„Jetzt gilt es, Flagge zu zeigen”

Rund 1200 Wittgensteiner setzten gestern Abend ein deutliches Signal gegen rechte Gewalt

Bad Berleburg. Die Wittgensteiner Bevölkerung setzte gestern Abend ein eindrucksvolles Zeichen gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus: Etwa 1200 Bürger, so die Schätzung von Uwe Weinhold, stellv. Pressesprecher der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein, beteiligten sich an der angekündigten Kundgebung in Bad Berleburg. Die Menschen versammelten sich zunächst auf dem Marktplatz, um anschließend durch die Stadt in Richtung Berlebach zu ziehen – jenem Ort, wo unlängst das Mahnmal zum Gedenken an die während des Nationalsozialismus getöten Berleburger Juden mehrfach geschändet worden war (die Siegener Zeitung berichtete). Auf Spruchbändern wurde sehr deutlich formuliert, wie die Mehrheit der Bevölkerung die jüngsten Vorkommnisse bewertet: „Kein Pfand für braune Flaschen”, „Dieses Mahnmal ist unser aller Mahnmal” oder „Lieber Querbeet als Rechtsdraußen”, war auf den Transparenten zu lesen.

Juso-Vorsitzender sprach zur Eröffnung

Björn Strackbein als Vorsitzender des Bad Berleburger Stadtverbands der Jungsozialisten betonte zu Beginn der Veranstaltung, dass es die Aufgabe der Deutschen sei, sich ihrer Vergangenheit zu erinnern: Auch in Berleburg habe am 9. November 1938 das Inventar der Synagoge gebrannt, Juden seien unter Beifall abtransportiert worden. „Durch Wegschauen werden jene stark gemacht, die sich aus Dummheit oder Überzeugung die Rassenideologie Hitlers wieder zum Vorbild machen”, so Strackbein.

Auch Parteien demonstrierten Einheit

Die Nachwuchsorganisation der SPD hatte die gestrige Kundgebung initiiert. Die Stadt, alle Parteien, kirchliche Organisationen, Gewerkschaften und andere schlossen sich an, um Einheit gegen rechte Gesinnung zu demonstrieren. Deutliche Worte fand auch Bürgermeister Hans-Werner Braun: „Wir werden nicht zulassen, dass sich die Untaten des Nazi-Regimes wiederholen. Wir werden nicht zulassen, dass in dieser Stadt die Menschenwürde mit Füßen getreten werden kann.” Der Verwaltungsleiter erinnerte daran, dass Toleranz gerade im Wittgensteiner Land Tradition habe. Bereits im 18. Jahrhundert hätten die Grafen Menschen die Grenzen geöffnet, die ihre Heimat um des Glaubens willen verlassen mussten. Der Beddelhausener forderte auf, „Flagge zu zeigen” und bereits in Betrieben, Schulen und Vereinen den Anfängen zu wehren. Hans-Werner Braun fasste auf dem Marktplatz treffend zusammen, was die Menschen gestern zur Teilnahme an der Demonstration bewogen hatte: „Wir wollen deutlich machen, dass die Menschen in dieser Stadt tolerant und weltoffen sind. Und wir sind wachsam gegenüber allen Versuchen, die zivilen Grundregeln unseres demokratischen Gemeinwesens auszuhöhlen.”

Debus freute sich über viele junge Leute

Hans-Jürgen Debus, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, „dass so viele junge Menschen an dem Gang durch unsere Stadt teilgenommen haben”. Der Ort des geschändeten Mahnmals erinnere in besonderer Weise an unsere gemeinsame Geschichte und führe in einen besonders dunklen und schrecklichen Abschnitt zurück, gab der Kirchenmann zu bedenken. Auch den Versuchen des Vergessens und Stillschweigens sei ein entschiedenes Nein entgegenzusetzen. Der Fischelbacher Pfarrer forderte abschließend auf, „die Stimme gegen rechtsradikale Gewalt zu erheben und jeden möglichen Schutz gegen Bedrohung und Einschüchterung zu bieten”. Nach einem musikalischen Gedenkbeitrag des örtlichen Madrigalchors unter Leitung von Peter Metzger verlasen Berleburger Schüler die biblische Inschrift des jüdischen Mahnmals Am Berlebach – und die Namen der Opfer aus der Odebornstadt, die den Nationalsozialismus nicht überlebten.

Adelheid Krebs schrieb Gedicht im KZ

Dr. Reinhard Hoßfeld trug ein Gedicht vor, dass die Berleburgerin Adelheid Krebs als Häftling des Konzentrationslagers Theresienstadt verfasst hatte. Worte der Zerstörung, Erniedrigung und Ermordung, die wohl dennoch nur ansatzweise das wiedergeben konnten, was sie wie viele Millionen Opfer erleiden musste. Insofern durfte die gestrige Veranstaltung zum einen als Stunde des Nachdenkens und zum anderen natürlich als Maßstab gewertet werden, wie rechter Gesinnung im Wittgensteiner Land künftig begegnet werden soll.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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