Inspiration zur Psychoanalyse

Marianne Brentzel stellte in Berleburg die jüdische Sozialpionierin Bertha Pappenheim vor

JG Bad Berleburg. Sie sah, dass Männer aus dem Westen Frauen kauften. Sie stellte fest, dass fast alle diese Frauen aus Osteuropa kamen. Sie erkannte, dass ein richtiger Mädchen- und Frauenhandel im Gange war. Sie recherchierte genau. Sie referierte vor großem Publikum. Sie stellte die Machenschaften bloß und diese Händler an den Pranger - nicht heute, sondern 1902. Sie – das war Bertha Pappenheim und sie war Jahrgang 1859. Und all das brachte jetzt Marianne Brentzel im Giebelraum der Berleburger Baumrainklinik in einen verständlichen Zusammenhang, indem sie aus ihrer Biographie »Anna O. – Bertha Pappenheim« las. Eingeladen hatten die örtliche Buchhandlung am Markt, der Wittgensteiner Arbeitskreis gegen Rechtsradikalismus und der Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit, denn Bertha Pappenheim war Jüdin.

Gründerin des Jüdischen Frauenbundes

Und sie war Anna O. - der Fall, der Sigmund Freud zur Entwicklung der Psychoanalyse inspirierte. Aber das erfuhr die Welt erst fast 20 Jahre nach ihrem Tod. Zu ihren Lebzeiten war Bertha Pappenheim berühmt, weil sie eine bedeutende Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland war.

Mit dem Tod des Vater kam die Hysterie

Geboren wurde sie nicht mit einem silbernen, sondern sogar mit einem goldenen Löffel im Mund. Ihre jüdisch-orthodoxe Familie gehörte zu den außerordentlich Reichen in Wien. Sie war schön und klug, schlank und wohlhabend. Doch als sie 21 Jahre war, da wurde ihr heiß geliebter Vater schwer krank und starb schließlich. Für Bertha Pappenheim der Beginn einer achtjährigen Dunkelheit, Hysterie diagnostizierte ihr Arzt Dr. Josef Breuer. Ein Freund von Freud, Sigmund Freud. Bertha Pappenheimers ganz normale Körperfunktionen wurden bei einem Hysterie-Schub – im 19. Jahrhundert übrigens eine absolute Mode-Krankheit, die gerade viele junge Frauen heimsuchte – außer Kraft gesetzt: Ihr rechter Arm war gelähmt, sie halluzinierte, sie flüchtete sich in ihre eigene Märchenwelt und nannte das »Privattheater«, es kam zu Sprechkrämpfen, dann redete sie wie ein Wasserfall – und zwar Englisch.

Weder Klöppeln noch Kaffeekränzchen

Und statt der üblichen Elektro-Therapien, Wasserkuren oder gar gynäkologischen Eingriffe – die Gebärmutter stand im Verdacht, hysterischen Frauen den Verstand zu rauben – ließ Dr. Breuer seine Pappenheimerin unter Hypnose einfach reden. Und hatte sie nach eigenen Angaben nach wenigen Jahren durch seine Therapie wieder auf den Posten und geheilt – so jedenfalls seine Fallschilderung der Anna O., veröffentlicht in einem Buch mit Sigmund Freud. Der Biographin Marianne Brentzel scheint es wahrscheinlicher, dass es stattdessen lange Jahre der Genesung waren – und dass diese vor allem der eigenen Kraft der intelligenten, kreativen, phantasievollen, resoluten Frau zu danken war, die fern von Tischdeckchen-Klöppeln und Kaffeekränzchen ein anderes Leben suchte.

Kampf gegen Mädchen- und Frauenhandel

Und schließlich am Main fand. Familiäre, religiöse und kulturelle Unterdrückungsmechanismen bekämpfend, ging sie 1888 nach Frankfurt, nach Berlin die bedeutendste jüdische Gemeinde auf deutschem Boden. Denn bei aller Emanzipation war ihr jüdischer Glaube eine Grundfeste ihres Lebens. Die Pionierin widmete sich der Sozialarbeit, lernte Not und Elend kennen, als sie ledige, verstoßene Jüdinnen und ihre Kinder – zynisch: Prostituierte und ihre Arbeitsunfälle – betreute. Doch im Gegensatz zur Gesellschaft brach sie nicht den Stab über diesen gefallenen Frauen. Bertha Pappenheimer klagte die Händler an, die die jungen Frauen aus Galizien oder sonstwo in Osteuropa in den Westen verschachert hatten. Und sie klagte die Kunden an, denn könnten sich die Frauen verkaufen, wenn es keine Kunden gäbe? Und Bertha Pappenheimer wusste eine wahre Macht hinter sich, sie hatte 1902 den Jüdischen Frauenverein gegründet, in dem sich in den folgenden Jahren etwa 50000 deutsche Jüdinnen organisierten. Aber die Tochter aus gutem Hause war sich auch nicht zu fein für den alltäglichen Kontakt mit den Prostituierten. In Neu-Isenburg gründete sie in 1907 ein Heim für ledige Mütter und deren Kinder. Durch ein ausgeklügeltes System versuchte sie die Frauen wieder in ein selbständiges Leben zu führen. Martin Buber war ein häufiger Gast hier, die resolute Bertha Pappenheimer sprach sogar vor dem Völkerbund – gegen den organisierten Handel von Frauen und Mädchen.

Liebe verpasst, Nazis unterschätzt

Doch bei aller Energie und trotz ihrer wachen Augen verpasste sie zwei Dinge: Sie fand niemals den Lebenspartner, nachdem sie sich verzehrte, wie ihr Gedicht »Mir ward die Liebe nicht« von 1911 deutlich machte, und sie unterschätzte die Gefahr, die von den Nazis ausging. Wobei ihr Tod 1936 ein gnädiger war, sie bekam nicht mehr mit, wie die bis dato kreuzbraven Neu-Isenburger Nachbarn in der Pogromnacht 1938 das Heim für ledige Mütter kurz und klein schlugen.

Anstoßgeberin lehnt Psychotherapie ab

Eine außergewöhnliche Frau, die Marianne Brentzel in Berleburg vorstellte. Und wie unterschiedlich Frauen und Männer Dinge wahrnehmen können, macht vielleicht diese kleine Geschichte deutlich: Während Anna O. Sigmund Freud zur Psychoanalyse inspirierte, lehnte ihr realer Zwilling Bertha Pappenheim diese Form der Therapie strikt ab.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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