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Amtsgericht Bad Berleburg
Schweigen ist nicht immer Gold

Ein junger Mann aus Bad Berleburg kam noch einmal mit einer Jugendstrafe davon. Symbolbild: Archiv
  • Ein junger Mann aus Bad Berleburg kam noch einmal mit einer Jugendstrafe davon. Symbolbild: Archiv
  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

tika Bad Berleburg. Das Verhalten des Angeklagten mutete durchaus eigenartig an. Eine erste Verhandlung vor dem Amtsgericht in Bad Berleburg vertagte Richter Torsten Hoffmann um zwei Stunden – nicht zuletzt, um es mit einer weiteren Tat zu verhandeln. Es ging um den illegalen Erwerb von Betäubungsmitteln. „Was soll ich da abstreiten?“, hatte er auf die Frage des Vorsitzenden entgegnet, ob er die Tat gestehen wolle. Später sollte er schweigen – und nahm damit eine Verzögerung des Prozesses zumindest billigend in Kauf, denn die geladenen Zeugen hatten das Gericht inzwischen wieder verlassen. Positiv wirkte sich dies nicht auf das spätere Urteil aus.

tika Bad Berleburg. Das Verhalten des Angeklagten mutete durchaus eigenartig an. Eine erste Verhandlung vor dem Amtsgericht in Bad Berleburg vertagte Richter Torsten Hoffmann um zwei Stunden – nicht zuletzt, um es mit einer weiteren Tat zu verhandeln. Es ging um den illegalen Erwerb von Betäubungsmitteln. „Was soll ich da abstreiten?“, hatte er auf die Frage des Vorsitzenden entgegnet, ob er die Tat gestehen wolle. Später sollte er schweigen – und nahm damit eine Verzögerung des Prozesses zumindest billigend in Kauf, denn die geladenen Zeugen hatten das Gericht inzwischen wieder verlassen. Positiv wirkte sich dies nicht auf das spätere Urteil aus.

Denn dem 19-jährigen Bad Berleburger legte Staatsanwältin Inga Happe nicht nur den illegalen Erwerb von Betäubungsmitteln zur Last, sondern auch gemeinschaftlichen Widerstand gegen die Staatsgewalt in einem besonders schweren Fall. Im Gerichtssaal saßen zunächst noch zwei Mitangeklagte, die Ende Oktober 2018 ebenfalls Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet, eine andere Person durch Gewalteinwirkung geschädigt und die anwesenden Beamten außerdem beleidigt haben sollen. Vorgefallen sein soll dies an einem Abend im Rathauspark in Bad Berleburg. Die beiden Frauen – eine 17-jährige Schülerin und eine 22-jährige Arbeitslose jeweils aus Bad Berleburg – müssen sich für diesen Vorwurf allerdings zu einem späteren Zeitpunkt verantworten. Der Grund: Die Schülerin war mit Magen-Darm-Beschwerden im Gericht erschienen, Richter Torsten Hoffmann erklärte sie für verhandlungsunfähig.

Deshalb muss sich die 17-Jährige später noch für einen Vorfall verantworten, für den der 19-jährige Mann am Freitag bereits ein Urteil hörte: Mitte Oktober 2018 hatten sie auf dem „Sonnenschein“-Spielplatz in Bad Berleburg nach einer Rangelei, an der mehrere Jugendliche beteiligt waren, Widerstand gegen die hinzugerufenen Polizeibeamten geleistet. Nach der Rangelei waren diese dort am Abend erschienen, auf dem Spielplatz stand viel Unrat, darunter zahlreiche geleerte Alkoholika. „Die beiden Angeklagten waren alkoholisiert, aber absolut aufnahmefähig“, erklärte einer der Polizeibeamten.

Die Polizisten nahmen die Personalien aller Beteiligten auf, die 17-Jährige weigerte sich aber, diese anzugeben. „Sie sagte, dass sie keinen Personalausweis dabei habe. Weil wir keine weibliche Kollegin dabeihatten, konnten wir sie nicht durchsuchen“, erklärte der 26-jährige Polizist. Sein Kollege hatte die Handtasche der jungen Frau eingefordert, die dieser ihr letztlich aber entreißen musste. „In der Handtasche war aber auch kein Personalausweis“, erklärte der 58-jährige Polizist. Also kündigten die Beamten an, sie mit auf die Wache nehmen zu müssen, um ihre Personalien festzustellen, der ältere Polizist hielt sie wegen Fluchtgefahr fest.

Die Schülerin machte deutlich, dass sie nicht in den Streifenwagen einsteigen würde. Derweil schubste der 19-Jährige den Polizeibeamten, der die 17-Jährige daraufhin losließ und sich dem Mann widmete. „Lass’ sie sofort los, sonst passiert etwas“, rief der 19-Jährige dem Beamten zu. Letzterer schubste den Angreifer daraufhin zu Boden und wollte die Schülerin dann zum Streifenwagen führen. Daraufhin versuchte der junge Mann den Polizeibeamten hinterrücks anzugreifen – sein jüngerer Kollege setzte Pfefferspray ein und klärte die Situation auf diese Weise. Die bis dahin „aggressive Stimmung“ auf dem Areal kühlte etwas ab.

Jener 26-jährige Polizist war es auch, der den 19-jährigen im März 2018 am Bahnhof aufgegriffen hatte, nachdem er und ein weiterer Mann Rauschgift gekauft haben sollten (siehe Extrakaste). Der illegale Erwerb war dem Angeklagten ob des Schweigens nicht nachzuweisen, der Besitz aber schon. Insgesamt 0,4 Gramm Haschisch hatte er mit sich geführt, wohl zum Eigenkonsum, denn daraus hatte er bei der Jugendgerichtshilfe sowie in der Betreuung beim Verein „Brücke“ keinen Hehl gemacht. Dort ist er seit einer Verurteilung im vergangenen Januar regelmäßig vor Ort – eine Anweisung des Gerichts, ebenso wie 50 Sozialstunden, die er dort binnen drei Monaten abzuleisten hatte. Er verrichtete sie in nur vier Wochen. Eine Tatsache, die eine These von Beate Welling stützte. „Er redet gern über seine Arbeit, sie gibt ihm Struktur und Stabilität“, erklärte die Betreuerin vom Verein „Brücke“. Denn seitdem er dort zunächst wöchentlich, seit Sommer 14-tägig vorstellig wird, hat sein Lebenswandel eine Zäsur erfahren.

Nach einer Orientierungsphase hatte sich der Mann mit Realschulabschluss, aber ohne Ausbildung in einem Fast-Food-Restaurant in Bad Berleburg beworben – und dort auch eine Stelle erhalten. Zudem hält er die Termine in der Betreuung ein, ebenso bei der Jugendgerichtshilfe. Und dies trotz äußerst flexibler Arbeitszeiten. „Er befindet sich auf einem positiven Weg, aber er hat noch Entwicklungsbedarf. Sein Betäubungsmittelkonsum ist rückläufig, er versucht derzeit eine Kfz-Erlaubnis zu erwerben, hat eine Arbeit und gibt selbst an, dafür einen klaren Kopf zu benötigen. Zudem distanziert er sich von seinen bisherigen Freunden“, erklärte Tanja Vollmer. Die Frau von der Jugendgerichtshilfe hatte aber auch eine Vermutung dafür, warum der Angeklagte plötzlich – anders als zunächst angekündigt – schwieg. „Es ist bedauerlich, dass er sich nicht äußern möchte. Er hat sich von den beiden mitangeklagten Damen manipulieren lassen“, erklärte Tanja Vollmer.

Entscheidend für sie war aber etwas anderes: „Er hat jetzt realistische Zukunftspläne“, sagte Tanja Vollmer, die zudem nicht zu einer Suchtberatung riet, damit der Angeklagte seinem zeitaufwendigen Job nachgehen kann. Genau dies sollte das Gericht in seinem Urteil berücksichtigen und den Angeklagten noch einmal nach Jugendstrafrecht verurteilen: Richter Torsten Hoffmann verhängte eine Geldbuße in Höhe von sechs Mal 100 Euro – in Summe also 600 Euro – und eine Verlängerung der Betreuungszeit bis Mitte 2020. Dieser Weisung des Richters hatte der Angeklagte ohnehin schon vorab zugestimmt und vielmehr sich genau dies gewünscht.

Torsten Hoffmann folgte damit zugleich dem Plädoyer von Staatsanwältin Inga Happe, die ebenso wie er berücksichtigte, dass der Angeklagte zur Tatzeit noch nicht vorbestraft war. „Aber das Gesamtverhalten vor Gericht ließ keine große Einsicht erhaschen“, monierte Inga Happe. Entsprechend erging die Jugendstrafe wegen gemeinschaftlichen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte sowie des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln. Erschwerend kam das Schweigen hinzu. „Begehen Sie weitere Straftaten, müssen Sie zukünftig mit freiheitsentziehenden Maßnahmen rechnen“, mahnte Richter Torsten Hoffmann.

Autor:

Timo Karl (Redakteur) aus Erndtebrück

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