Lob am Ende: »Es wohr doch schee«

Volle Kirche und viel Action am Samstagabend bei dem Elsoffer Feierabend-Gottesdienst

Elsoff. Es ist weder Konfirmation, noch Weihnachten, und trotzdem ist die Kirche voll. So voll, dass Holz-Klapp-Stühle aufgestellt werden müssen. Die jüngsten Besucher sind im Kinderwagen gekommen, die ältesten am Stock. Und wirklich jede Altersgruppe dazwischen ist ebenfalls in diesem etwas anderen und außergewöhnlichen Gottesdienst vertreten. Etwas anders beginnt er auch, mit einem Stück Sakral-Pop von Barclay James Harvest. Der Pfarrer singt mit seinem Singekreis und spielt mit seiner Band das Lied »Hymn«, das es vor rund zwei Jahrzehnten bis in die internationalen Hitparaden schaffte. Der englische Text oder gar das ungewohnte Schlagzeug neben dem Altarraum stören scheinbar keinen einzigen der Wittgensteiner Besucher, die ja doch eher als bodenständig bekannt sind.

Stampfen lässt das Fundament erbeben

Zu erleben war das am Samstagabend in der Elsoffer Kirche, wo Pfarrer Dr. Ralf Kötter mit seiner Gemeinde – wie an jedem ersten Samstag in einem geraden Monat – einen Feierabend-Gottesdienst feierte. Zweimal das Wort »feiern« so kurz hintereinander, das darf eigentlich nicht sein, doch es trifft in diesem Fall den Kern der Sache, denn für die gut 300 Besucher ist ihr Glaube ganz offensichtlich ein Anlass zur Freude. Passend dazu heißt das übliche Anfangslied bei den Feierabend-Gottesdiensten: »Wir sind eingeladen zum Leben«. Und auch diesmal gibt die Gemeinde bei diesem Lied alles, selbst als der Text nach Aktivitäten verlangt, die sonst in der Kirche unüblich sind. Es wird geklatscht, geflüstert, geschnipst und geschrieen, und spätestens beim Aufstampfen weiß jeder, weshalb die altehrwürdige Elsoffer Kirche Probleme mit ihrem Fundament hat – mit ihrer baulichen Basis, nicht etwa mit ihrer gemeindlichen Grundlage. Denn wann sieht man heute sonst noch so viele Menschen, die ihren Glauben gemeinsam bekennen.

Täufling reicht seine Brille der Patentante

Und es bleibt trotz dieser anderen Form doch immer ganz klar, dass es sich um einen Gottesdienst handelt. So gehört auch diesmal eine Taufe dazu. Doch die ist ebenfalls ein wenig außergewöhnlich. Deutlich sichtbar daran, dass der Täufling bevor ihm das Sakrament erteilt wird, seine Brille abnimmt und sie seiner zukünftigen Patentante in die Hand drückt. Marco Neidhart, der Empfänger der Taufe, ist nämlich bereits Konfirmand und hat sich als mündiger Christ selbst dafür entschieden, zur Gemeinde zu gehören.

Refrain von den Wänden abgelesen

Zu einer Gemeinde, die danach schon wieder mit einem Lied, das nicht im Gesangbuch steht, fertig werden muss: »Kommt, jetzt ist die Zeit, wir beten«. Die einzelnen Strophen singen die 25 Leute vom Singekreis allein, aber der immer wieder benötigte Kehrvers wird kurzerhand mit einem Overhead-Projektor – man ist halt in der Gegenwart angekommen – an die Kirchenwand geworfen und Ralf Kötter bittet die Gemeinde: »Hängen Sie sich in den Refrain mit rein.« Und wo ein Pfarrer so deutlich die Sprache von heute spricht, da werden auch Bibeltexte anschaulich umgesetzt.

»Als Erstes brauchen wir einen Jesus«

Es geht in der Predigt um die Stillung des Sturms. Dafür bekommen einige der Gottesdienst-Besucher sieben verschiedene Instrumente, die vom Meeresrauschen über Herz- und Hagelschlag bis zum Zähneklappern den biblischen Text mit den nötigen Hintergrund-Geräuschen ausstatten. Das Geschehen selbst setzen einige Kindergottesdienst-Kinder schauspielerisch um, wobei Ralf Kötter – »Als Erstes brauchen wir einen Jesus« – eine schier unüberschaubare Auswahl an Akteuren hat. Der Unterschied zwischen »Da erhob sich ein gewaltiger Sturm« und »Da entstand eine große Stille« war selten deutlicher als bei der Darstellung in der Elsoffer Kirche, wo aus einem ohrenbetäubenden Tohuwabohu durch ein Zeichen vom Pfarrer und von Beatrix, die Jesus darstellt, die übliche Kirchenruhe wird, vielleicht noch etwas leiser als sonst.

Band schrieb den Angsthasen-Blues

Und Jesu Worten »Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so ängstlich?« begegnet die Gemeinde anschließend mit dem Angsthasen-Blues »Oh, nein, ich fürcht’ mich nicht«. Wobei dann auch die Kirchenband – bestehend aus Christoph Marburger, Markus van den Berg, Christina und Ralf Kötter – ein deutliches Wort mitzusingen hat, schließlich haben die Vier das Lied gemeinsam geschrieben.

Angebot auch für seltenere Gäste

Danach ist der Gottesdienst schon vorbei. Manch einer wundert sich, wie kurz eine Stunde sein kann. Auch der betagten Hedwig Inacker, die das Gläsergeklapper auf stürmischer See mit einem kleinen Schellenbaum lautmalerisch darstellen musste, hat es gefallen: »Es wohr doch schee.« Und viele der Elsoffer, Alertshäuser, Beddelhäuser und Christiansecker, die alle zum Kirchspiel gehören, aber auch viele von den auswärtigen Besuchern kommen wieder, wenn am Samstag, 1. Dezember, der nächste Feierabend-Gottesdienst gefeiert wird. Es sind sicher auch erneut welche darunter, die ansonsten seltener den Weg ins Gotteshaus finden, und gerade diese beweisen: So lange es solch gute Ideen gibt, ist mit der Volkskirche noch lange nicht Feierabend.

JG

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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