Ralph Giordano: »Werden sie politische Menschen«

Gestern morgen Appell an die Berleburger Realschüler

JG Bad Berleburg. »Sie sind alle vollkommen schuldlos an den Verbrechen. Lassen sie sich nicht anderes einreden. Es geht sie aber sehr wohl an.« Es waren klare Sätze, die gestern Morgen Ralph Giordano in der Berleburger Realschul-Aula an etwa 200 Acht-, Neunt- und Zehntklässler richtete. Und der Überlebende der deutschen Judenverfolgung gab den jungen Menschen noch etwas mit auf den Weg: »Wie sie später werden, das hat damit zu tun, wie sie angerührt werden von solchen Geschichten.«

Schul-Szenen aus den »Bertinis« gelesen

Solche Geschichten, das waren gestern vor allem zwei Passagen aus Giordanos autobiographischem Roman »Die Bertinis«. Textstellen, in denen sich Ralph Giordano an die eigene Schulzeit erinnerte und seine Erlebnisse seinen fiktionalen Klon namens Roman Bertini erleben ließ. Das eine war eine Szene aus dem Jahr 1933, als er und sein Bruder mit einem weiteren jüdischen Schüler aus dem Klassenverband deutlich herausgetrennt wurden. Ein Lehrer separierte die Juden mutwillig und plakativ aus der Gemeinschaft und machte erst damit die bisher kaum wahrgenommene Religions-Zugehörigkeit zu einem Unterscheidungsmerkmal.

»Und er staunte, dass er stehen konnte

Die zweite Szene spielte 1938, die Spannungen zwischen dem Lehrer und Ralph Giordanos literarischem Zwilling lässt der Lehrer rund um die Reichspogromnacht herum eskalieren. Der 15-jährige Roman empfindet seine lähmende Ohnmacht, flieht aus der Schule und hofft auf sein eigenes Ende im Wald. Doch nach fünf Tagen unter dem freien Himmel der Novemberkälte wird eine neue Energie in ihm geweckt: Er macht sich klar, dass er zu Unrecht und ohne Grund als Aussätziger behandelt wurde, die Kraft für einen neuen Willen zum Widerstand gegen eigentlich Übermächtige: »Und er sprang und staunte, dass er stehen konnte.«

Gleichaltrig, doch Lichtjahre auseinander

Auf sein Dilemma hatte Ralph Giordanos schon vor der Lesung hingewiesen. Er musste – und das war es, was der Überlebende den Toten des Holocaust als Lebensverpflichtung geschworen hatte – den Schülern von Dingen erzählen, die ihren Vorstellungs-Horizont überstiegen. Er erzählte zwar von einem 15-Jährigen von 1938, doch dieser hatte so unglaublich wenig gemein mit den 15-Jährigen, die Ralph Giordano gestern in Berleburg zuhörten. Und trotzdem hörten sie dem alten Mann zu, der in jedem Satz und mit jeder Geste klar machte, das er es ernst meinte, wenn er die Zuhörer ansprach mit »meine lieben jungen Freunde«.

Lebenswichtig: »angstfreie Gespräche«

Und am Ende zog er aus der totalitären Bedrohung, die er selbst vor 60, 70 Jahren erfuhr, eine nachzuvollziehende Lehre für die Gegenwart. Antisemitismus, Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit richte sich nur scheinbar allein gegen Juden, Fremde oder Ausländer. In Wirklichkeit und auf lange Sicht richte sich das gegen jeden, der nur eine Handbreit abweiche von der Norm und ihrem Geist. Und deshalb sei es das höchste Gut, dass man »angstfreie Gespräche« führen könne – auch bei unterschiedlichen Meinungen, die es in einer menschlichen, einer demokratischen Gesellschaft immer gebe und sogar geben müsse: Und um diese angstfreien Gespräche zu ermöglichen, richtete der Alte einen Appell an die Jungen: »Werden sie zu politischen Menschen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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