Literatur im Spiegel der Politik

Dr. Gerda Achinger berichtete in Berleburg über die vergangenen 50 Jahre russischer Dichtung

JG Bad Berleburg. Die Hochschulreife brauchte man jetzt nicht unbedingt, obwohl mit Dr. Gerda Achinger eine gestandene, ehemalige Marburger Universitäts-Dozentin die Zuhörer in die moderne russische Literatur einführte. Auch der Hörsaal war ein eher ungewöhnlicher: Karsten Wolter hatte für das Literaturpflaster wieder seine Berleburger Kur-Apotheke zur Verfügung gestellt. Statt Klosterfrau Melissengeist gab es ausgesuchte Weine, statt Ilja-Rogoff-Dragees Lachs-Schnittchen. Dazwischen lernten die zahlreichen Zuhörer gern zwei Vokabeln, die an diesem Abend ganz wichtig sein sollten: Samisdat und Tamisdat.

Samisdat – Kurzform des russischen Wortes für Selbstverlag – bezeichnete seit Anfang der 60er in der Sowjetunion literarische und publizistische Werke, die wegen der Zensur nicht in offiziellen, staatlichen Verlagen erscheinen konnten, sondern stattdessen maschinen-geschrieben oder handschriftlich fixiert im Verborgenen zirkulierten. Analog dazu gab es das Wort »Tamisdat«, zur Tamisdat-Literatur gehörten Werke sowjetischer Autoren, die zuerst im Westen erschienen.

Und damit waren die zwei Wörter nicht nur einfache Vokabeln, sondern gaben auch direkt einen tiefen Einblick in die Gesellschaft und die politische Situation, um die es bei dieser literarischen Einführung auch gehen musste. Denn die politische Führung gab nie die Kontrolle über die Literatur aus der Hand. Die Machthaber fürchteten kaum etwas so sehr wie das freie geschriebene Wort. Nicht umsonst brachte die Arfelderin in ihrem Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre russischer Literaturgeschichte diese in Zusammenhang mit den Amtszeiten dreier Zentralkomitee-Vorsitzenden der Kommunistischen Partei der Sowjetunion: Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew, Michail Gorbatschow. Auch deren Vorgänger Josef Stalin spielte eine gewichtige Rolle, sein Tod im Jahre 1953 markierte eine entscheidende Zäsur.

Die totalitäre Lenkung und künstlerische Vereinheitlichung der Literatur im stalinistischen Russland seit Anfang der 30er Jahre bedeutete das Aus für Moderne und literarische Avantgarde. Seit 1934 war der Sozialistische Realismus die für alle Schrifsteller verbindliche Kunstdoktrin, die Literatur wurde instrumentalisiert. Tendenziösität und Niveauverlust waren die Folge. Nicht-konforme Autoren wurden mit Publikationsverbot und Ausschluss aus den Schriftstellerverbänden belegt, im schlimmsten Fall drohten Lagerhaft und Liquidierung: Etwa 2000 Literaten seien dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen, so Gerda Achinger.

Nach dem Tod Stalins erschien Ilja Ehrenburgs Roman »Tauwetter« – quasi programmatisch für die ganze Periode, die bis zu Chruschtschows Sturz Mitte der 60er Jahre anhielt. Mit Breschnew begann eine neuerliche Eiszeit, die Re-Stalinisierung folgte. Nach der kurz gewitterten Morgenluft flüchteten sich viele nicht-konforme Schriftsteller in Samisdat und Tamisdat. Bei Entdeckung ging es ins Arbeitslager, andere wurden ausgebürgert und abgeschoben. Erst mit Gorbatschows Perestroika kehrte Mitte der 80er Jahre die Freiheit zurück, die Marktwirtschaft hielt Einzug.

Deren kommerzielle Regeln führten für Gerda Achinger dazu, dass inzwischen die gut verkäufliche Massenliteratur im neuen Russland breitesten Raum einnimmt. Eine schwierige Situation, weil Literatur in Russland stets eine Wegweiser-Funktion gehabt habe, die gegenwärtig nicht mehr erfüllt werden könne. Nach der Ankunft im Kapitalismus wiesen viele Dichter ihre gesellschaftliche Verantwortung zurück. Aber Gerda Achinger hat Hoffnung für die Zukunft, eine neue Generation von Schriftstellern biete heute gute Prosa als Unterhaltungsliteratur, verbinde literarischen Anspruch und Verkäuflichkeit. In diesem Zusammenhang erwähnte die Arfelderin auch Andrej Kurkow, Tatjana Tolstaja und Polina Daschkowa, die in den kommenden Tagen in Berleburg aus ihren Werken lesen.

Nicht nur dieser Brückenschlag machte aus der Vorlesung eine spannende Vorbereitung auf das weitere Literaturpflaster. Gerda Achinger gab gut nachvollziehbar anschauliche Beispiele aus einem fast unbekannten Universum der Literatur, sprach von Boris Pasternaks »Doktor Schiwago« und Alexander Solschenizyns »Archipel Gulag«. Sie weckte dabei ganz einfach die Lust auf Literatur, auf deren Stärke und auf deren Möglichkeiten. So erinnerte sie noch an einen anderen Nobelpreisträger. Joseph Brodsky, gebürtiger Leningrader, wurde 1972 der Sowjetunion verwiesen. Doch er war sich ganz sicher: Schriftsteller kehren immer in ihre Heimat zurück, in Person oder auch nur in ihren Werken auf dem Papier.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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