Hinter den Rollen lugte der Mensch hervor

»Politischer Abend beim Eheseminar für Inhaftierte und ihre Partnerinnen«

ewi Wemlighausen. Das Rollenspiel, zu dem Lutz Greger, Gefängnispfarrer in Attendorn und Siegen, die Gäste im Jugendfreizeit-Zentrum des Kirchenkreises Wittgenstein in Bad Berleburg-Wemlighausen veranlasste, kostete z. T. Überwindung. Die Ministerialdirigentin aus dem Düsseldorfer Justizministerium, der Präsident des Landesjustizvollzugsamts, ein Superintendent, eine Landeskirchenrätin und andere sollten eine Familie spielen, die über das Ziel der gemeinsamen Urlaubsreise entscheiden sollte und in der Oma, Eltern und drei Kinder jeder ein anderes Ziel favorisierte. Erste Phase: jeder plädierte nur für sein Urlaubsziel, zweite Phase: jeder plädierte für das Ziel eines anderen, dritte Phase: jeder sollte nur ganz allgemein argumentieren. Zuschauer des Rollen-verwirrenden Spiels: Häftlinge aus mehreren NRW-Justizanstalten und deren Frauen.

Zum »politischen Abend beim Eheseminar für Inhaftierte und ihre Partnerinnen« hatte Pfarrer Greger in der vorigen Woche eingeladen. Das Seminar, das in zwei mehrtägigen Blöcken mit dreiwöchiger Pause unter Federführung der Justizvollzugsanstalt Attendorn vom Institut für Kirche und Gesellschaft der Ev. Kirche von Westfalen durchgeführt wurde, war ein Baustein der Resozialisierung Strafgefangener, es war aber vielleicht auch mehr, sollte es doch für die durch die Gefängnishaft oft zutiefst gestörte Beziehung der Ehepartner neue Perspektiven erschließen durch das Erlernen anderer Kommunikationsformen und z. B. auch durch bewusste Teilung der eigenen kleinen Haushaltsführung der Partner.

Das Seminarteam bestehend aus dem Pfarrer und drei Familientherapeuten bzw. Sozialpädagogen hatte den insgesamt sechs Paaren offenbar ein dichtes Programm verpasst. Alle hatten die langen Gesprächsrunden als »Arbeit« aufgefasst und fanden, die Freizeit sei zu kurz gekommen – soziales Verhalten im Kompaktkurs sozusagen. Allein mit Formen der Gesprächsführung, die dem Anderen mehr Raum lässt, die auch alternative Handlungsoptionen erschließt, hatten die Seminarsitzungen reichlich zu tun.

Was können solche Eheseminare für Strafgefangene, die Nordrhein-Westfalen vor vielen Jahren als erstes Bundesland eingeführt hat und die noch keineswegs in allen Bundesländern bekannt sind, bewirken? Dr. Heinz Helling, Präsident des Landgerichts Siegen und einer der Gäste bei dem »politischen Abend«, fragte nach späteren Erfolgskontrollen. Die freilich sind schwer durchzuführen, am ehesten hält den Werdegang noch der Pfarrer im Blick – aber auch er nur während der Inhaftierung. Was später wird, ist offen. Und das eingangs erwähnte Rollenspiel? Sein Sinn wurde – Zufall oder nicht – im abschließenden Gesprächskreis aus Gästen und Team nicht diskutiert. Sicherlich war derlei ein Lernelement der Seminarteilnehmer gewesen, das auch die Gäste unter den Augen der Ehepaare einmal ausprobieren sollten. Aber die Gäste mussten darüber auch ihre »mitgebrachte« Rolle ein Stück hinter sich lassen. Zwar war jedem das Rollenspiel durchsichtig, doch gerade deshalb lugte hinter den Rollen der Mensch hervor - eine Art soziologische Versuchsstation, die vielleicht auch für die sechs Paare das Menschliche der Gäste durchschimmern ließ. Letztere indes konnten mit etwas Vorstellungskraft nachempfinden, dass die Familien der Strafgefangenen oft mehr gestraft sind als die Gefangenen selber.

Fragen, die zum Nachdenken Anstoß gaben. Auf viele der Gäste warteten draußen die Fahrer. Die Rückkehr in die alte Rolle war gesichert.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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