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Amtsgericht Bad Berleburg
Mehrfach auffällig - jetzt geläutert

Ein 19-jähriger Angeklagter erhielt eine positive Sozialprognose - und deshalb eine Bewährungsstrafe statt Vollzug. Symbolbild: Archiv
  • Ein 19-jähriger Angeklagter erhielt eine positive Sozialprognose - und deshalb eine Bewährungsstrafe statt Vollzug. Symbolbild: Archiv
  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

howe Bad Berleburg. Da erlebten die Akteure im Bad Berleburger Amtsgericht am Dienstagmorgen ja eine Oberamtsanwältin, die sich in ihrem Plädoyer für gewöhnlich mit sehr deutlichen Worten an die Angeklagten wendet. Diesmal war alles anders. Denn schon das veränderte, viel gepflegtere Erscheinungsbild des 19-jährigen Bad Berleburgers stimmte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft positiv. Zuletzt hatte sie noch die Hände über den Kopf zusammengeschlagen über den Zustand des Mannes. Jetzt erlebte sie einen komplett neuen Menschen. „Es gibt viele Punkte bei Ihnen, die ich sehr positiv sehe.“

Der Angeklagte hatte sich im vergangenen halben Jahr auf den Hosenboden gesetzt, die Dinge selbst in die Hand genommen und den – oft zitierten – Karren aus eigener Kraft aus dem Dreck gezogen.

howe Bad Berleburg. Da erlebten die Akteure im Bad Berleburger Amtsgericht am Dienstagmorgen ja eine Oberamtsanwältin, die sich in ihrem Plädoyer für gewöhnlich mit sehr deutlichen Worten an die Angeklagten wendet. Diesmal war alles anders. Denn schon das veränderte, viel gepflegtere Erscheinungsbild des 19-jährigen Bad Berleburgers stimmte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft positiv. Zuletzt hatte sie noch die Hände über den Kopf zusammengeschlagen über den Zustand des Mannes. Jetzt erlebte sie einen komplett neuen Menschen. „Es gibt viele Punkte bei Ihnen, die ich sehr positiv sehe.“

Der Angeklagte hatte sich im vergangenen halben Jahr auf den Hosenboden gesetzt, die Dinge selbst in die Hand genommen und den – oft zitierten – Karren aus eigener Kraft aus dem Dreck gezogen. Um die Alkohol-Therapie hatte er sich eigenständig gekümmert, die passende Einrichtung gefunden und die Entwöhnung abgeschlossen. Aktuell befindet er sich in der Adaption, will dann in seinem neuen Lebensumfeld einer Großstadt in eine betreute Wohngruppe ziehen, sein Praktikum abschließen und sich auf die Suche nach einer Arbeitsstelle begeben.

Beste Voraussetzungen also, um ein neues Leben zu beginnen. Auf der Anklagebank nahm der 19-Jährige Platz, weil er im Mai vorigen Jahres in der Odebornstadt – sagen wir mal – völlig am Rad drehte. Offensichtlich unter Alkohol- und Drogeneinfluss warf er damals auf einem Supermarkt-Parkplatz eine Bierdose gegen einen Hähnchen-Verkaufswagen.

Zeugenhinweise aus der Bevölkerung führten die herbeigerufenen Polizeibeamten zum Stadtpark, wo der junge Mann durch seine Aggressivität auffiel. Erst bekam der Streifenwagen von ihm einen Tritt, dann schüttete er seine volle Bierdose über der blauen Karosserie aus. Irgendwann entwickelte sich ein echter Kampf mit der Polizei. Der Angeklagte zerdrückte die leere Dose in der Hand, lief auf einen Beamten zu und verfolgte die eindeutige Absicht, diesen damit zu schlagen. Der Polizist reagierte, wehrte den Schlag ab und brachte den 19-Jährigen zu Boden. Wenige Tage später fiel der Mann erneut auf. Da sprühte er munter eine Wand eines Bad Berleburger Supermarktes mit Graffiti voll. Dabei entstand ein Schaden von rund 5000 Euro.

Der Beamte im Zeugenstand schilderte die Sache am Dienstag dem Gericht so: Der Angeklagte sei „komplett aggressiv“ gewesen, „mit Schaum vor dem Mund“. Er habe dem 19-Jährigen irgendwann sogar Pfefferspray vorgehalten und ihn mehrfach aufgefordert, zurückzuweichen. „Das war haarscharf, da wäre das Pfefferspray zum Einsatz gekommen“, so der Polizist. Dennoch erfolgte die körperliche Konfrontation, die der nervenstarke, erst 24 Jahre alte Beamte hervorragend meisterte. „Er kam mit der Dose auf mich zu, wollte schlagen. Ich habe ihn abgewehrt und mit einem Judo-Wurf zu Boden gebracht.“ Starker Tobak, was sich der 19-Jährige da geleistet hatte, wobei Richter Torsten Hoffmann aus den Akten berichtete, dass eine Blutprobe des Mannes einen Wert von rund zwei Promille ergeben hatte. Der 19-Jährige selbst gab zu, ein Problem mit Alkohol zu haben. „Ich kümmere mich jetzt drum“, versicherte er. Überdies sei er ja auch Amphetamin- und THC-abhängig gewesen. Eine paranoide Schizophrenie sei bei ihm schon als Kind festgestellt worden, in ärztlicher Behandlung sei er deshalb nie gewesen. Jetzt erst nehme er Medikamente und höre auch keine Stimmen mehr. Zur Akte reichte Bewährungshelfer Reinold Vater einige Nachweise – etwa von der Therapieeinrichtung und von der Adaption, ebenso von der Zusage, in einer betreuten Wohngruppe untergebracht zu werden. Reinold Vater sorgte mit seinem Bericht für Erstaunen: „Er hat alles eigenständig gemacht und zeigt eine hohe Motivation.“ Sein Klient habe alle Zelte in Bad Berleburg selbstständig abgebrochen.

„Ich bin erstaunt, wie konsequent er seinen Weg geht“, freute sich Reinold Vater. Seine überaus positive Sozialprognose führte auch dazu, dass Judith Hippenstiel die von ihr beantragte einjährige Freiheitsstrafe nicht vollstrecken wollte. Ein Jahr auf Bewährung, vier Jahre Bewährungszeit und eine Geldauflage von 1800 Euro, lautete ihr Antrag.

Dem wollte Verteidiger Norbert Wickel grundsätzlich zustimmen, allerdings bat er darum, die Geldauflage wegen der Altlasten seines Mandanten in eine Arbeitsauflage umzuwandeln. Richter Torsten Hoffmann schloss sich in seinem Urteil an. Er verurteilte den 19-Jährigen zu einer einjährigen Bewährungsstrafe und 180 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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