SZ

„So schnell geben wir nicht auf“
Neue Entwicklungen im Fall Elvin Muradi

Stehen weiterhin vor einer ungewissen Zukunft: Der Aserbaidschaner Elvin Muradi mit seiner Frau und den drei Kindern. Der Dorfverein Aue-Wingeshausen um seinen Vorsitzenden Helmut Keßler macht sich für die Familie stark.
  • Stehen weiterhin vor einer ungewissen Zukunft: Der Aserbaidschaner Elvin Muradi mit seiner Frau und den drei Kindern. Der Dorfverein Aue-Wingeshausen um seinen Vorsitzenden Helmut Keßler macht sich für die Familie stark.
  • Foto: archiv
  • hochgeladen von Praktikant Online

ll Aue. Der Fall von Elvin Muradi und seiner Familie, über den die SZ im Juli dieses Jahres erstmals berichtet hat, sorgte seinerzeit für kontroverse Diskussionen und reichlich Gesprächsstoff.
Ausbildungsduldung vom kreis abgelehnt
Rückblende: Elvin Muradi kommt aus Aserbaidschan und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Aue. Sein Asylantrag wurde 2019 rechtskräftig abgelehnt. Seitdem muss der Aserbaidschaner seine Duldung regelmäßig verlängern lassen. Nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum wurde ihm aufgrund seiner guten Leistungen ein Ausbildungsvertrag zum Alten- und Krankenpfleger vorgelegt. Um diese Ausbildung beginnen zu können, benötigt der Mann eine „Ausbildungsduldung“ vom Kreis Siegen-Wittgenstein. Die Behörde lehnt das aber ab, weil Muradi keinen Pass vorlegen kann.

ll Aue. Der Fall von Elvin Muradi und seiner Familie, über den die SZ im Juli dieses Jahres erstmals berichtet hat, sorgte seinerzeit für kontroverse Diskussionen und reichlich Gesprächsstoff.

Ausbildungsduldung vom kreis abgelehnt

Rückblende: Elvin Muradi kommt aus Aserbaidschan und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Aue. Sein Asylantrag wurde 2019 rechtskräftig abgelehnt. Seitdem muss der Aserbaidschaner seine Duldung regelmäßig verlängern lassen. Nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum wurde ihm aufgrund seiner guten Leistungen ein Ausbildungsvertrag zum Alten- und Krankenpfleger vorgelegt. Um diese Ausbildung beginnen zu können, benötigt der Mann eine „Ausbildungsduldung“ vom Kreis Siegen-Wittgenstein. Die Behörde lehnt das aber ab, weil Muradi keinen Pass vorlegen kann. Bemühungen, das Dokument zu erlangen, scheiterten wiederum an der aserbaidschanischen Botschaft in Berlin, da diese keine Papiere ausstellen will, solange Muradi seinen Wehrdienst nicht geleistet hat.

Dorfverein Aue-Wingeshausen schaltet sich ein

Das aber will der Mann auf keinen Fall, da er nach eigenen Angaben in Aserbaidschan Missstände in einer Apotheke zur Anzeige gebracht hatte und daraufhin in seinem Arbeitszeugnis ein Vermerk eingetragen worden sei, der es ihm unmöglich mache, in sein Heimatland zurückzukehren und dort möglicherweise eine neue Stelle anzunehmen. Als Muradi schließlich einen schriftlichen Bescheid zur Ablehnung der Ausbildungsduldung von der Ausländerbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein erhielt, schaltete sich der Dorfverein Aue-Wingeshausen, der seit 2018 integrationswillige Geflüchtete betreut, ein und legte gegen diesen Bescheid Rechtsmittel ein. Grund genug, für die SZ einmal nachzufragen: Was ist draus geworden?
„Im Klageverfahren ist kein Urteil ergangen. Der Kläger hat die Klage im Termin zur mündlichen Verhandlung zurückgenommen“, teilte Silke Camen, Pressedezernentin am Verwaltungsgericht Arnsberg, auf Anfrage mit. Dort hatte das entsprechende Verfahren in der vergangenen Woche stattgefunden.

Warum das so ist, erklärt Helmut Keßler im Gespräch mit der SZ. „Zum einen, weil sich im Laufe der Verhandlung bereits abgezeichnet hat, dass die Klage keine Aussicht auf Erfolg haben wird. Zum anderen aber auch, um ein mögliches Urteil zu verhindern, welches später gegen ihn verwendet werden könnte. Und letztlich auch mit Blick auf die Kosten haben wir die Klage dann zurückgezogen“, zeigte sich der Vorsitzende des Dorfvereins zerknirscht.

Wehrpflicht als ,,zumutbare Bedingung''

Er könne nicht verstehen, dass positive Aspekte wie die gelungene Integration, das Absolvieren der deutschen Sprachprüfung und nicht zuletzt das erfolgreiche Praktikum als Alten-/Krankenpfleger in Verbindung mit einem Ausbildungsvertrag bei der Entscheidungsfindung keine Rolle spielen. Stattdessen berufen sich die Behörden vor allem darauf, dass die Wehrpflicht im Rahmen der Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten als „zumutbare Bedingung“ gilt. Die Verpflichtung zum Militärdienst in einem Land, aus dem man geflüchtet ist, komme für ihn eher einem Aufruf zum Suizid nahe.

Man möchte
derzeit nicht in seiner
Haut stecken.
Vereinsvorsitzender Helmut Keßler
über die Situation von Elvin Muradi

Entsprechend beunruhigt und angespannt sei auch Elvin Muradi in diesen schweren Tagen. Er leide an Schlafstörungen und Bluthochdruck. „Man möchte derzeit nicht in seiner Haut stecken“, so Helmut Keßler, der mit der Familie in ständigem Austausch steht. Neben den Muradis kümmert er sich gemeinsam mit dem Dorfverein auch noch um die Integration dreier syrischer Familien, die allesamt als Asylberechtigte anerkannt sind. In zwei Fällen habe er bereits feste Arbeitsstellen vermitteln können, die Dritten im Bunde legten gerade ihre deutsche Sprachprüfung ab. „Sprache ist der Schlüssel für alles“, weiß der Vorsitzende aus Erfahrung.

Urteil aus Münster macht Hoffnung

Diese lehrt ihn auch, im Falle Elvin Muradis keinesfalls aufzugeben. So besteht für den Dorfverein beispielsweise die Möglichkeit, gängige Optionen wie das Einschalten der Härtefallkommission oder die Neueinleitung des Asylverfahrens zu prüfen. Im Januar wolle man sich mit dem Rechtsbeistand von Muradi zusammensetzen und die nächsten Schritte beraten.

Hoffnung mache auch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Münster. Dort wurde in einem ähnlich gelagerten Fall eine besondere Härte festgestellt und der Militärdienst als unzumutbar eingestuft, „wenn die Einberufung des Wehrpflichtigen eine bereits begonnene Berufsausbildung unterbrechen oder die Aufnahme einer rechtsverbindlich zugesagten oder vertraglich gesicherten Berufsausbildung verhindern würde.“ Helmut Keßler verspricht: „So schnell geben wir nicht auf.“

Autor:

Lars Lenneper

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
2 Bilder

Neues Angebot auf 57immo.de
Jetzt Immobilie von Experten bewerten lassen

Gründe für eine Immobilienbewertung gibt es viele: Sie kann erforderlich sein für den Kauf oder Verkauf eines Hauses, beim Schließen eines Ehevertrages oder auch beim Verschenken des Eigentums an die Kinder. Allgemein gilt: Wer den Wert seiner Immobilie kennt, hat in vielen Situationen einen Vorteil. Mit der Immobilienbewertung der Vorländer Mediengruppe bekommen Haus- und Wohnungsbesitzer nun ein passendes Werkzeug zur schnellen und zuverlässigen Einschätzung des Wertniveaus an die Hand – und...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.