Paketzusteller unterschrieb sich Bestätigungen selbst

jg Bad Berleburg. Jeder kennt das Problem, wenn man auf ein Paket wartet und das will partout nicht kommen. Der 23-jährige Angeklagte gestern im Berleburger Amtsgericht kannte das Problem lediglich von der anderen Seite. Man hat ein Paket im Auto - und wird’s nicht los. Der Hesse arbeitete nämlich im vergangenen Jahr als Paketzusteller auf dem Berleburger Stadtgebiet. Genau damit hatten die Taten zu tun, die dem jungen Mann gestern im örtlichen Gericht vorgeworfen wurden. Genauer gesagt: dreimal Urkundenfälschungen und genauso viele Unterschlagungen, die sich zwischen Ende April und Anfang Juni 2009 ereignet haben sollten. Im ersten Fall ging es laut Anklage um ein Schmerztherapiegerät für 142 Euro, im zweiten um einen Rotationslaser für 100 Euro und im dritten um fünf Pakete mit 17 Dreamboxen für knapp 19 000 Euro.

Der Angeklagte gab sofort die falschen Unterschriften - jedenfalls zwei von dreien - auf dem Handscanner zu, die Unterschlagungen aber nicht. Er habe nie etwas mitgehen lassen, sondern die Sachen stets geschützt vor Ort zurückgelassen, nachdem der Hesse seine Bestätigungen selbst mit echt Wittgensteiner Namen unterschrieben hatte. Mit Dickel oder Benfer, wie im ersten Fall. Nur dass es in Elsoff weit und breit keinen Benfers gibt. Kurioserweise war das in Elsoff zunächst verschüttgegangene Päckchen vorige Woche wieder aufgetaucht. Plötzlich stand es beim ursprünglichen Besteller auf den Reifen in der Scheune, obwohl diese seit dem vergangenen Frühjahr schon zweimal gewechselt worden waren. Der Nicht-Belieferte wollte das gute Stück jedoch sowieso nicht mehr haben, weitere Untersuchungen hätten zwischenzeitlich ergeben, dass ihm das Gerät ohnehin nicht helfen würde.

Beim zweiten Fall stellte sich die Sache etwas anders dar. Hier schaute sich der Angeklagte die Unterschrift an und sagte, das habe er nicht geschrieben. Das müsse ein Nachbar gewesen sein, außerdem habe er in diesem konkreten Fall sich doch später noch eine Rollkarte unterschreiben lassen. Die müsse im Depot seines früheren Arbeitgebers vorliegen, denn heutzutage ist der Mann natürlich nicht mehr als Auslieferungsfahrer unterwegs. Auch der letzte Fall war kurios. Der Angeklagte sprach anders als die Anklage allerdings nur von drei Kartons - und die waren so schwer, dass er sie nicht wieder in den Lieferungen hieven wollte, als ihm keiner der drei Klingelknöpfe am zu beliefernden Haus einen Empfänger an die Tür gebracht hatte. Deshalb habe er auch hier falsch unterschrieben und die Pakete stehenlassen, die dann in irgendeiner Versenkung verschwunden sein mussten. Eine Hausdurchsuchung beim Angeklagten förderte die Dreamboxen aber nicht zutage. Allerdings gab es bereits ein Verfahren gegen den vermeintlichen Empfänger. Der sollte Ende Juni, Anfang Juli - also deutlich nach der verpatzten Lieferung - bei Ebay Dreamboxen angeboten und dann nicht verschickt haben. Das Verfahren gegen diesen Mann, der gestern als Zeuge im Gericht war, wurde jedoch eingestellt.

Das Gericht wollte ihn trotzdem gestern nicht hören, genau wie auch all die anderen Zeugen. Für alle Prozessbeteiligten war das in Ordnung, jedem schienen die Teilgeständnisse des Angeklagten auszureichen. Oberamtsanwältin Judith Hippenstiel hätte zwar gern gewusst, wie sich der Angeklagte sehenden Auges in solch ein Risiko hatte stürzen können. Aber das konnte der junge, bisher völlig unbescholtene Mann auch nicht erklären. Die Frau von der Staatsanwaltschaft forderte für die beiden zugegebenen Urkundenfälschungen, auf die der Vorwurf gestern im Gericht zurückgeschraubt wurde, eine Geldstrafe von 75 Tagessätzen zu je 30 Euro. Verteidiger Joachim Heister war ebenfalls auf die 30-Euro-Höhe der Tagessätze gekommen, für ihn seien aber 65 schon ausreichend. Im Urteil schloss sich Richter Torsten Hoffmann dem Antrag von Judith Hippenstiel an, so wird der Angeklagte nun 2250 Euro zahlen müssen, denn das Urteil wurde gestern rechtskräftig. Auch der Richter machte noch einmal deutlich, wie wichtig es im Geschäftsverkehr sei, dass man sich auf Urkunden verlassen könne. Mit 75 Tagessätzen blieb das Urteil unter der magischen Grenze von 90 Tagessätzen, ab dieser Höhe kommen Strafen ins polizeiliche Führungszeugnis.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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