Kühe, Wiesen, Gänse – und überall war Leben

Auf Hof Binsenbach bei Alertshausen lebt Ingrid Bergener seit 38 Jahren in der Abgeschiedenheit

vg Alertshausen. »Damals hätte ich mir nie träumen lassen, einmal auf einem Bauernhof zu leben«, hält Ingrid Bergener heute fest. »Da sieht man einmal, wo die Liebe hinführt.« Damals war die heute 58-Jährige ein junges Mädchen aus Wunderthausen, das die Gehöfte der Umgebung nur aus der Entfernung kannte. »Durch meine Freundin Karin wurde ich erst auf das Landleben aufmerksam«, erinnert sich die Hofbewohnerin. »Karin war nämlich mit einem jungen Burschen von einem nachbarlichen Hof zusammen, und dieser junge Mann war wiederum mit meinem späteren Ehegatten befreundet.«

August-Wilhelm Bergener nahm seine Ingrid mit auf den Hof. »Ich war damals sofort begeistert, zumal mein Großvater auch mit August-Wilhelms Opa ein freundschaftliches Verhältnis pflegte. Man kannte sich irgendwie, und so kam es, dass ich des öfteren auf Hof Binsenbach blieb und meiner späteren Schwiegermutter auch einmal zur Hand ging, wenn man Heu machen musste oder wenn jemand bei der Feldarbeit gebraucht wurde.«

In jener Zeit gab es das uralte Hauptgebäude des Hofes mit seinen Stallungen aus dem Jahr 1794 noch, das aber sehr bald abgerissen werden musste. »Als ich auf den Bauernhof kam, weideten die Kühe auf den Wiesen, Gänse liefen umher und überall war Leben«, erinnert sich Ingrid Bergener. »August-Wilhelm und ich haben schon bald geheiratet. In der Kirche in Wunderthausen haben wir uns vor dem Traualtar das Jawort gegeben.« Zu dem rauschenden Fest fanden sich damals knapp 100 Leute ein: »Unter ihnen befanden sich meine vier Geschwister und insgesamt sechs Paten«, so Ingrid Bergener. Alte Fotografien zeigen noch heute die glückliche Braut in einem feierlichen weißen Kleid mit Schleier an der Seite ihres Gatten. Auf das große Fest folgte der Umzug nach Hof Binsenbach. »Ich war sofort in den Tagesablauf auf dem Hof mit einbezogen«, erzählt Ingrid Bergener. »Ich erinnere mich, dass wir damals auch Gäste bei uns aufnahmen. Die Kochkünste meiner Schwiegermutter waren nämlich sehr beliebt. Oft kamen auch Wanderer spontan zu uns, blieben auf eine Tasse Kaffee, und es gab Eierkuchen und Plätzchen.« Die Arbeit in jenen Tagen war hart und ausdauernd: »Gerade mein Mann hat sich nichts gegönnt«, betont Ingrid Bergemann. »Er hat nebenher noch gearbeitet und abends dann auf dem Hof geholfen, meistens bis spät in die Nacht.«

Im Laufe der Zeit aber stellten sich viele Veränderungen auf Hof Binsenbach ein. »Mein Mann wurde krank, und so hat mein Sohn Michael den landwirtschaftlichen Betrieb weitergeführt«, erinnert sich die Hofbewohnerin. »Nicht selten brauchten wir auch die Hilfe der nachbarlichen Gehöfte. Einmal, im Herbst, waren unsere zehn Kühe mit allen Kälbchen ausgerissen. Die Dämmerung war schon hereingebrochen, und ich wusste nicht, wie ich die Tiere wieder zusammenbringen konnte. Glücklicherweise kam zufällig eine Nachbarin vorbei, die mir direkt zur Hilfe stand. Ich habe noch mit zwei anderen Nachbarn telefoniert, die sofort zur Stelle waren. Einer der Nachbarn ging mit einem Eimer Futter voran, und ich folgte ihm in die Dunkelheit des Waldes. Tief in der Nacht hatten wir glücklicherweise wieder alle Kühe wohlbehalten nach Hof Binsenbach zurückgebracht.«

Doch Ruhe sollte sich nicht einstellen: »Als ich am nächsten Morgen zufällig aus dem Fenster blickte, um nach dem Vieh zu schauen, durchfuhr es mich wie ein Blitz«, erinnert sich Ingrid Bergemann weiter. »Ich konnte gerade noch erkennen, wie die letzte unserer Kühe erneut im Dickicht des Waldes verschwand. Da musste ich wieder hinaus.«

Nach dem Tod von August-Wilhelm Bergener wurde die Landwirtschaft reduziert. »Mein Mann liegt auf unserem eigenen Friedhof unweit des Hofes begraben. Ich weiß noch genau, dass der Pfarrer mich damals nach der Beerdigung an der Hand nahm und mir sagte: Hier hat er einen schönen Platz«. In der Nähe des Friedhofes steht eine Bank unter den Wipfeln alter Bäume. Hierhin zieht es Ingrid Bergener vor allem, wenn es draußen etwas freundlicher ist.

Die 58-Jährige ist froh, dass ihr 24-jähriger Sohn Michael noch mit auf dem Hof lebt. Auch Tochter Jutta und Schwiegertochter Claudia mit ihrem Mann Dirk kommen gern zu Besuch. Daneben bewacht die aufgeweckte Hundedame Kira das Gehöft. »Dennoch hat sich in den 38 Jahren, die ich jetzt hier bin, sehr viel verändert«, bedauert Ingrid Bergener. »Heute haben wir keine Landwirtschaft mehr. Früher war hier auch sehr viel mehr los. Daher freue ich mich auch um so mehr, wenn einmal die Nachbarn mit ihren Enkelkindern zu mir kommen.« Daneben ist immer noch Zeit für ein Telefonat mit der Schwägerin in Wunderthausen oder für ein erheiterndes Gespräch mit dem Postmann oder dem Bäcker, der einmal in der Woche vorbeischaut. Ein besonderes Erinnerungsstück aus der guten alten Zeit befindet sich übrigens noch immer im Besitz von Ingrid Bergener: das feierliche Brautkleid von damals. »Das Kleid reicht mittlerweile nicht mehr bis auf den Boden«, hält die Hofbewohnerin mit einem Lächeln fest. »Es wurde gekürzt und es ist auch nicht mehr weiß, sondern rot eingefärbt, aber es erinnert mich trotzdem immer noch an meine schönen glücklichen Jugendtage.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.