»Russische Seele« ist kein Klischee

Eindrucksvolle Fotografien von Gerd Ludwig im Museum der Stadt Bad Berleburg

zel Bad Berleburg. Da hat sich was getan in Russland. Da gab es den GAU im Atomkraftwerk, da küssen sich Menschen einen kurzen Moment im Zug, da wird jetzt Benetton verkauft, da haben acht Kinder jeweils einen verkrüppelten linken Arm, da taucht eine Frau in einen Mülleimer ab, da riskieren sie im Kohlebergwerk ihr Leben, da guckt die Jugend MTV, da hat eine Stalin-Statue die Augen mit einem roten Tuch verbunden, da verkaufen Weihnachtsmänner Cola an Passanten, da wird mit Wodka gepicknickt. Da hat sich was getan.

Was genau, das zeigt die Ausstellung »Russland – eine Weltmacht im Wandel« des Fotografen Gerd Ludwig, die am Donnerstag im Museum der Stadt Bad Berleburg eröffnet wurde. Sie macht dort im Rahmen des Berleburger Literaturpflasters Station, dessen Thema bekanntlich – wie auch das Gastland der Buchmesse –Russland ist.

Gerd Ludwig ist ein international renommierter Fotograf. Er arbeitet für »National Geographic«, hat für andere bekannte Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland fotografiert, darunter »Stern« oder »Geo«. Seinen Werdegang und seine fotografische Herangehensweise an das große Land Russland, das den Betrachter ebenso euphorisieren wie deprimieren kann, schilderte Christiane Gehner, Bildredakteurin des »Spiegel«, die in das Werk des ihr gut bekannten Fotografen einführte. Für sie fast ein Heimspiel: Christiane Gehner besuchte das Gymnasium in Bad Berleburg und absolvierte hier eine Schriftsetzerlehre, bevor sie zur Kunstschule nach Hamburg ging, um Grafik-Design zu studieren. Auch sie hat – wie Ludwig - für namhafte Magazine gearbeitet: »Geo«, »Stern«, »Merian« und »National Geographic«. Der Begriff von der »Russischen Seele« ist kein Klischee. Gerd Ludwig, 1947 im hessischen Alsfeld geboren und jetzt in Los Angeles lebend, macht sie sichtbar. In seinen großformatigen Prints zeigt er Menschen, die zwischen Kommunismus und Kapitalismus (über-)leben: die junge Frau mit knackigem Po in der engen Hose und mit dem Handy am Ohr ebenso wie den kleinen Kadetten in seiner Uniform mit der übergroßen Mütze auf dem Kopf. Armut und Obdachlosigkeit ist ebenso ein Thema wie das Leben der Bohème in den Jazz-Clubs oder den Dichter-Zirkel, in dem wieder frei gesprochen werden darf. Außen und innen, Umwelt und Gefühl - Gerd Ludwig erfasst beides.

Umweltsünden – das Wort ist nicht groß genug für die Vorgänge, die sich in der ehemaligen Sowjetunion ereignet haben und ereignen. Kinder werden blind und missgebildet geboren, eines der eindrücklichsten Bilder Ludwigs hängt im Treppenaufgang des Museums: Acht Kinder aus zwei Moskauer Bezirken, nur mit weißen Unterhosen bekleidet, stehen nebeneinander, jedes hat einen missgebildeten linken Arm. Ludwig zeigt »Landschaftsbilder«, die jeder Romantik entbehren: Ein Gewässer in der Nähe eines Ölfelds bei Baku/Aserbeidschan, das mit einer Schicht aus Öl und Chemikalien überzogen ist, den zu großen Teilen vertrockneten Aralsee in Kasachstan, auf dessen Grund Kamele ziehen. Und dann wieder die Menschen, die versuchen, aus der desperaten wirtschaftlichen Situation noch das Beste zu machen, zu feiern, zu lachen, einen Moment der Ruhe zu genießen.

Im Zeitalter der digitalen Fotografie sich die Freude am analogen Abzug erhalten: Das wünschte sich Christiane Gehner, und sie weiß als Fachfrau, wovon sie spricht. Ludwigs Prints seien extrem teure und gute Handabzüge, vom Fotografen selbst autorisiert. Die »Russland«-Ausstellung hat in Berleburg ihre Deutschlandpremiere, wie Ortsvorsteher Hermann Kaiser in seiner Begrüßung erklärte. Davor war sie nur in Los Angeles und in Frankreich zu sehen, von Bad Berleburg aus geht sie an die Fotogalerie der VHS in Stuttgart. Bis zum 2. November lässt sich »Russland – Eine Weltmacht im Wandel« in Bad Berleburg entdecken. Dawai, dawai! Es lohnt sich!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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