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Berleburger Bürgermeisterkandidaten
Podiumsdiskussion war ein Abend der Gegensätze

Sehr sachlich verlief am Donnerstagabend die Podiumsdiskussion der Siegener Zeitung in der Kulturhalle in Dotzlar, obwohl die Bürgermeisterkandidaten Oliver Junker-Matthes, Marion Linde, Andrea Heuer und Bernd Fuhrmann (v. r.) an einigen Stellen durchaus sehr konträre Sichtweisen vertraten.
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  • Sehr sachlich verlief am Donnerstagabend die Podiumsdiskussion der Siegener Zeitung in der Kulturhalle in Dotzlar, obwohl die Bürgermeisterkandidaten Oliver Junker-Matthes, Marion Linde, Andrea Heuer und Bernd Fuhrmann (v. r.) an einigen Stellen durchaus sehr konträre Sichtweisen vertraten.
  • Foto: Alexander Kollek
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

bw Dotzlar. Einen Abend der Gegensätze erlebten die Zuschauer der Podiumsdiskussion der Siegener Zeitung am Donnerstagabend in der Kulturhalle in Dotzlar. Vier Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters in Bad Berleburg stellten sich vor, vier Bewerber mit ganz unterschiedlichen Ansätzen zwischen Realismus einerseits und radikalen Utopien andererseits:
Amtsinhaber Bernd Fuhrmann, bestens vernetzt in der Stadt und darüber hinaus, er wird von CDU und SPD unterstützt;Andrea Heuer, Hebamme und Cafébetreiberin, aber keine Verwaltungsfachfrau, sie ist parteilos, tritt aber für die Linke an;Marion Linde (UWG), sie ist beruflich in ihrem Leben vielseitig unterwegs gewesen (vom Buchhandel bis zur Pflege);

bw Dotzlar. Einen Abend der Gegensätze erlebten die Zuschauer der Podiumsdiskussion der Siegener Zeitung am Donnerstagabend in der Kulturhalle in Dotzlar. Vier Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters in Bad Berleburg stellten sich vor, vier Bewerber mit ganz unterschiedlichen Ansätzen zwischen Realismus einerseits und radikalen Utopien andererseits:

  • Amtsinhaber Bernd Fuhrmann, bestens vernetzt in der Stadt und darüber hinaus, er wird von CDU und SPD unterstützt;
  • Andrea Heuer, Hebamme und Cafébetreiberin, aber keine Verwaltungsfachfrau, sie ist parteilos, tritt aber für die Linke an;
  • Marion Linde (UWG), sie ist beruflich in ihrem Leben vielseitig unterwegs gewesen (vom Buchhandel bis zur Pflege);
  • Oliver Junker-Matthes, Waldarbeiter in Diedenshausen, ist Grüner und Linker, allerdings jetzt unabhängiger Kandidat.

Wie unterschiedlich die vier Bewerber die Stadt Bad Berleburg sehen, zeigte sich schon in der kurzen persönlichen Vorstellungsrunde: Bernd Fuhrmann sprach etwa von einem schlafenden Riesen, den es vor Jahren zu wecken galt. Andrea Heuer hingegen fand, dass Bad Berleburg seine guten Chancen in den vergangenen Jahren nicht so genutzt habe. Für eine stärkere Gemeinwohlorientierung plädierte Oliver Junker-Matthes, er forderte ein radikales Umdenken, um die Folgen des Klimawandels zu überstehen. Das Wir-Gefühl in Bad Berleburg zu stärken, schrieb sich Marion Linde auf die Fahnen. Die knapp zwei Stunden in Dotzlar drehten sich vor allem um die Themen Mobilität, Straßenbau sowie den Gesundheits- und Wirtschaftsstandort. 

Radfahrer und Autoverkehr

Die vier Kandidaten waren sich prinzipiell einig, dass es in Bad Berleburg bessere Radwege geben müsse. „Man sollte das sehr groß denken“, meinte Marion Linde und erinnerte daran, dass Bund und Land in dem Bereich viel Geld ausschütten. Es müsse der Anspruch sein, Radwege parallel neben den Hauptwegen zu bauen. Dazu vertrat Oliver Junker-Matthes eine ganz andere Sichtweise: Es gelte, den Autoverkehr einzuschränken. Und das könne gelingen, indem auf allen Straßen Fahrbahnen für Radfahrer ausgewiesen würden, die dann auch Vorrang haben sollten: „Wir müssen den Flächenverbrauch einschränken“, daher keine neuen Wege bauen. Andrea Heuer glaubt nicht, dass viele Leute permanent vom Auto auf das Rad umsteigen werden. Notwendig sei, Radwege und touristische Wege besser zu verknüpfen und einen besseren und dann auch kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehr zu schaffen. „Das Geld ist da, es wird nur für anderes genutzt“, sagte sie zur Finanzierung. Eine weitere Idee hatte Andrea Heuer auch: Wieso nicht Fahrradrikschas in Bad Berleburg einführen? Dass sich durch den E-Bike-Trend neue Chancen für Wittgenstein ergeben, stellte Bernd Fuhrmann fest: Vor 20 Jahren sei Wittgenstein mit seiner Landschaft als Radregion nicht wahrnehmbar gewesen, doch durch die E-Bikes habe sich das geändert. Allerdings seien die Radwege bislang alles andere als optimal. Bad Berleburg habe 2000 Kilometer an Wirtschaftswegen, hier habe die Stadt ja erhebliche Fördergelder für deren Aufwertung erhalten. Klares Ziel sei, in Wittgenstein alle Dörfer über Radwege miteinander zu verbinden.

ÖPNV in Bad Berleburg

Zurück zum ÖPNV: Oliver Junker-Matthes sprach sich für dessen Rekommunalisierung aus. Andrea Heuer fragte sich, warum es in Bad Berleburg keinen Bürgerbus gebe, der in Bad Laasphe und Erndtebrück sehr erfolgreich unterwegs sei. Hier sei die Kommune in der Pflicht, das anzustoßen. Marion Linde erinnerte daran, dass letztlich die Kommune nicht über die ÖPNV-Leistungen bestimmen könne, die Stimme des Bürgermeisters solle aber richtig laut sein, wenn es um die Bestellung der Linien gehe, merkte sie an. Dass es notwendig sei, Mobilität neu zu denken, fand Bernd Fuhrmann. Beim ÖPNV sei es keine Frage der Privatisierung, ein öffentlicher Zweckverband entscheide über die Linien. Der Bürgerbus sei zweimal angestoßen worden; es sei in Bad Berleburg knifflig durch Fördervorgaben und das notwendige ehrenamtliche Engagement.
Neue Autos zu bauen, sei total idiotisch, stellte Oliver Junker-Matthes zudem fest. Allerdings hängen in Bad Berleburg und der Region zahlreiche Arbeitsplätze an der Automobilindustrie – für die Beschäftigten der Branche sei es dann besser, bald umzulernen, „wir müssen radikal umdenken“.

Frage nach dem KAG

Andrea Heuer sah es als „Illusion“ an, dass es in Zukunft keine Beteiligung der Anlieger mehr geben wird. Grundsätzlich sei die Stadt freilich in der Pflicht, die Straßen besser zu warten, damit sie nicht so schnell ausgebaut werden müssten. Und: Wenn es zu einem Ausbau kommt, dann sei ein Sozialfaktor notwendig, durch den Familien und Geringverdiener entlastet würden, während Hausbesitzer, die durch Mieteinnahmen Geld mit der Immobilie verdienen, mehr zahlen könnten. Oliver Junker-Matthes hält es für richtig, dass sich Anwohner mit 20 Prozent an den Kosten eines Ausbaus beteiligen, freilich müssten sie dann auch über den Standard entscheiden dürfen. Wenn sich aber Anwohner nicht einigen könnten, gebe es auch keinen Straßenbau. Dass die Stadt am Kapplerstein in Aue sofort bauen könnte, betonte Marion Linde – und das ohne Beiträge der Anlieger. Ihre Rechnung: die Investition auf 50 Jahre abschreiben, das belaste den Haushalt ja nur geringfügig. „Das ist machbar“, sagte die UWG-Bewerberin, die freilich grundsätzlich die Abschaffung durch das Land forderte. Bernd Fuhrmann hätte auch nichts gegen eine Abschaffung, der Rat habe ja eine entsprechende Resolution beschlossen. Die Abschaffung sei allerdings nur bei Kostenersatz möglich, gab der Amtsinhaber zu bedenken. Die Umsetzung des Ausbaus Kapplerstein, wie Marion Linde es vorgeschlagen hatte, sei nicht möglich: „Die Rechnung geht nicht auf.“ Es müsse im Rat nach der Wahl besprochen werden, wie die Stadt mit der vorliegenden Gesetzgebung zum KAG umgehen wolle – der Knoten müsse gelöst werden.

Gesundheit, Pflege, Hausarzt

Den Gesundheitsstandort zu stärken, habe größte Priorität, meinte Marion Linde, die in dem Zusammenhang die Verbesserung der Barrierefreiheit nannte. Zur Wirtschaftsförderung sei es notwendig, alle Branchen in einem Netzwerk zum Austausch zu bitten, um zu erfahren: „Was können wir gemeinsam besser machen?“ Andrea Heuer sah es als Aufgabe der Kommune in Zusammenarbeit mit einem Träger, mehr Ausbildung im Pflegebereich zu ermöglichen. Für Oliver Junker-Matthes wäre es die wichtigste Aufgabe, die Versorgung mit Hausärzten in Bad Berleburg zu sichern. Bernd Fuhrmann verwies auf den Erfolg, dass es in Aue-Wingeshausen wieder eine Arztpraxis gibt. Die Stadt könne da nur unterstützen und Rahmenbedingungen schaffen. Er sei auch froh, dass die Kliniken nun unter der Trägerschaft von Vamed stünden.

Die größte Herausforderung

Zum Abschluss des Abends hatten die vier Bürgermeisterkandidaten die Chance, die aus ihrer Sicht größte Herausforderung für die Kommune zu benennen.
Oliver Junker-Matthes gab die Prognose ab, dass es künftig deutlich mehr Arbeitslose geben werde. Notwendig sei deshalb, mehr auf gemeinwohlorientierte und lokal ausgerichtete Arbeit zu setzen. Denn auch die „Global Player“ müssten darüber nachdenken, wie lange sie noch „Global Player“ sind. Der Klimawandel sei die größte Herausforderung, die Frage sei: „Wie kriegen wir künftig unser Essen und Trinken?“
Marion Linde nannte Covid-19 als „definitiv größte Herausforderung“, denn diese Pandemie sorge für eine finanziell schwierige Lage in allen Bereichen, auch in der Kommune. Um für die Zukunft gewappnet zu sein, schlug sie vor, ein Depot in Wittgenstein mit Masken und Desinfektionsmittel anzulegen.
Andrea Heuer sah in der immer größeren Schere von Arm und Reich die erheblichste Herausforderung, „die man auf den ersten Blick nicht immer sieht“. An dieser Stelle müsse kommunale Sozialpolitik ansetzen. Dafür seien ein respektvoller Umgang miteinander und ein offenes Ohr füreinander wichtig.
Bernd Fuhrmann nannte eine weiterhin vorausschauende Politik mit dem Blick für Nachhaltigkeit. Dazu gehöre auch, auf erneuerbare Energien zu setzen, ohne allerdings einen Wildwuchs von Windrädern in Bad Berleburg zu akzeptieren. Unerlässlich für Nachhaltigkeit seien darüber hinaus Bildung sowie Digitalisierung.

Sehr sachlich verlief am Donnerstagabend die Podiumsdiskussion der Siegener Zeitung in der Kulturhalle in Dotzlar, obwohl die Bürgermeisterkandidaten Oliver Junker-Matthes, Marion Linde, Andrea Heuer und Bernd Fuhrmann (v. r.) an einigen Stellen durchaus sehr konträre Sichtweisen vertraten.
Die besten Seiten des Tages präsentierten Dieter Rama und „Becci“ Falkenhahn.
Autor:

Björn Weyand (Redakteur) aus Bad Laasphe

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