»Ich schwör' hier auf meine Tochter«

Kneipenwirt musste sich gestern im Berleburger Amtsgericht für Vergewaltigung verantworten

JG Bad Berleburg. Nach ihrer ersten Zeugenaussage brach gestern Morgen eine 22-jährige Wittgensteinerin mit einem deutlich vernehmbaren Schlag und schreiend vor der Tür des Berleburger Amtsgerichts zusammen. Nach einer zweiten knallte sie die Tür des Gerichtssaales so heftig zu, dass die schön geschliffenen, kunstvollen Fensterscheiben des Saals in ihrem Kitt wackelten.

Viel Dramatik und ein unangenehmer Fall

Außer viel Dramatik bekamen die Zuschauer und das Schöffengericht noch einen sehr unangenehmen Fall geboten: Ein 53-jähriger Wittgensteiner Kneipenwirt sollte sich wegen einer Vergewaltigung seiner Aushilfsbedienung und Putzfrau verantworten. Am letzten Oktober-Wochenende soll sich die Tat ereignet haben. So weit, so gut, so klar – aber dann ging es los mit den Problemen. Die diversen Aussagen unterschieden sich unvereinbar, so dass ein klares Bild der Geschehnisse kaum entstehen wollte.

Version des Angeklagten

Der angeklagte Witwer erinnerte sich folgendermaßen: Seine Bedienung habe 14 Tagen bei ihm gearbeitet, von Freitag auf Samstag habe sie bei ihm im Gästezimmer übernachtet, auch in der folgenden Nacht sei sie dageblieben. Die junge Frau sei betrunken gewesen. Wieviel sie getrunken habe, wisse er nicht mehr, denn er sei an dem Abend mehrfach und länger unterwegs gewesen. Nachdem er gegen zwei Uhr nachts wieder gekommen sei, da habe er gesehen, wie die Frau mit vier anderen Männern eine Flasche Ouzo leergemacht habe. Als die letzten Gäste gegangen seien, da habe er sie mit in sein Wohnzimmer nach oben genommen.

Ein »bisschen Küssen«, »erotisches Küssen« habe hier stattgefunden. Sie habe – ohne Hose – auf seinem Schoß gesessen, während sie seine Hose aufgeknöpft habe. Dabei habe er sie gestreichelt am Oberkörper, vielleicht auch woanders. Dann habe das Telefon geklingelt, die junge Frau habe plötzlich dringend weggemusst. Ohne Streit seien sie mitten in der Nacht auseinandergegangen, er habe ihr sogar noch ein Taxi bestellt. Er habe sich schlafen gelegt, bis ihn Sonntag morgens die Polizei geweckt, mitgenommen und in die Gewahrsamszelle gesteckt habe.

Version der Geschädigten

Die Frau erinnerte sich – wie Espenlaub zitternd und immer wieder schluchzend – anders: Das Sozialamt habe ihr den Namen der Kneipe gegeben, wo sie arbeiten könne. Sie habe eigentlich nur morgens putzen wollen, weil sie ja ein kleines Kind habe. Aber ab und zu habe sie abends auch gekellnert. So auch an dem fraglichen Abend. Schon in den zwei Wochen vorher habe sie ihr Chef immer wieder angegrabscht. In dieser Nacht sei er um Zwei Uhr wieder in die Kneipe gekommen. Sie habe den ganzen Abend nur zwei Asbach-Cola getrunken: »Ich schwör' hier auf meine Tochter.« Bei ihrem Peiniger habe das anders ausgesehen: Er war »betrunken wie immer, der fährt auch besoffen durchs Dorf«.

Nach dem letzten Gast sei es erst ins Wohnzimmer gegangen, schließlich in sein Schlafzimmer. Sie habe nicht weglaufen können, weil die Kneipentür zu gewesen sei: »Er hat mich an der Hand genommen und dann hoch.« Hier sei es dann gegen ihren Willen zu weiteren, schwerwiegenden sexuellen Übergriffen gekommen. Der Angeklagte habe sie dort auf die Bettkante geworfen: »Mein ganzer Rücken war blau«. Nachdem er ihr alles ausgezogen hatte, »hat er sich auf mich gelegt und versucht, in mich einzudringen«. Ob es passiert sei, wisse sie nicht mehr, sie sei zwischenzeitlich weggetreten. Auch wie sie sich aus dem Haus befreit habe, wisse sie nicht mehr. Morgens um halb Sechs habe sie im Schnee vor ihrem Zuhause gelegen. Eine Freundin habe sie aufgenommen und die Polizei gerufen. Danach folgte erst die Befragung durch eine Beamtin, dann die Untersuchung durch eine Gynäkologin: »Die Frauenärztin hat mich behandelt wie Dreck«, erinnert sich die Zeugin gestern.

Objektive Aussagen Sachverständiger

Die anderen Zeugen bestätigten zumeist die Angaben der Geschädigten, aber stützten auch mal die Geschichte des Angeklagten, ab und zu lieferten sie ganz neue Versionen. Deshalb nun noch ein Blick auf gutachterliche – und damit vermeintlich objektive – Ergebnisse: Der Blutalkohol der jungen Frau wurde am Sonntagmorgen halb Neun mit immerhin 0,63 Promille bestimmt. Die Frauenärztin stellte in ihrem Bericht keine Verletzungen, keinen blauen Fleck, keine Schürfungen und keine Wunden fest. Der Hausarzt der jungen Frau attestierte einen Tag nach dem Vorfall »Hinweise für multiple Prellungen ohne sichtbare Hämatome«. Das Landeskriminalamt stellte anhand von Speichelproben und Abstrichen fest, dass es keine Samen-Spuren bei der Frau gab, am Oberschenkel jedoch Griff- oder Sekret-Spuren vom Angeklagten.

Neue Zeugen, neue Gutachten

Und weil Gutachten so schön objektiv sind, stellte Verteidiger Norbert Hartmann am Ende der Beweisaufnahme direkt noch einen Antrag. Das damals sichergestellte Spannbetttuch soll auf Schuppen, Haare und Sekret-Spuren der Frau untersucht werden. Außerdem wünschte sich der Verteidiger einen weiteren Kripobeamten als Zeugen – für den Zustand, in dem sich das Schlafzimmer nach der mutmaßlichen Tat befand. Dem mochte Staatsanwalt Patrick von Grotthuss nicht nachstehen und beantragte die Einbestellung von drei weiteren Zeuginnen. Die sollen allesamt ebenfalls sexuelle Übergriffe durch den Angeklagten bestätigen können. Das Schöffengericht gab allen Anträgen statt. Das Gutachten braucht wohl drei Monate Zeit. Fortsetzung folgt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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