Loggte sich ein Hacker ein?

Kinderpornografie:

Einlassung eines 22-Jährigen bringt Gericht in die Bredouille

howe Bad Berleburg. Dieser Fall dürfte in die Geschichte der Verhandlungen im Berleburger Amtsgericht eingehen. Denn erstmals scheint eine Einlassung eines Angeklagten dazu zu führen, dass es Staatsanwaltschaft und Richter künftig schwer haben, derart kriminelle Handlungen zu verurteilen. Von vorn: Staatsanwalt Wolfgang Nau warf einem 22-Jährigen vor, ein Jahr lang in einer Erndtebrücker Ortschaft Kinder pornografisches Material verbreitet zu haben. Satte 246 Bilddateien habe sich der Beschuldigte über Internet beschafft, davon seien etliche per e-mail an andere Teilnehmer versandt worden. In der Verhandlung schien die Beweislast gegen den 21-Jährigen erdrückend, denn der hatte sich den e-mail-Namen »Junger Bengel« gegeben – ob der Tatsache, dass die Fotos durchweg minderjährige, sexuelle Handlungen vornehmende Jungen zeigten, ein erstes Indiz für die Schuld des Angeklagten. Außerdem hatte sich der Mann bei seinem Internet-Anbieter mit einem falschen Vornamen angemeldet – angeblich, um sich vor Übergriffen Dritter zu schützen.

Der 22-Jährige machte gestern einen selbstbewussten Eindruck. Einen Anwalt habe er nicht, er verteidige sich selbst, stellte er fest und kramte erst einmal ein Bündel Aktenmaterial hervor. Und dann die überraschende Aussage: »Es stimmt, das ist mein Deckname. Ich war es aber nicht.« Er habe seinerzeit der Kriminalpolizei einen Einbruch in seine Wohnung gemeldet, danach habe er »solches Material« auf seinem Rechner entdeckt. Die Theorie des Angeklagten: Ein Dritter, vielleicht ein Hacker, habe sich eingeloggt. Möglich auch, dass irgendjemand seinen Rechner während des Einbruchs manipuliert habe. Den verdächtigen Namen »Junger Bengel«, gab der 22-Jährige unumwunden zu, habe er in der Tat eingerichtet. »Ich habe mir aber nichts dabei gedacht.« Er wisse, dass viel gegen ihn spreche, er versichere aber, mit der Sache nichts zu tun zu haben, so der Beschuldigte. Nach seinem Urlaub habe er den Einbruch und später die Kinder pornografischen Dateien auf seinem Rechner entdeckt. Er habe sie sofort gelöscht. »Ich dachte, Jugendliche haben sich einen Scherz erlaubt.« Eine Verkettung unglücklicher Umstände? War da ein professioneller Hacker am Werk? Der zuständige Kriminalbeamte aus Siegen schloss das zunächst nicht aus. Es sei durchaus möglich, dass Dritte Zugriff auf einen Rechner haben könnten. Bei dem Angeklagten seien 13 so genannte trojanische Pferde gefunden worden – Programme, die versuchten, in den Rechner zu gelangen und somit an die Daten zu kommen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Hacker Administrator-Rechte erhielten, und dann den Computer voll für ihre Zwecke nutzen könnten.

Quintessenz: »Es ist technisch nicht auszuschließen, dass jemand den Rechner eines anderen fernsteuert.« Im Übrigen, so der Beamte, habe man damals neben dem Computer des Angeklagten auch dessen 34 Datenträger untersucht. Auf letzeren sei nichts gefunden worden – Indizien, die den Angeklagten gestern allesamt entlasten sollten. Allerdings hielt es der Kriminalbeamte und PC-Spezialist trotz dieser Umstände für schwer möglich, dass sich ein Dritter in den Rechner eingebracht haben könnte, um Kinder pornografisches Material an andere per e-mail zu versenden. »Der Zugriff ist eine Sache, Passwort und den Namen unter Windows 95 zu erhalten, eine andere.« Der unbekannte Dritte hätte nur unter diesen Voraussetzungen agieren können. Trojaner gebe es, aber unter Windows 95 e-mails abfragen mit Kennwort und Namen des Angeklagten, das sei seines Wissens nicht möglich. Es sei denn, der Dritte kenne die Passwort-Abfragen. Und dann machte der Beamte nach gründlichem Studium der Akten darauf aufmerksam, dass die IP-Adresse ermittelt werden müsste. Sie werde nämlich vom Internet-Anbieter vergeben und identifiziere den Rechner, von dem aus die Transaktionen gestartet worden seien. Sprich: Sollte sich herausstellen, dass die Übermittlung der Bild-Dateien auf dem Rechner des 22-Jährigen erfolgt sind, könnte dies den Täterkreis zumindest einschränken und den Angeklagten doch belasten.

Und dann sprach Wolfgang Nau das aus, was ihn während der zähen Verhandlung gequält hatte: »Wenn jetzt dauernd solche Einlassungen kommen, dann können wir niemanden mehr überführen.« Darum wolle er das Verfahren keinesfalls »beerdigen«. Richter Torsten Hoffmann legte fest: Bis zu einem weiteren Verhandlungstermin müsse geklärt werden, ob Ermittlungen im Wege der IP-Adresse stattgefunden hätten. Die Akte des Ursprungsverfahren – jene Beamten, die zuerst ermittelten – müsse zugrunde gelegt werden. Handele es sich bei der IP-Adresse nicht um die des Rechners des 22-Jährigen, müsse ermittelt werden, ob die Versendung von e-mails durch eine dritte Person veranlasst worden sei. Ergebnis: Das Landeskriminalamt hat jetzt eine Menge Arbeit. Und Zeit, denn der Kriminalbeamte verriet, beim LKA gebe es für die Bearbeitung solcher Fälle eine Warteschlange von mindestens einem halben Jahr. Fortsetzung folgt…

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Der Weltsparmonat für Groß und Klein

ThemenweltenAnzeige
Eine glänzende Zukunft ist einfach
2 Bilder

Eine glänzende Zukunft ist einfach
Der Weltsparmonat für Groß und Klein

Die erste Erinnerung an die Sparkasse Für viele reicht sie in die Kindheit zurück. Die volle Spardose unterm Arm ging es Jahr für Jahr Ende Oktober zum Weltspartag in die nächste Filiale der Sparkasse. Dabei hat der Weltspartag eine fast hundertjährige Tradition: Zum ersten Mal fand am er 31. Oktober 1925 statt. Das Ziel: Mit kleinen Beträgen über die Jahre ein Vermögen aufbauen – und so den Wert des Geldes schätzen lernen. Sparen, so hieß es damals „ist eine Tugend und eine Praktik, die...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen