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Helfer im Ahrtal
Rolf Benfer aus Dotzlar berichtet von seinem Einsatz

Wir, Birgit, Hiltrud, Rolf (v. l.), beginnen unseren  Arbeitseinsatz am steilen Kellereinstieg in Dernau.
  • Wir, Birgit, Hiltrud, Rolf (v. l.), beginnen unseren Arbeitseinsatz am steilen Kellereinstieg in Dernau.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Michael Sauer

sz Dernau/Wittgenstein. Der zweite Arbeitseinsatz im Ahrtal steht bevor. Mein Auto ist vollgepackt mit sechs gespendeten Trocknungsmaschinen, mit Arbeitsklamotten und zwei Mitfahrerinnen: meiner Frau Birgit und meiner Schwester Hiltrud, die im Ruhrgebiet wohnt, seit Jahren die Ahr bewandert und den Ahrwein so sehr mag. Eingepackt ist auch ein Umschlag mit Geldspenden einiger Wittgensteiner. Und die Zusage von Sandra vom Jugendförderverein: „Für weitere Fahrten stellen wir auch wieder den Bus des Vereins zur Verfügung!“ Kleider-, Geschirr- und eine mobile Duschspende bleiben vorerst in meiner Kladde notiert für spätere Zeiten. Birgit und Hiltrud stockt der Atem, als wir von Esch runter ins Ahrtal fahren. Ja, Fernsehbilder sind das eine, aber „live“ ist hart.

sz Dernau/Wittgenstein. Der zweite Arbeitseinsatz im Ahrtal steht bevor. Mein Auto ist vollgepackt mit sechs gespendeten Trocknungsmaschinen, mit Arbeitsklamotten und zwei Mitfahrerinnen: meiner Frau Birgit und meiner Schwester Hiltrud, die im Ruhrgebiet wohnt, seit Jahren die Ahr bewandert und den Ahrwein so sehr mag. Eingepackt ist auch ein Umschlag mit Geldspenden einiger Wittgensteiner. Und die Zusage von Sandra vom Jugendförderverein: „Für weitere Fahrten stellen wir auch wieder den Bus des Vereins zur Verfügung!“ Kleider-, Geschirr- und eine mobile Duschspende bleiben vorerst in meiner Kladde notiert für spätere Zeiten. Birgit und Hiltrud stockt der Atem, als wir von Esch runter ins Ahrtal fahren. Ja, Fernsehbilder sind das eine, aber „live“ ist hart.

Noch können wir nicht ahnen, was sich nachher abspielen wird in Kopf und Herz. Im Tante-Emma-Laden erhalten die Dernauer alles, was fürs Überleben notwendig ist, von der Hose über Zahnpasta bis hin zu den Trocknungsmaschinen, die ich im Zelt deponiere. Für uns steht Kaffee bereit, und einige Kekse futtern wir in der Morgenkälte. Privathilfe heute statt anonym im Hotel in Mayschoss zu arbeiten, denn Kai schickt uns an die Römerstraße. Dort treffen wir Hausbesitzer Gregor, dem wir zur Hand gehen sollen. „Eigentlich hab’ ich erst in vier Tagen mit Helfern gerechnet“, meint Gregor sichtlich überrascht und ist etwas verunsichert.

Helfer im Ahrtal: Kellerräume voller Schlamm

„Was können wir helfen?“ Er zeigt uns die Flutschäden: Kellerräume voller Schlamm, das Wasser stand bis zur zweiten Etage. Martina, Gregor und ihr Mieter überlebten mit dem Notwendigsten am Leibe. Den Mieter hatten sie in der Flutnacht aus seiner Wohnung gerettet, indem sie das Dach aus ihrem dritten Stock seiner über der Garage aufgebauten Wohnung abgedeckt haben und ihn mit vereinten Kräften nach oben gezogen haben. Wir nehmen Anteil. Sven, der neue Einsatzleiter, kommt vorbei. Wir reden unter vier Augen: „Bitte sorgsam mit Gregor umgehen. Er ist noch tief im Tunnel der Ereignisse!“ Ja, da ist er bei uns in den richtigen Händen. Er soll entscheiden, wie und was weggeworfen wird.

Da alle Etagen leergeräumt sind, muss jetzt im Keller nach privaten Dingen geschaut werden. Die steile Abfahrt zum Keller räumen wir frei. Sven besorgt einen Container, der ist schnell vollgepackt. Am Abend werden es drei volle Containerladungen sein, die wir mit Hilfe von weiteren Helfern „vollmüllen“. Wir finden tief unter dem Schlamm Gregors Gesellenstück als Metaller: eine toll geschmiedete Lampe. Auch Großvaters Meisterbrief taucht verschmutzt auf. Emotion pur. Wir nehmen uns die Zeit, Gregor zuzuhören. Geschichte und Geschichten. Sven verjagt professionelle „Jäger und Sammler“, die die Not der Bewohner noch ausnutzen wollen. Ja, auch das gibt es. Hiltrud wird es schummerig. Ihr Blutzuckerspiegel ist unten. Essen und Trinken nicht vergessen. In der Eventhalle kann man sich den ganzen Tag stärken. Hier können Dernauer und Helfer eine Pause einlegen und miteinander plaudern. Gregor meint, Bürgermeister Fred habe nach der Flut eine tolle Idee gehabt. Er habe seinen Bürgermeisterkollegen in Pirna (Elbe) angerufen, dort hatte das Hochwasser 2013 gewütet. Dadurch konnte er hier Hilfsstrukturen anlegen, von denen die Bürger und Helfer jetzt profitieren. Was passiert wohl mit Gregors Haus? Es soll abgerissen werden. Wird er an dieser Stelle neu bauen? „Ich würde gerne, aber meine Frau wäre lieber oben auf dem Berg.“

Helfer im Ahrtal: Rolf Benfer erinnert sich

Obwohl er schon einmal den halben Weinberg nach einem Bergrutsch in seinem Keller hatte. Aber Gregor ist verwurzelt. Wer ist das nicht? Bin ich auch. Als unser Haus 1976 in Dotzlar abbrannte, mussten wir auch irgendwo hin. Sechs Monate haben wir bei Nachbarn gewohnt, dann ein Haus an anderer Stelle, aber in Dotzlar, wieder aufgebaut. Schicksalsschlag. Und tolle Nachbarschaftshilfe! Vielleicht stehen wir deshalb den Ahrtalern so sehr nahe. Als der Arbeitstag zu Ende geht, nehmen wir Abschied von den anderen Helfern, die jetzt mit dem Shuttle wieder nach Grafschaft zurückfahren. Mit Gregor, dem es jetzt sichtlich besser geht als heute morgen, und der so wahnsinnig dankbar für unser aller Hilfe ist, gehen wir noch einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen.

Als unser Haus 1976 in Dotzlar abbrannte, mussten wir auch irgendwo hin.
Rolf Benfer
Helfer aus Dotzlar

Wir drücken uns, tauschen Handy-Nummern aus und bleiben in Kontakt. Gerade beim Schreiben dieser Zeilen lädt uns Gregor ein zum „Wandern für den Wiederaufbau“ an den weiteren Wochenenden im Oktober. Mit Busshuttle ab Grafschaft-Gelsdorf. Vielleicht trinken wir ja dort ein Gläschen Wein miteinander, sozusagen als „Aufbau-Hilfe.“ Für alle Beteiligten.

Autor:

SZ Redaktion aus Siegen

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