreferenten – alle außer dem langjährigen Hauptamtlichen Günter Theophel – am Jahresende gekündigt werden, so dass ihre Beschäftigung zur Jahresmitte 2007 ausläuft. Diese können sich dann erneut beim Kirchenkreis bewerben, um eine von drei Jugendreferenten-Stellen zu bekommen, die es sicher bis zum Jahresende 2007 geben wird. Hierbei soll nach Sozialpunkten entschieden werden. Finanziert wird das Ganze durch Entnahmen aus der Ausgleichsrücklage. Eigentlich sollten es nur 115000 e sein, nun sind es stattdessen 157000 e.

Diese Summe kann kleiner werden, wenn die Jugendarbeit durch Spendensammeln oder Aktionen selbst Gelder aufbringt. Hier planen Jugendarbeit und CVJM künftig größere Anstrengungen. Denn es bleibt erklärtes Ziel, dass auch nach 2007 die hauptamtliche Jugendarbeit – abgesehen von der Günter-Theophel-Stelle, die offenbar nicht mehr zur Disposition steht – hauptsächlich durch Spenden finanziert werden soll.

Sicherlich kein leichtes Unterfangen, dennoch war dem Erndtebrücker Pfarrer Helmut Krumm dieser Aufschub enorm wichtig, um die Jugendlichen gestern nicht vor den Kopf zu stoßen und um aus der unguten Konfrontation der beiden Seiten, die er in den vergangenen Wochen empfunden habe, herauszukommen. Allerdings hatte er gleichzeitig nur ganz wenig Hoffung auf einen Erfolg der Bemühungen. Die Berleburger Pfarrerin Claudia Latzel-Binder wies in Verbindung mit dem so genannten Fund-Raising auf ein anderes Problem hin: Sie habe erlebt, wie mühsam es für ihre Jugendlichen gewesen sei, Spenden für Einzelaktionen zu sammeln. Und wenn bei einem sehr großem Aufwand lediglich 250 e herumkämen, dann gerate man in die Gefahr, dass Jugendarbeit am Ende nur noch aus Spendensammeln bestehe.

Pfarrer Dr. Ralf Kötter ärgerte sich schlicht und ergreifend, wenn gesagt wurde, ohne hauptamtlichen Jugendreferenten gebe es keine Kinder- und Jugendarbeit. Da sei in der Lukas-Gemeinde anders. Sein Tischnachbar Achim Hentzelt aus der Kirchengemeinde Gleidorf führte außerdem aus, dass er für den Hochsauerlandkreis konstatiere, dass diese Region definitiv für einen einzigen Jugendreferenten zu groß sei. Sie hätten in ihrer Gemeinde erst wieder eine funktionierende Jugendarbeit, seitdem sie das ohne Jugendreferenten im Sprengel selbst organisierten. All diese Punkte spielten in der Diskussion keine Rolle mehr.

Vielleicht weil die Kulisse vorm Christus-Haus wirklich beeindruckend war. Oder weil den Delegierten der gemeinsame Aufruf von der Jugenddelegierten Katrin Wagner aus Banfe und der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Verena Krutwig aus Wingeshausen noch in den Ohren klang: »Wir bitten sie von ganzem Herzen, lassen sie uns nicht im Stich.« Oder weil der Appell vom Mitarbeiter-Vertreter Hartmut Weidt zu schlüssig war: »Kinder und Jugendliche brauchen gerade auch in den Gemeinden Menschen, denen sie vertrauen können, die sie begleiten, anleiten und unterstützen in ihren Glaubensfragen und persönlichen Lebenssituationen.«

Die Synode machte sich ihre Entscheidung nicht leicht. Ob es die richtige war, kann nur die Zeit ausweisen. Die Jugendlichen haben jedenfalls einen Aufschub bekommen, wenn auch die dadurch erhaltene Chance wahrscheinlich sehr viel kleiner ist, als sie verdient hätten. Doch zweierlei bleibt am Ende festzuhalten: Die Jugendlichen können stolz auf das sein, was sie in den vergangenen Wochen und gestern auf die Beine gestellt haben. Und die Synode kann stolz sein, zum einen auf solche Jugendliche im Kirchenkreis, zum anderen auf die faire Diskussion und Entscheidungsfindung gestern.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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