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Aktivist verbreitet penetrant seine vermeintlichen Wahrheiten
„Querdenken“ hat die Region erreicht

Die Schmierereien auf der Fassade des früheren Eins-A-Gebäudes an der Bad Berleburger Schulstraße sind ein großes Ärgernis: Grünen-Fraktionssprecherin Susanne Bals hat die Verwaltung aufgefordert, die blaue Farbe entfernen zu lassen.
  • Die Schmierereien auf der Fassade des früheren Eins-A-Gebäudes an der Bad Berleburger Schulstraße sind ein großes Ärgernis: Grünen-Fraktionssprecherin Susanne Bals hat die Verwaltung aufgefordert, die blaue Farbe entfernen zu lassen.
  • Foto: Martin Völkel
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

vö Bad Berleburg. Von diesen Gedanken kann sich in den vergangenen Monaten eigentlich niemand so ganz ganz freisprechen: Es gibt einfach einzelne oder mehrere Faktoren, die in dieser Corona-Pandemie zumindest Fragen aufwerfen. Etwa solche: Warum dürfen Supermärkte Bücher, Spielzeug oder Baumaterialien verkaufen und eine Vielzahl von Kunden anlocken, während der kleine Einzelhändler um die Ecke seinen Laden schließen muss? Warum zeigen Corona-Tests falsche Ergebnisse an? Warum infizieren sich in einem „Corona-Auto“ nach stundenlanger Autofahrt nur zwei von vier Insassen? Und: Warum drängt man Gastronomen trotz hervorragender Hygienekonzepte Richtung Pleite?

Bad Berleburg. Von diesen Gedanken kann sich in den vergangenen Monaten eigentlich niemand so ganz ganz freisprechen: Es gibt einfach einzelne oder mehrere Faktoren, die in dieser Corona-Pandemie zumindest Fragen aufwerfen. Etwa solche: Warum dürfen Supermärkte Bücher, Spielzeug oder Baumaterialien verkaufen und eine Vielzahl von Kunden anlocken, während der kleine Einzelhändler um die Ecke seinen Laden schließen muss? Warum zeigen Corona-Tests falsche Ergebnisse an? Warum infizieren sich in einem „Corona-Auto“ nach stundenlanger Autofahrt nur zwei von vier Insassen? Und: Warum drängt man Gastronomen trotz hervorragender Hygienekonzepte Richtung Pleite?
Oder solche: Warum kicken an den Wochenenden die Fußball-Millionäre in den leeren Stadien, während der Bambini-Fußballer aus der Nachbarschaft den Sportplatz nur von außen betrachten darf? Warum muss mein Friseur seinen Salon über Monate geschlossen halten, während unsere Bundespolitiker abends frisch frisiert durch die Talk-Shows tingeln? Ob man angesichts dieser Fragestellungen aber direkt dazu neigt, die gesamte Corona-Pandemie anzuzweifeln oder – noch gravierender – komplett zu leugnen, ist eher unwahrscheinlich.

Kein besonderer Schwerpunkt in Südwestfalen

Soll heißen: Kritische Fragen sollten unbedingt sein und zu einer gesunden demokratischen Auseinandersetzung mit Argumenten beitragen, die Pandemie mit über 40.000 Toten allein in Deutschland ins Reich der Fabel zu schieben, ist deutlich über das Ziel hinaus geschossen. Anders ausgedrückt: Das sind „Querdenken“-Gedanken. Und die kursieren auch in Bad Berleburg. Auf Anfrage der Siegener Zeitung erklärt Sprecher Tino Schäfer vom Staatsschutz Hagen, dass „wir die so genannte Querdenker-Bewegung natürlich auch im angefragten Bereich im Blick haben und entsprechende Aktivitäten beobachten“. Ein besonderer Schwerpunkt sei in Südwestfalen bzw. Bad Berleburg aber bisher nicht feststellbar.

„Die Schmierereien gehören entfernt“

Dennoch setzen die „Querdenker“ offenbar alles daran, im Stadtgebiet in unterschiedlicher Form sichtbar zu werden. Die Schmierereien auf der Fassade des ehemaligen Eins-A-Gebäudes an der Schulstraße ärgern Grünen-Fraktionssprecherin Susanne Bald schon seit Wochen. Die Botschaft, die dort verbreitet werde, sei nicht dazu angetan, die Akzeptanz für notwendige Corona-Maßnahmen zu erhöhen, argumentiert die Vertreterin der Öko-Partei. Deshalb dürfe sich die Stadt auch nicht hinter der Argumentation verstecken, dass es sich bei dem betroffenen Gebäude um eine private Immobilie handele: „Die Schmierereien gehören entfernt, ohne Wenn und Aber.“

Beleidigender und aggressiver Wortlaut

Bereits vor Monaten fand der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Bernd Weide „Querdenker“-Post in seinem Briefkasten – mit dem unmissverständlichen Hinweis, alle Maßnahmen zur Eindämmung der vermeintlichen Pandemie unverzüglich zu beenden. Der Sozialdemokrat hatte einen Verdacht, wie der Flugzettel in seinem Briefkasten gelandet sein könnte – Beweise indes nicht. Dennoch machte er den Vorfall öffentlich. Seit Monaten wird die Redaktion dieser Zeitung mit „Material“ aus der „Querdenker“-Szene regelrecht geflutet. Ein Bad Berleburger verbreitet sein Gedankengut und das aus einschlägigen Foren über die Messenger-Dienste WhatsApp und Telegram – und dies gerne in beleidigendem und aggressivem Wortlaut. „Lügenpresse“ und „Wahrheitsverdreher“ sind da noch die harmlosesten Formulierungen des bekennenden Maskenverweigerers. Oftmals rutscht das Vokabular auch in eine Zeit ab, die das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte bildet. Der ehemalige Mitarbeiter eines Verlages zwängt seine Meinung jedem Bürger auf, der sie – nicht – hören will. Ständig wiederholen sich Verschwörungstheorien. Am Wochenende schickte der Berleburger eine vermeintliche Aussage des japanischen Nobelpreisträgers Tasuku Honjo über die Herkunft des Coronavirus auf die Reise – die dieser aber nach eigener Darstellung nie gesagt hat. Egal, der Kettenbrief wurde auf unterschiedlichen Kanälen trotzdem verbreitet. Eigene Wahrheit, eigene Welt.

Kein bisschen Selbstkritik

Zweifel am eigenen Tun, ein Hauch von Selbstkritik? Natürlich nicht. Der „Querdenker“, der mit unterschiedlichen Mobiltelefonen arbeitet, schimpft täglich über den deutschen Staat – dessen Sozialleistungen er allerdings in der Vergangenheit gerne in Anspruch nahm. Ist es ein Zufall, dass der angesprochene „Querdenker“ ganz in der Nähe von Bernd Weides Briefkasten wohnt? Wohl kaum.

Autor:

Martin Völkel (Redakteur) aus Bad Berleburg

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