»Heute ist das alles hier nur noch ein Hobby«

Hof Schlade bei Christianseck wird im Nebenerwerb geführt / Die Erinnerungen an früher weiß Hausherr Horst Bätzel sehr zu schätzen

vg Christianseck. Horst Bätzel denkt gerne an seine Jugendzeit zurück: Damals, als die Landwirtschaft auf Hof Schlade bei Christianseck noch im Haupterwerb geführt wurde – das waren noch andere, bessere Tage. »In diesem Haus wurde ich vor 47 Jahren geboren«, sagt er und lehnt sich in seinem Küchenstuhl zurück. »Die Großeltern haben den Hof damals gemeinsam mit den Eltern geführt, und mein Vater ist zusätzlich noch in den Wald gegangen.«

Heute wird Hof Schlade nur noch als Nebenerwerbsbetrieb geführt: »Heute ist das alles hier nur noch ein Hobby«, sagt der Hausherr und schaut zum Fenster hinaus: »Das Gebäude da hinter dem Haus, das war mal unser Backhaus. Und der alte Brunnen oben auf der Anhöhe ist längst leer.« Heute versorgt ein neuer Brunnen in unmittelbarer Nähe das Gehöft aus 70 Metern Tiefe mit frischem Wasser. »Einen Stall hatten wir auch mal, aber das ist lange vorbei«, fährt Horst Bätzel fort, »früher haben wir gemolken und Butter verkauft. Das lohnt sich heute einfach nicht mehr. Dazu sind wir auch zu weit vom Schuss.« Dennoch: Tiere gibt es immer noch auf dem Hof. Hund Aika und die Katzen gehören dazu, »und im Sommer haben wir noch Rinder auf der Weide«, sagt der Hofbesitzer. Doch all das steht in keinem Vergleich zu früher: »Da haben wir noch Weizen, Roggen und Hafer angebaut und in die Mühle gefahren«, erinnert sich Horst Bätzel gerne, »heute rechnet sich das einfach nicht mehr.«

Hauptberuflich arbeitet Horst Bätzel als Maschinist bei einer Tiefbaufirma in Bad Berleburg und Ehefrau Kirsten kümmert sich um den Haushalt: »Und natürlich müssen die Kinder auch irgendwie zur Schule kommen und wieder abgeholt werden«, sagt er, »da ist meine Frau ganz schön eingespannt.« Bis zum Laibach werden die Töchter Nina und Katrin und Sohn Kevin gefahren, ab da bringt sie ein Bus nach Bad Berleburg. »Aber mittags müssen sie dann zu unterschiedlichen Zeiten abgeholt werden.« Über die Woche verteilt müssen so manche Entfernungen zurückgelegt werden: »Im Jahr fahren wir 30000 Kilometer«, stellt Horst Bätzel fest, »dafür muss man gar nicht in den Urlaub gefahren sein.« Neben den weiten Entfernungen, die das Leben in der Abgeschiedenheit mit sich bringt, gibt es auch andere Probleme:–»Wenn hier einmal ein Feuer ausbricht, dann brennt auch alles sofort nieder«, sagt Horst Bätzel, »hier oben fehlt es nämlich am nötigen Wasser. Ich habe schon so oft den Vorschlag gemacht, man könnte doch auf meinem Grundstück einen Feuerlöschteich anlegen, aber man hat mich immer wieder abgeblockt.« Horst Bätzel kann darüber nur mit dem Kopf schütteln: »Ich glaube, dass die Bewohner der Einzelgehöfte von den Behörden einfach nicht richtig wahrgenommen werden«, kritisiert er, »es muss erst was passieren, damit etwas passiert.«

Darüber hinaus bringt das Leben »weit vom Schuss« auch ungemeine Vorteile mit sich: »Es guckt einem keiner auf den Teller«, sagt der Hofbesitzer, »und man hat einfach viel mehr Freiheiten als im Dorf. Zum Beispiel ist das Thema Ruhestörung bei Geburtstagen oder anderen Feiern hier kein Problem«, lächelt er. Vor allem aber schätzt der Maschinist den ungeheuren Zusammenhalt mit den Hofbewohnern aus der Nachbarschaft: »Wir helfen uns alle gegenseitig in der Erntezeit. Allein wäre das kaum zu machen.« Zusammenarbeit ist aber auch in den Wintermonaten gefragt: »Es kommt schon mal vor, dass wir Leute bergen müssen, die im Schnee stecken oder man muss den Müllwagen schon mal wieder ans Tageslicht bringen, weil er vom Weg abgekommen ist«, sagt er, »aber dafür sind alle hier in Christianseck gerüstet. Fast jeder hat eine Seilwinde.«

Bei besonders starkem Schneefall kann die Nacht für Horst Bätzel dann auch mal sehr kurz werden: »Manchmal stehe ich schon um zwei Uhr auf, weil ich den Schnee räumen muss. Bei besonders heftigem Schneefall muss man aber auch rund um die Uhr fahren, da stellt mich die Firma dann frei oder ich baue noch Urlaubstage ab.« Auf Hof Schlade wird auch noch mit eigenem Brennholz geheizt: »Das schlage ich nach der Arbeit, damit wir es auch immer schön warm haben«, sagt er.

Für Horst Bätzel bleiben die Gedanken an früher Erinnerung. Ein Zurück zur Landwirtschaft im Haupterwerb wird es für ihn nicht mehr geben: »Dafür gibt der Boden einfach nicht genug her und man hat nicht genügend Fläche, um große Maschinen einzusetzen«, sagt er, »ich habe zwar mal mit dem Gedanken gespielt, einen Rinderstall zu bauen, aber ich habe es dann doch gelassen.« Dennoch: Zu tun gibt es auf Hof Schlade noch immer genug. Horst Bätzel steht vom Küchentisch auf und lauscht: »Gerade hat unser Hund Aika gebellt«, sagt er,–»jetzt will er bestimmt mit Nina ein bisschen Gassi gehen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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