Marc-Robin Lückert gestaltet nachhaltige Grünflächen mit viel Essbarem
Multifunktionale Waldgärten

Hohe und niedere Bäume, verschiedene Sträucher, bodenbedeckende Pflanzen und vor allem viel Grün: Ein Waldgarten ist multifunktional, jedes Element hat mehrere Nutzen.
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  • Hohe und niedere Bäume, verschiedene Sträucher, bodenbedeckende Pflanzen und vor allem viel Grün: Ein Waldgarten ist multifunktional, jedes Element hat mehrere Nutzen.
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ako Bad Berleburg. Den eigenen Garten kultivieren und sich selbst versorgen. Sich von dem ernähren, was vor der Haustür wächst und dabei im Gleichgewicht mit der Natur leben. Marc-Robin Lückert ist studierter Biologe und Agrar-Ingenieur für ökologische Landwirtschaft. Der Bad Berleburger ist Experte für die Themen regenerative Landwirtschaft und Permakultur – und gestaltet Waldgärten. Was diese von klassischen Gärten unterscheidet, ob man sich vom eigenen Grün komplett selbst versorgen kann und wie der Garten der Zukunft aussieht, darüber spricht der 34-Jährige im Interview der SZ-Weltretter-Serie.

Marc-Robin Lückert (34) ist Experte für die Themen regenerative Landwirtschaft und Permakultur.
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Herr Lückert, Sie gestalten Waldgärten für Privatpersonen. Was ist der Hauptunterschied zu einem klassischen Garten?

  • Der Waldgarten ist quasi die Königsdisziplin aus der Permakultur. In einem Waldgarten ist der Unterschied zu einem normalen Garten die Multifunktionalität. Jedes Element, das wir im Waldgarten nutzen – sei es eine Pflanze, ein Zaun, eine Benjeshecke oder Sonstiges – hat immer mehrere Nutzen. Das kann manchmal auch zufällig sein, aber wir legen das vorher geplant an.

Können Sie das erläutern?

  • Wir nutzen die Prinzipien der Natur, alles ist an natürlichen Kreisläufen orientiert. Man kann das mit dem Ökosystem Wald beschreiben. Da haben wir z. B. hohe und niedere Bäume, Sträucher, eine Bodenschicht an Pflanzen, eine Wurzelschicht an Pflanzen. Es gibt bodenbedeckende oder kletternde Pflanzen: Das alles greift wunderbar ineinander. Und jetzt stelle man sich vor: So ein System wäre komplett mit essbaren Pflanzen aufgebaut. Welcher Reichtum wäre das? Bezogen auf die Multifunktionalität sollen die Pflanzen nicht nur schön aussehen, sondern auch Nutzen bringen. Und das in erster Linie in Form von gesunder und lokaler Ernährung.

Stichwort Permakultur: Bei der großen Anzahl an neuen Büchern, Websites oder Workshops – ist das Konzept heute „in“?

  • Der Begriff Permakultur ist in den 1970er-Jahren in Australien durch Bill Mollison und David Holmgren geprägt worden. Diese Strukturen gibt es schon ewig. Ich denke, dass gerade in der jüngeren Vergangenheit ein wachsendes Bewusstsein für solche Prozesse entstanden ist – so eine Art Erwachen. Vor allem im vergangenen Jahr habe ich gemerkt, wie die Nachfrage immer größer geworden ist. Die Leute sitzen zu Hause und hinterfragen einiges, was in der Gesellschaft geschieht. Viele wünschen sich eine Art Selbstversorgung oder wollen die Vielfalt zurück – und bei der Schnelllebigkeit des Lebens einfach wieder diesen Rückzugsort Garten, wo man seine Ruhe findet und Kräfte auftanken kann. Ich denke, dass das für viele Leute ganz wichtig ist – und auch in Zukunft noch mehr werden wird.

Sie haben den Begriff Selbstversorgung schon angesprochen. Welche essbaren Pflanzen kann ich im Garten anbauen?

  • Natürlich muss alles auf unsere Klimaverhältnisse angepasst sein. Aber mittlerweile gibt es eine unglaubliche Varietät von neuen Züchtungen, die auch frosttolerant und schädlingstolerant sind – und die keine Pestizide brauchen. Eine der bekanntesten Pflanzen aus der Permakultur ist die Ölweide. Die ist in Südeuropa verbreitet – auch als Heckenpflanze – und hat eine hohe Produktion an süß-sauren Beerenfrüchten. Eine weitere Pflanze, die uns im Garten hilft, ist der Beinwell. Alle mehrjährigen Pflanzen sind gut – angefangen mit Bäumen: Walnüsse, Haselnüsse. Die Marone ist ein wichtiger Zukunftsbaum – die kann vielleicht künftig das Getreide ersetzen. Bei den Sträuchern klassisch die Johannisbeeren. Es gibt auch viele Exoten, die hier wunderbar gedeihen: die Kaki oder die Indianabanane, auch Pow Pow genannt. Was niemand glaubt: Feigen und Kiwis wachsen hier auch mit entsprechender Züchtung.

Vom Frühstück bis zum Abendessen. Was kann ich denn alles aus dem Garten auf den Tisch bringen?

  • Auf einem kleinen Balkon wird man sich keine vollwertige Ernährung aufbauen können. Aber wenn man z. B. 500 Quadratmeter Garten zur Verfügung hat und den entsprechend aufbaut, kann alles von Frühstück bis Abendessen dabei sein. Das fängt an mit Beerenfrüchten über Kräuter bis hin zu Obst: Äpfel, Birnen, Pflaumen – die Klassiker. Natürlich gibt es vieles an Grünem im Waldgarten, vor allem Gemüsesorten: Vom mehrjährigen Kohl kann man jeden Tag zwei Blätter ernten. Der Grünkohl ist auch eine Pflanze, die mehrjährig wächst. Es gibt z. B. den Liebstöckel – das sind alles Pflanzen, die kann man immer wieder ernten, und die bleiben trotzdem am Leben – und machen uns dadurch auch keine Arbeit.

Also ist es gar nicht so zeitaufwendig, einen essbaren Garten zu bewirtschaften?

  • Genau, mein Motto ist immer: produktiv, pflegeleicht und ästhetisch. Der Fokus liegt auf den mehrjährigen Kulturen, die wenig Pflege bedürfen. Die Hauptarbeit ist dann am Ende hauptsächlich der Schnitt. Je mehr Energie ich ins Design und Planen gesteckt habe, umso langfristiger und pflegeleichter sind die Systeme. Bei einem klassischen Bauerngarten oder Gemüsegarten muss man jedes Jahr den ganzen Prozess neu starten: aussähen, das Beet vorbereiten, hacken, usw. Das sparen wir uns, indem wir mehrjährige Kulturen anlegen und vor allem den Boden gar nicht bearbeiten. Das ist eigentlich die wichtigste Voraussetzung: Wir arbeiten nur mit Mulchauflage. Das Mulchen ist ein Beispiel, wie Boden und Bodenfruchtbarkeit verbessert werden und der Humus aufgebaut werden kann.

Wird die Trockenheit für Gartenpflanzen langfristig zu einem Problem?

  • Die Trockenheit ist auf jeden Fall eine Herausforderung, aber da wir bei einem Waldgarten von Anfang an auf Multifunktionalität setzen, ist unser System insgesamt resilienter. Das heißt: Auch wenn mal etwas kaputtgeht, gibt es noch eine Menge Sachen, die das ausgleichen. Wir haben ständige Belaubung, also Beschattung unserer Flächen. Die dauerhafte Mulchauflage sorgt dafür, dass der Boden immer feucht bleibt.

Zwingt uns der Klimawandel dazu, künftig einige Pflanzenarten aufzugeben?

  • Das wird natürlich ein langsamer, schleichender Prozess sein. Ein Klimaprofiteur ist z. B. die Walnuss, die immer weiter nach Norden vorrückt – vor 40 Jahren in unseren Regionen überhaupt nicht verbreitet. Jetzt wachsen die schon wild überall. Verschwinden wird leider eine Reihe von alten Obstsorten, die wir so kennen. Kulturell gesehen werden einige Pflanzen verschwinden und neue kommen.

Also spielt im Gartenanbau die regionale Anpassung der Pflanzen künftig eine größere Rolle?

  • Ja, unbedingt. In jeglicher Hinsicht regional werden. Das ist die beste Strategie, die wir haben.

Wie sieht denn unser Garten der Zukunft aus?

  • Bunt! Hauptsächlich grün, vielfältig ist das Allerwichtigste. Viele verschiedene, resistente und multifunktionale Pflanzen. Der Garten erstreckt sich über das ganze Grundstück: das Haus, alle Strukturen, alles ist mit inbegriffen. Wir sind möglichst pflegeleicht unterwegs. Aber der Garten der Zukunft ist nicht nur das Physische, das wir sehen, sondern eine innere Lebenseinstellung.
Hohe und niedere Bäume, verschiedene Sträucher, bodenbedeckende Pflanzen und vor allem viel Grün: Ein Waldgarten ist multifunktional, jedes Element hat mehrere Nutzen.
Marc-Robin Lückert (34) ist Experte für die Themen regenerative Landwirtschaft und Permakultur.
Autor:

Alexander Kollek

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