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Archäologen machen sensationelle Funde
Muss Wittgensteins Geschichte neu geschrieben werden?

Der Reitersporn aus dem frühen Mittelalter hat die Radenbach'sche Fundnummer 16. Entdeckt wurde er dort, wo auch der Wittgensteiner Ur-Hof gefunden wurde.
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  • Der Reitersporn aus dem frühen Mittelalter hat die Radenbach'sche Fundnummer 16. Entdeckt wurde er dort, wo auch der Wittgensteiner Ur-Hof gefunden wurde.
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howe Bad Berleburg. Die Geschichte muss neu geschrieben werden. Denn jetzt ist klar: Das Wittgensteiner Land dürfte älter sein als bisher angenommen. Während die allerersten Urkunden anno 800 nach Christus die Berleburger Dörfer Raumland und Arfeld erwähnen, liefert die Archäologie nun Beweise für eine frühere Besiedlung. Und das, obwohl besagte Beweise bereits seit fast 50 Jahren vorliegen.

1973 begann nä

howe Bad Berleburg. Die Geschichte muss neu geschrieben werden. Denn jetzt ist klar: Das Wittgensteiner Land dürfte älter sein als bisher angenommen. Während die allerersten Urkunden anno 800 nach Christus die Berleburger Dörfer Raumland und Arfeld erwähnen, liefert die Archäologie nun Beweise für eine frühere Besiedlung. Und das, obwohl besagte Beweise bereits seit fast 50 Jahren vorliegen.

1973 begann nämlich der heimische archäologische Denkmalpfleger Hans-Günter Radenbach mit seinen Forschungen. Seitdem machte der Berghäuser über 200 Fundorte in Wittgenstein – vornehmlich im Raum Erndtebrück und Berleburg – aus. Unter anderem entdeckte Radenbach den Wittgensteiner Ur-Hof, den ältesten Siedlungsort überhaupt. Erst vor einem Jahr kam Dr. Manuel Zeiler von der Archäologie in Westfalen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) auf Hans-Günter Radenbach zu und bat um die erneute Übergabe der alten Funde, die seit vielen Jahren haufenweise in nummerierten Pappkartons gelagert sind. Zwar hatte Radenbach seinen Fundus der Behörde damals zur Auswertung zur Verfügung gestellt, auf das heutige Ergebnis kamen die Fachleute aber nicht.

Kartonweise Funde besitzt der archäologische Denkmalpfleger Hans-Günter Radenbach. Erforscht und gesammelt hat der Berghäuser seit 1973. Jetzt erst werden erstaunliche Ergebnisse zutage gefördert.
  • Kartonweise Funde besitzt der archäologische Denkmalpfleger Hans-Günter Radenbach. Erforscht und gesammelt hat der Berghäuser seit 1973. Jetzt erst werden erstaunliche Ergebnisse zutage gefördert.
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„Ich war begeistert von Manuels Initiative, weil ich von Defiziten in der damaligen Auswertung wusste“, so Hans-Günter Radenbach. Jetzt nahmen also Dr. Manuel Zeiler und Eva Cichy sowie Dr. Rudolf Bergmann vom Fachreferat Mittelalterliche Archäologie beim LWL in Münster das Radenbach’sche Konvolut noch einmal unter die Lupe. Und siehe da: Die Funde belegen das 7. und 8. Jahrhundert als frühmittelalterlichen Siedlungsbeginn. „Damit ist Wittgenstein mindestens 100 bis 150 Jahre älter als bisher angenommen“, weiß Hans-Günter Radenbach. Die ältesten Urkunden um 800 als Siedlungsbeginn zu interpretieren, sei damit überholt.

Archäologische Funde in Wittgenstein: seltener Ur-Hof im Truftetal

„Wir sind aber am Anfang weiterer Forschungen.“ Konkret beziehen sich die Funde auf das Truftetal bei Berleburg und das Preisdorftal Richtung Aue. Im Preisdorftal sind bei einer Ausgrabung im Frühjahr 2020 Reste eines Steinkellers gefunden worden. Der Keller war Teil des Ur-Hofs. „Derartige Bauten sind selten und finden sich in Hessen mehrheitlich an befestigten Plätzen der Karolingerzeit. Solche unbefestigte Siedlungen mit Stein gemauerten Kellerwänden können durch ihr Fundgut begünstigt gesellschaftlich exponierte Bevölkerungsgruppen belegen. Das ist eine Seltenheit für Hessen und Westfalen“, erläutert Hans-Günter Radenbach. Gemeinsam mit den LWL-Wissenschaftlern hat er nun ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen: das archäologische Schaufenster Trufte- und Preisdorftal. Das gesamte Projekt widmet sich der Siedlungsgeschichte von der Eisenzeit, also 800 bis Null vor der Zeitenwende, und dem frühen Mittelalter ab dem 7. Jahrhundert nach der Zeitenwende – und zwar für das gesamte hessisch-westfälische Bergland.

Hans-Günter Radenbach steht dort, wo sich einst im Truftetal ein Kirchlein befand. Die Wüstung "Druffte" existierte im 7. Jahrhundert und ist ein erster Beleg für die Wittgensteiner Siedlungsgeschichte.
  • Hans-Günter Radenbach steht dort, wo sich einst im Truftetal ein Kirchlein befand. Die Wüstung "Druffte" existierte im 7. Jahrhundert und ist ein erster Beleg für die Wittgensteiner Siedlungsgeschichte.

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Neben der Seltenheit „Ur-Hof“ im Preisdorftal datiert auch die Ortswüstung Trufte aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Dr. Rudolf Bergmann hat Großes vor. „Es existiert ein Kulturzusammenhang mit den angrenzenden Regionen Mitteldeutschlands“, sagt er. „Aufgrund der exzellenten Erhaltungsbedingungen sollten wir hier einen zukünftigen Schwerpunkt der Wüstungsforschung einrichten.“ Damit käme dem Wittgensteiner Land eine besondere Bedeutung in der wissenschaftlich-archäologischen Forschung überhaupt zu. Das Hochtal der Trufte sei ehemals komplett besiedelt gewesen „Die in ihm begründeten Siedlungsstellen sind für die Geschichte der Menschen bedeutsam“, stellt Dr. Rudolf Bergmann fest. „Das Truftetal“, betont Hans-Günter Radenbach, „ist auch ohne bisherige Grabungen eines der besten archäologischen Täler Wittgensteins mit bedeutendsten Funden“. Hier finden sich neben frühmittelalterlichen auch eisenzeitliche Funde. Was viele nicht wissen: „Wir haben in Wittgenstein die engste Konzentration von eisenzeitlichen Orten, mit 140 Siedlungen, Gräbern, Wegen und Burgen. In der Gesamtkonstellation auf so engem Raum ist das einmalig in Deutschland“, glaubt Hans-Günter Radenbach.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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