»Leben Inder nicht völlig bizarr?«

Wissenschaftlerin Dr. Caren Dreyer legte Berleburgern den Besuch des Landes ans Herz

JG Bad Berleburg. »Fällt denen das eigentlich nicht auf, dass sie völlig bizarr leben?«, das fragte sich und das Publikum am Freitagabend Dr. Caren Dreyer auf dem Berleburger Literaturpflaster. Zuvor hatte sie den zahlreichen Besuchern im Porzellanladen »Mause - Tisch und Trend« Fotografien aus Indien gezeigt. Wobei ihre Haltung bei dieser Eingangsfrage nicht etwa die eines Touristen vom Dorf war, der auf seinen Reisen durch weltweite Großstädte immer als Erstes feststellt: »Nein, ist das dreckig hier.« Vielmehr stellte die Lehrbeauftragte vom Institut für Indische Philologie in Berlin das permanente Nebeneinander von Gegensätzen wirklich vor Rätsel.

Da sie allerdings schon in den 70ern Indische Philologie und Kunstgeschichte studierte und Anfang der 80er Jahre ihre Doktorarbeit auf diesem Fachgebiet schrieb, hatte sie auch eine Antwort auf ihre eigene Frage parat. Die gab sie in ihrem Vortrag »Indien heute - zwischen Tradition und Moderne«. Als Erstes bekamen die Zuhörer eine Vokabelliste, darin wurde unter anderem das Wort »Dharma« mit »Ordnung, Recht, Pflicht« übersetzt und außerdem in den notwendigen Kontext gestellt. Knapp wurde hier etwa erläutert, was dharma-gemäßes Handeln ist: ein Benehmen, das der eigenen Position in der strikt gegliederten indischen Gesellschaft angemessen ist. Und nur durch dharma-gemäßes Handeln kann der Inder die so dringend angestrebte Reinheit erreichen.

Die ungeheuer gelehrten und detaillierten Ausführungen von Caren Dreyer machten vor allem eines deutlich, ein paar Vokabeln und deren Übersetzung und Erläuterungen konnten höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein sein, wenn man sich der indischen Kultur nähert: Die Grammatik des Lebens dort hat mit unserer griechisch-römisch-jüdisch-europäischen Sicht der Dinge schlicht und ergreifend nichts zu tun. Und selbst die Inder, die sich scheinbar in die westliche Weltsicht eingepasst haben, tragen das Alte in sich. Caren Dreyers Beispiel dafür: Ein Physik-Literatur-Nobelpreisträger trifft bei einem Empfang in Indien einen renommierten Physiker des Landes, der bietet ihm an, mit ihm eine Stadtführung zu machen. Als der Nobelpreisträger zum vereinbarten Treffpunkt kommt, ist der indische Physiker nicht da. In dessen streng hierarchischer Welt war es undenkbar, dass sich ein so viel höher stehender Nobelpreisträger in Abhängigkeit – nichts anderes wäre der angebotene Rundgang durchs Fremde gewesen – von dem Einheimischen begeben könnte.

Der einzige Ausweg für den Westler: Er hätte das Hilfsangebot durch seine Worte einfach umdeuten und dem Inder klar machen müssen, dass es dessen Pflicht sei, ihn, den Höherstehenden, durch die Stadt zu führen. Wobei auch hier eines ganz wichtig ist: Der indische Wissenschaftler war in diesem Fall der weiter unter Stehende, in tausend anderen Situationen wäre er der Höherstehende gewesen - und dann hätte alles ganz anders ausgesehen. Es gibt zwar zementierte Regeln, aber alles ist abhängig von der in diesem Augenblick gültigen und von vielen Dingen beeinflussten Situation. Und dieses Nebeneinander von Alt und Neu in den Menschen selbst, sieht man auch in deren Lebensumfeld: metallverschlagene Kioske, die in altehrwürdige denkmalgeschützte Häuserfassaden hineingedoktert werden; kilometerlange Kabelstränge, die jegliche Atmosphäre in den Straßenzügen erdrosseln; Flüsse, für rituelle Waschungen genutzt, dienen gleichzeitig nur einen Steinwurf entfernt dem Wienern und Polieren klappriger Mopeds.

»Das Neue ersetzt das Alte nicht, sondern tritt daneben, und vielfach erfährt das Alte einfach nur eine Neuinterpretation, weil die alten Muster so stark sind«, erläuterte Caren Dreyer dieses ungestörte Nebeneinader, das den fortschritts-gläubigen Westler verunsichert. Für diese unterschiedlichen Sichten fand Caren Dreyer ein sehr schönes Bild: Wir im Westen wollen die klare Land- oder See- oder Straßen- oder politische Karte, der Inder will eine Karte, die alles gleichzeitig abbildet und deshalb für uns unübersichtlich ist. Da trete man bei einem Besuch in Indien doch eigentlich permanent in Fettnäpfchen, war eine der Zuhörerinnen in Bad Berleburg besorgt. Das stimme wohl, so Caren Dreyer, doch mit einer im Westen eher unüblichen und – vielleicht indisch? – anmutenden Sicht, wies Caren Dreyer auf die Relativität solch vermeintlich furchtbarer Fehler hin.

Die Wissenschaftlerin empfahl trotzdem dem Besuch des Landes, nicht weil ihr Indien ganz offenbar am Herzen lag, sondern weil man als über-versorgter und über-technisierter Westler in dieser armen und archaischen Gesellschaft an das erinnert werde, um was es im Leben wirklich gehe. Würzen Sie den deutschen Herbst.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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