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Gericht setzt Verfahren aus
Helfen statt bestrafen

bw Bad Berleburg. Helfen statt bestrafen – vor dieser Herausforderung stand das Bad Berleburger Amtsgericht am Dienstag, sieht das Strafrecht doch solche Hilfestellungen nur als Auflagen vor. Nach eindringlicher Beratung stand am Ende aber kein Urteil, das Verfahren wurde zunächst ausgesetzt, um es gegebenenfalls in einigen Monaten fortzusetzen. So lange hat die 34-jährige Angeklagte nun die Gelegenheit, für sich einen Weg zu finden, wie sie mit ihrer psychischen Erkrankung umgehen will. Womöglich mit einer Tagesstruktur in einer entsprechenden Werkstatt oder mit einem Einzug in eine Einrichtung des stationären betreuten Wohnens. Zwingen lassen wolle sie sich nicht, stellte die 34-Jährige jedoch klar: „Dann bringe ich mich eher um.

bw Bad Berleburg. Helfen statt bestrafen – vor dieser Herausforderung stand das Bad Berleburger Amtsgericht am Dienstag, sieht das Strafrecht doch solche Hilfestellungen nur als Auflagen vor. Nach eindringlicher Beratung stand am Ende aber kein Urteil, das Verfahren wurde zunächst ausgesetzt, um es gegebenenfalls in einigen Monaten fortzusetzen. So lange hat die 34-jährige Angeklagte nun die Gelegenheit, für sich einen Weg zu finden, wie sie mit ihrer psychischen Erkrankung umgehen will. Womöglich mit einer Tagesstruktur in einer entsprechenden Werkstatt oder mit einem Einzug in eine Einrichtung des stationären betreuten Wohnens. Zwingen lassen wolle sie sich nicht, stellte die 34-Jährige jedoch klar: „Dann bringe ich mich eher um.“

Die junge Frau, die aus einem Ortsteil von Bad Laasphe stammt und jetzt in einer eigenen Wohnung in Bad Berleburg lebt, musste sich vor Gericht für zwei tätliche Angriffe auf ihre Mutter verantworten. Im Juni schlug sie ihrer Mutter im Streit einen Telefonhörer an den Kopf, einen Tag später suchte sie das Elternhaus erneut auf, es kam wieder zum Streit, bei dem die Mutter stürzte und sich die Schulter brach.

Taten im Zustand verminderter Schuldfähigkeit

Beides geschah im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit, litt die junge Frau damals doch unter einer Psychose und unter Wahnvorstellungen, die sie auch dem Gericht eindrücklich schilderte: „Ich hatte das Gefühl, meine Mutter wollte mir nicht helfen. Ich dachte, sie wäre böse.“ Sie habe in diesen Momenten die Kontrolle verloren. „Ich wollte das nicht“, sagte die 34-Jährige, räumte damit die Taten allerdings ein, wobei der zweite Angriff aus ihrer Sicht eher ein unglücklicher Zusammenstoß war. Die Frage, wie das Ganze jedoch strafrechtlich zu werten ist, wird das Gericht erst in einigen Monaten entscheiden.

Zunächst soll nun die weitere Entwicklung der 34-Jährigen abgewartet werden. Die Eskalation im Juni war auch ein kleiner Wendepunkt. Zwei Jahre sei sie vorher zu Ärzten gefahren, verriet die junge Frau mit tränenerstickter Stimme dem Gericht: „Ich hatte so viel Aggression in mir, keiner hat mir geholfen.“ Nach dem tätlichen Angriff auf ihre Mutter kam sie in stationäre psychiatrische Behandlung, dort erhielt sie Medikamente, mit denen sie heute zumindest ihre Wahnvorstellungen im Griff hat. Gleichwohl leide sie unter starken Depressionen und Angstzuständen. Sie habe sich zwar eine Wohnung gesucht, dort fühle sie sich aber einsam. Die 34-Jährige steht unter ambulantem betreuten Wohnen, doch das hat deutliche Grenzen, weshalb sie oft bei ihren Eltern sei.

Mit Medikamenten besser

Ihre Betreuerin bestätigte die Entwicklung der 34-Jährigen. Sie habe die Betreuung einige Wochen vor der Eskalation mit der Mutter übernommen. Die junge Frau sei damals sehr aggressiv gewesen, durch ihre Wahnvorstellungen habe sie geglaubt, jeder wolle ihr etwas Böses. Mit den Medikamenten sei es jetzt besser, grundsätzlich fehlten der Klientin aber soziale Kontakte. Hier hakte Judith Hippenstiel als Vertreterin der Staatsanwaltschaft ein und wollte wissen, warum denn bisher die Unterbringung in einer stationären Einrichtung für betreutes Wohnen nicht überlegt worden sei. Dafür, das kristallisierte sich anschließend heraus, gibt es mehrere Gründe: Die 34-Jährige zeigte sich zwiegespalten, ob es wirklich das Richtige für sie wäre, außerdem sei es momentan nicht so einfach, einen Platz in einer solchen Einrichtung zu bekommen, merkte ihre Betreuerin an.

Judith Hippenstiel zeigte das Dilemma des Gerichts auf: Das wolle einerseits zwar helfen, müsse andererseits aber auch verhindern, dass die 34-Jährige weitere Straftaten begeht. Rechtsanwalt Thomas Nonas sah derweil in dem Bemühen seiner Mandantin, sich selbst um einen Platz im stationären betreuten Wohnen zu kümmern, ein gutes Zeichen: „Sie hat sich selbst bei den Einrichtungen gemeldet und ihre Antriebsschwäche überwunden, aber es passt auch nicht jede Einrichtung zur jeweiligen Erkrankung. Es muss ihr weiterhelfen. Sie versucht selbst zu klären, was in Zukunft das Beste für sie ist.“

Zu nichts zwingen lassen

Obwohl Richter Torsten Hoffmann, ihr Verteidiger, ihre Betreuerin und die Vertreterin der Staatsanwaltschaft die Chance aufzeigten, die hinter der Aussetzung ihres Verfahrens steht, war die 34-Jährige sehr unsicher. Sie wolle sich zu nichts zwingen lassen. Ihre Betreuerin brachte ihre Situation gut auf den Punkt: „Wie ein Rollstuhlfahrer, der eine große Treppe hoch soll.“

Autor:

Björn Weyand (Redakteur) aus Bad Laasphe

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