Im nächsten Moment wirklich

Literatur-Pflaster: Was aus Pinguin Mischa wurde…

awe Bad Berleburg. Wer selbst Geschichten erfindet, in denen einem zu Beerdigenden ein Handy mit ins Grab gegeben wird, der wundert sich wahrscheinlich auch nicht, wenn er eingeladen wird, diese in einem Autohaus vorzulesen, platziert zwischen einem Satz Reifen und einem Opel-Oldtimer. Andrej Kurkow fühlt sich in außergewöhnlichen Situationen zuhause, zumindest vermittelte der Autor, der im Rahmen des Berleburger Literaturpflasters am Sonntagabend die Lesereise nach Russland eröffnete, nicht den gegenteiligen Eindruck. Und das Autohaus Kroh entpuppte sich als ein völlig geeigneter Lesesaal, um darin eine Fantasiereise nach Moskau anzutreten und einen Pinguin zu suchen.

Fortsetzung mit Pinguin

Denn ein Pinguin namens Mischa ist eine Haupt-Nebenfigur im neuen Roman des Autors, den er auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt. »Pinguine frieren nicht« ist dabei die Fortsetzung des Romans »Picknick auf dem Eis«, der 1999 in deutscher Sprache erschien. Eine Fortsetzung habe es auch deshalb gegeben, weil vor allem viele seiner Leser im Westen sich Sorgen gemacht hätten um das Schicksal des Pinguins. Am Ende des ersten Bandes bleibt nämlich offen, was aus Mischa wird und in Gegenden, in denen man Tiere schon mal mehr liebe als andere Leute, hätte man sich viele Gedanken um Pinguin Mischa gemacht.

Und wem das als Begründung für eine Fortsetzung nicht reichte, dem erklärte Andrej Kurkow, dass seine erste Geschichte um den Pinguin und seinen Freund Viktor eigentlich fünf Kapitel länger gewesen war. Aber dann habe er gemerkt, dass er das Ende verpasst habe, erklärte der Autor. Die überzähligen Kapitel ließ er für eine Fortsetzung übrig. Dann aber erschienen ihm die Kapitel zu alt und er schrieb eine neue Fortsetzung.

Ein Bild, das heftig anrührt

Dieser verschmitzte Humor blitzte auch aus den Passagen hervor, die Andrej Kurkow aus der deutschen Übersetzung vorlas. In der Fortsetzung macht sich Viktor in Moskau auf die Suche nach seinem Pinguin-Freund Mischa. Aber nicht hier, sondern in Tschetschenien, in einem Krematorium, trifft er das kleine, watschelnde Wesen wieder. Das Krematorium ist einer der Arbeitsplätze, an denen Viktor im Lauf des Romans tätig wird. Was es zu der grausamen und schwierigen Situation in diesem Land zu sagen gibt, schildert der Autor über den Arbeitsalltag, den Viktor an diesem seltsamen Platz erlebt. Das gehe sehr viel mehr unter die Haut und berühre den Leser auf besondere Art und Weise, meinte Rikarde Riedesel, die den Leseabend moderierte. Auf ihre Frage, was Andrej Kurkow eigentlich nicht könne, hatte der geantwortet: »Zeichnen.« Aber dafür malt er mit Worten und sein Vokabular setzt sich wohl aus etwa elf Fremdsprachen zusammen. Geboren wurde Andrej Kurkow 1961 im damaligen Leningrad, aufgewachsen ist er in Kiew. Er lebe in einer etwas unklaren Situation, erklärte er. Er sei ukrainischer Schriftsteller russischer Herkunft. Da er aber seine Bücher in russischer Sprache verfasst, ignoriere ihn die ukrainische Öffentlichkeit. Und diese Nichtwahrnehmung wertet er als eine Form negativer Kritik.

Ukrainischer Autor russischer Herkunft

Gelesen werden seine Bücher, wie Auflagenzahlen beweisen. Seine russischen Leser kennen ihn nicht nur als den Romanerfinder, der fast immer ein Tier pro Buch unterbringt, sondern auch als Kinderbuchautoren. Auch in den Kinderbüchern seien die menschlichen Helden meist männlich, bestätigte er Rikarde Riedesels Vermutung, dass weibliche Personen ein wenig unterrepräsentiert sind in seinen Büchern. Aber es gebe da zum Beispiel auch die Geschichte eines kleines Staubsaugerchens mit Namen Goscha, das mit einem großen Staubsauger in einer Wohnung lebe. Die Kindergeschichten, ob nun mit Staubsauger, Tier oder männlichen Helden, sind zumindest ebenfalls Geschichten voller Humor und grotesker Einfälle, aber ohne schwarzen Humor und ohne ukrainische Wirklichkeit. Mit einem grotesken Film verglich Kurkow die Wirklichkeit in seiner ukrainischen Heimat. Und schnell rutscht man in seinen Geschichten von der Realität in völlig surreale Situationen. Das sei wie ein Wettbewerb zwischen dem, was der Schriftsteller erfindet und dem, was sich tatsächlich ereignet: Das Leben entwickele die absurdesten Situationen. Und alles, was man an Abusurdem erfindet, kann im nächsten Moment wahr werden.

Den Humor trifft man gern

Vielleicht sind seine Leser nicht nur Tier- sondern vor allem auch Humorliebhaber. Denn der ist das Besondere, das durch Andrej Kurkows Geschichten stapft, wie ein kleiner Pinguin durch Kiew, Moskau und Tschetschenien und man freut sich über jede Stelle, an der man ihm begegnet. Pinguine, erklärt Kurkow, können nur im Kollektiv existieren. Werden sie isoliert, sind sie orientierungslos. Und so gehe es auch den postsowjetischen Menschen: »Sie sind dageblieben und ihr Land war plötzlich weg.«

Keine Pinguine, dafür aber weitere Geschichten aus Russland gibt es heute Abend ab 20 Uhr: Dann liest Ulla Lachauer in der Odeborn-Klinik.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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