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Latrop wartet auf NRW-Umweltministerin
Schmallenberg: Dorf wehrt sich gegen die Wisente

Die Latroper ließen ihrem angesammelten Frust freien Lauf. Auf vielfältige Art und Weise machten sie deutlich, was sie von der Fortsetzung des Wisent-Projektes auf Schmallenberger Gebiet halten.  Fotos: Martin Völkel
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  • Die Latroper ließen ihrem angesammelten Frust freien Lauf. Auf vielfältige Art und Weise machten sie deutlich, was sie von der Fortsetzung des Wisent-Projektes auf Schmallenberger Gebiet halten. Fotos: Martin Völkel
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vö Latrop. Die Botschaft des Mediengespräches am Freitagmorgen im Dorfhaus vor rund 50 Zuhörern konnte eindeutiger nicht sein: Der kleine Schmallenberger Stadtteil Latrop möchte die Wisente nicht haben. Nicht in einem Übergangs-Areal und nicht auf Sauerländer Seite. „Latrop wehrt sich“ und „Wittgenstein will sie nicht mehr haben, uns aber nicht mal fragen“ stand in großen Buchstaben an den Wänden des Dorfhauses zu lesen.

NRW-Umweltministerin kommt

Hintergrund: Bis zur Entscheidung, ob das Wisent-Projekt im Rothaargebirge eine Zukunft hat oder nicht, leben die Wisente in einem 840 Hektar großen Übergangs-Areal. 140 Hektar davon befinden sich auf Wittgensteiner Seite, 700 Hektar rund um Latrop.

Latrop. Die Botschaft des Mediengespräches am Freitagmorgen im Dorfhaus vor rund 50 Zuhörern konnte eindeutiger nicht sein: Der kleine Schmallenberger Stadtteil Latrop möchte die Wisente nicht haben. Nicht in einem Übergangs-Areal und nicht auf Sauerländer Seite. „Latrop wehrt sich“ und „Wittgenstein will sie nicht mehr haben, uns aber nicht mal fragen“ stand in großen Buchstaben an den Wänden des Dorfhauses zu lesen.

NRW-Umweltministerin kommt

Hintergrund: Bis zur Entscheidung, ob das Wisent-Projekt im Rothaargebirge eine Zukunft hat oder nicht, leben die Wisente in einem 840 Hektar großen Übergangs-Areal. 140 Hektar davon befinden sich auf Wittgensteiner Seite, 700 Hektar rund um Latrop. Diese Variante ist Gegenstand eines Kompromisses, der in der Steuerungsgruppe des Projektes vereinbart worden war und den Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser mit initiiert hatte. Die Christdemokratin wird am kommenden Mittwoch, 26. Februar (ab 17 Uhr in der Stadthalle), zu einer Informationsveranstaltung in Schmallenberg erwartet – auf Einladung der Stadt Schmallenberg.

Projekt für gescheitert erklärt

Eine hervorragende Gelegenheit für die Latroper, um der Ministerin ihre Sicht der Dinge zu schildern – und sie davon zu überzeugen, das Projekt schnellstmöglich zu stoppen. Am Freitag sprach Ulrich Lutter, 1. Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Latrop, von einer „aus unserer Sicht völlig unnötigen Pressekonferenz“, die nur deshalb stattfinde, weil der Bad Berleburger Bürgermeister der Auffassung sei, über Schmallenberger Stadtgebiet verfügen zu können. Die Schmallenberger Seite habe von Beginn an deutlich gemacht, dass man gegen das Projekt sei. Ulrich Lutter fand überaus deutliche Worte: „Mit Prinz Richard ist die treibende Kraft des Projektes verstorben, und mit ihm ist die Auswilderung der Wisente in Bad Berleburg gestorben.“ Der Erbverwalter des fürstlichen Hauses in Bad Berleburg sei nicht länger bereit, die Wisente auf den Flächen der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer zu dulden, so dass die Tiere jetzt nach Latrop abgeschoben werden sollten. „Wenn die Flächen in Bad Berleburg nicht mehr zur Verfügung stehen, ist das Projekt auf ganzer Linie gescheitert.“

„Karnevalistischen Scherz"

Ulrich Lutter sprach von einem „karnevalistischen Scherz, ein größerer Zoo auf Schmallenberger Gebiet“. Nach Schätzungen würden jährlich 7000 bis 10 000 Bäume beschädigt. In Latrop habe niemand etwa gegen Wisente, aber vor den Folgen des Projektes habe man schon lange gewarnt. Die Meinung in Schmallenberg sei unmissverständlich. Dem Vorsitzenden war es wichtig, „dass hier niemand etwas gegen Wittgensteiner, Berleburger oder Wingeshäuser hat“. Allerdings sei man bei diesem Thema grundlegend unterschiedlicher Meinung.

Urda Wiese, 1. Vorsitzende des Fördervereins Latrop, gab zu bedenken, dass das Interesse des Projektes ausschließlich auf Wittgensteiner Seite liege. Die Schälschäden an den Bäumen summierten sich auf jährlich 100 000 Euro, allein außerhalb des Projektes seien 10 000 Bäume betroffen. Ursprünglich sei das Projekt mit 25 Tieren für eine Fläche von 4300 Hektar angelegt gewesen, nun seien es 32 Tiere für 840 Hektar. Und: „Es wird ein Zaun gebaut, der weit über 1 Mill. Euro kostet, Rückbau und Kontrolle nicht inbegriffen.“ Leitragender sei der Steuerzahler. Vom Missbrauch eines anerkannten FFH-Gebietes einmal ganz abgesehen.

Verabredungen missachtet

Georg Feldmann-Schütte aus Oberkirchen, der als Waldbauer seit sechs Jahren gegen den Wisent-Trägerverein klagt, kritisierte, dass die Verantwortlichen schon mehrfach gegen getroffene Verabredungen verstoßen hätten. Aus seiner Sicht liege die Situation auf der Hand: „Wir haben ein Projekt ohne Projektgebiet, einen Viehhalter ohne Fläche. Damit ist das Projekt unmöglich.“ Auch das Übergangs-Gatter werde nicht zu einer Befriedung des Projektes auf beiden Seiten beitragen. Die privaten Waldbesitzer auf Schmallenberger Seite wollten die Wisente nicht auf ihrem Grund und Boden haben – deshalb gehöre das Projekt eingestampft, und zwar sofort.

Vertrauen zerstört

Karsten Drews-Kreilman, der sich als Vertreter der Waldbauern im Hochsauerland vorstellte, betonte, dass der Wisent-Trägerverein in den vergangenen Jahren viel Vertrauen zerstört habe. Zusagen seien nicht eingehalten worden, da müsse man sich nur an den imaginären Zaun erinnern, der nie realisiert worden sei: „Totaler Quatsch.“ Das Projekt sei schon deshalb gescheitert, weil die Herde überhaupt nicht die Möglichkeit habe, sich zu durchmischen. „Das ist Inzucht pur, was hier passiert. Ein genetischer Austausch findet nicht statt.“ Die Probleme lägen ja auf der Hand, jeder Wisent benötige 80 Kilogramm Futter am Tag. „Das Projekt hat nicht funktioniert, es wird auch in Zukunft nicht funktionieren. Man sollte die Tiere, dort hin schicken, wo sie her kommen: nach Polen.“

Verzerrte Wahrnehmung

Rudolf Grobbel ärgerte sich als 1. Vorsitzender des Gesamtverkehrsvereins Schmallenberger Sauerland und Eslohe darüber, dass er die Sichtweise auf Wittgensteiner Seite zwar nachvollziehen könne, „es aber offenbar nicht akzeptiert wird, wenn jemand anderer Meinung ist“. Die Wirklichkeit werde nicht mehr wahrgenommen, so der Gastronom. Er finde es sehr schön, was rund um Aue und Wingeshausen passiere, so Rudolf Grobbel, „seither wird in Wingeshausen auch mal eine Ruhebank erneuert oder gestrichen“.

Unter dem Strich sei die Situation so, dass kein Übernachtungsgast allein wegen der Wisente in die Region komme: „Im Blumenstrauß der Attraktionen ist das Wisent-Projekt eine Blüte – mehr nicht.“ Und die frei lebenden Tiere, die überhaupt kein Fluchtverhalten zeigten, würden von Gästen mit großer Angst und Sorge aufgenommen.

Sauerländer sauer

Rechtsanwalt Hartmut Schauerte, der mehrere Waldbauern aus dem Raum Olpe und dem Hochsauerland vertritt, hielt es für „absurd“, dass Projektverantwortliche über Maßnahmen im Schmallenberger Sauerland entscheiden wollten. Der frühere Bundestagsabgeordnete prognostizierte, „dass der Schanzer Wald bei Latrop spätestens nach drei oder vier Jahren nicht mehr wiederzuerkennen ist“.

Die Latroper ließen ihrem angesammelten Frust freien Lauf. Auf vielfältige Art und Weise machten sie deutlich, was sie von der Fortsetzung des Wisent-Projektes auf Schmallenberger Gebiet halten.  Fotos: Martin Völkel
Ulrich Lutter (l.) und Max Hanses von der Dorfgemeinschaft Latrop machten ihrem Ärger beim Mediengespräch am Freitagmorgen Luft.
Autor:

Martin Völkel (Redakteur) aus Bad Berleburg

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