Praktikant in Berlin schüttelte Jacques Chirac die Hand

Gymnasiasten vom Laaspher Schloss schnupperten zwei Wochen lang in das Berufsleben / SZ-Mitarbeiter Daniel Benfer besuchte seine Mitschüler

db Bad Berleburg. Jacques Chirac die Hand schütteln? Eine Ehre, die eigentlich nur unserem Bundeskanzler Gerhard Schröder, oder einem seiner Minister zu Teil wird. Doch der Erndtebrücker Marius Beitzel traf den Staatspräsidenten bei der Eröffnung der französischen Botschaft in Berlin. Sein zweiwöchiges Praktikum beim Bundestagsabgeordneten Willi Brase hielt noch mehr Highlights für ihn bereit.

Marius Beitzel mit Willi Brase unterwegs

»Mit Ministern habe ich über Politik und Jugend diskutiert«, erzählt mir der Gymnasiast am Telefon. Ein Treffen mit meinem Schulkollegen war nämlich nicht drin, da Berlin 14 Tage lang sein Zuhause war. Wie es denn so im Bundestag sei, frage ich ihn. »Echt gut«, antwortet er begeistert von seiner Arbeit. Er sei vielen Regierungsmitgliedern persönlich begegnet und habe einen Einblick in die wichtigsten Strukturen unseres Landes erhalten. Logisch, dass für so einen Praktikumsplatz ein gewisses politisches Interesse Voraussetzung ist. Aber was macht denn ein Schüler nun im Herzen unserer Demokratie? Er habe an Plenarsitzungen hautnah teilgenommen, ansonsten die alltäglichen Arbeiten eines MdB miterlebt. Das Praktikum habe ihm einen neuen Einblick verschafft, wie Politik funktioniert«, resümiert Marius. Und mit einem Vorurteil kann er jetzt auch aufräumen: »Ich kann das Gerücht über faule Politiker nicht bestätigen.« Praktikum in Berlin – wahrlich nichts alltägliches. Doch auch meine anderen Mitschüler hatten sich durchaus ausgefallene Berufe ausgesucht.

Anne Stiller besuchte die Gynäkologie

Ein Besuch führte mich ins Berleburger Kreiskrankenhaus, genauer gesagt zu Anne Stiller. Sie sei am Beruf der Hebamme interessiert, erzählt sie. »Aber warum dann auf die Gynäkologie?« »Mich interessiert auch das Drumherum und die Medizin an sich.« Die Dinge, für die Hebammen verantwortlich sind, seien für sie aber leider tabu. Nur über die Schulter dürfe sie gucken. Das habe die Oberndorferin allerdings auch schon vorher gewusst. »Ich bin aber mit der Hoffnung hierher gekommen, bei einer Geburt dabei sein zu dürfen.«

Theoretisch ist eine Geburt möglich

Dies hat sich erledigt, nicht nur mangels schwangerer Frauen. Einzig eine Führung durch den Kreißsaal sei ihr gestattet gewesen, dafür habe sie hier aber auch eifrig Fragen gestellt. Von der Geburtseinleitung über den Dammschnitt, der Saugglocke und der Zange bis hin zum Kaiserschnitt – theoretisch kann sie jetzt Kinder auf die Welt bringen. Und das, obwohl ihr eigentlicher Wunsch-Platz auf der Rettungswache gewesen sei. Dafür muss man aber 18 sein und diese Voraussetzung konnte sie nicht erfüllen. Die DRK-Helferin fühlt sich aber auf der Gynäkologie genauso wohl. Sie habe mitgekriegt, was in einem Krankenhaus so ablaufe, genau das sei ihr Ziel gewesen. Piep, Piep macht es auf einmal, gerade als Anne von ihren Aufgaben erzählt: »Eigentlich müsste ich jetzt springen«, gibt sie zu. Aber das Pressegespräch entschuldigt und so übernimmt eine Kollegin die Zimmerkontrolle. Zurück zu ihren Aufgaben. Sie wasche die Patienten, mache die Betten – eben die Dinge, die so anfallen. Bestimmt keine Arbeit für Jedermann. Aber auch die muss gemacht werden. Also: Hut ab. Mein nächster Termin führte mich ins Revier der Gesetzeshüter. Der Banfer Marco Pitz trat dort seinen Dienst an. Sind auch für manche Verkehrsrüpel die Grünen ein leidiges Thema, kann Marco nur Gutes berichten. »Die sind total freundlich und erklären mir alles«, zeigt er sich über seine Praktikumswahl erfreut. Bei der hatte er übrigens eine Menge Glück. Plätze bei der Polizei sind nämlich rar. Wer jetzt allerdings denkt, er würde mit Hut und grüner Kluft irgendwelchen Verbrechern hinterherjagen, der täuscht sich. Er fahre mit Streife, auch Unfall- und Tatort-Aufnahmen ständen auf dem Plan. Im Falle eines Banküberfalls müsse er allerdings auf der Wache bleiben.

Marco Pitz fuhr mit Polizei Streife

Verkehrs- und Lkw-Kontrollen gehören genauso dazu wie Verwaltungsaufgaben. Negative Erfahrungen, mit Verkehrssündern beispielsweise, hat er noch nicht gemacht. »Man erlebt was«, räumt er mit dem Vorurteil auf, in der Provinz würde nichts passieren. Wie denn sein Umfeld auf die Praktikumswahl reagiert habe, will ich wissen. »Keiner hat die Hände überm Kopf zusammengeschlagen«, grinst er. Ein großer Pluspunkt seiner Arbeit sei, dass man die Region richtig kennenlerne, »allein schon durch das Streife fahren«. Marcos Einsatzgebiet begrenzt sich nicht nur auf die Odebornstadt. Auch der Laaspher Wache hat er einen Besuch abgestattet. Dort hat er Bezirksdienst geschoben. Heißt im Einzelnen: Fußstreife und Bürgersprechstunde. Natürlich immer in Begleitung eines echten Sheriffs. In seinen Zukunftsplänen haben ihn die zwei Wochen auf jeden Fall bestätigt. So wird er, wenn alles gut läuft, nach bestandenem Abitur als Kommisaranwärter Pitz die Polizeischule besuchen. Meine letzte Station war im wahrsten Sinne des Wortes tierisch. Mit Wiehern und Schnaufen begrüßten mich die Pferde der Odebornklinik. In deren Reithalle erwarten mich nämlich die Feudingerin Nanina Stenger und die Rückershäuserin Debbie Overstreet. Auf mein Nasenrümpfen aufgrund einiger Pferdeäpfel erwidert Debbie nur: »Ich wollte auch nicht bei der Zeitung arbeiten.« Also jedem das Seine. Dingo, Sandmann, Anton und Susi – so die Namen von vier der insgesamt sieben Pferde – haben die Schülerinnen schon ins Herz geschlossen. Doch nicht nur den Pennälern macht es Spaß. Auch die Patienten scheinen die Therapie zu genießen. Für ihre Arbeit sind die Vierbeiner natürlich besonders ausgebildet worden. Welche Aufgaben die Mädchen haben? Neben Ausmisten und Tiere waschen, führen sie hauptsächlich die Pferde mit den Patienten durch die Halle. Vormittags sind die Leute mit psychischen Problemem an der Reihe. Mittags werden körperlich Behinderte therapiert. Debbie und Nanina sind sich durchaus der Wichtigkeit ihres Jobs bewusst: »Bei Gehörlosen ist das Reiten gut, damit die sich entkrampfen.«

Nanina und Debbie versorgen Pferde

Logisch ist es hin und wieder anstrengend und anfangs sicherlich auch gewöhnungsbedürftig. Wenn die Patienten nicht still sitzen, herumrutschen, oder sich verkrampfen – da gibt es schon die eine oder andere Schrecksekunde. Aber vom Pferd gefallen sei solang der Stall bestehe, immerhin seit 15 Jahren, noch niemand. Sollte das Wetter geeignet sein, findet die Therapie auch im Freien statt – im Moment fällt dies also flach. Langweilig werde es nie, erklärt Debbie und sattelt gekonnt ein Pferd mit Decke und Haltegurt. Man merkt, beide haben früher bereits mal geritten: »Wir hatten einfach nochmal Lust auf Pferde.«

Und auch in Sachen »Zukunft« haben sie schon grobe Vorstellungen. Die Therapie-Richtung wird für beide noch eine Rolle spielen. Ob als Politiker in Berlin, als Polizist der Region, oder als Therapeutin in Zusammenarbeit mit Pferden. Es gibt sie doch noch, Jugendliche mit Blick für die Zukunft.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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