Seitenhiebe gegen die Gesellschaft

Bad Berleburg: Literaturkurs des Gymnasiums inszenierte Klassiker von Dario Fo

hasi Bad Berleburg. Alle Jahre wieder – kurz vor dem letzten Schultag eines jeden Jahres – ist es im Bad Berleburger Gymnasium wieder so weit: Nach einem für alle Beteiligten aufreibenden Kampf mit Texten, Stellungen und Regieanweisungen schafft es der Literaturkurs der Jahrgangsstufe 12 unter Leitung von Otto Marburger und seinem stets unterstützenden Co-Regisseur Walter Pieschl, die Berleburger Kulturszene um zwei Aufführungen eines internationalen Theaterstücks zu bereichern.

Diesmal war die Wahl der 17 mutigen Gymnasiasten auf Dario Fos Klassiker »Er hatte zwei Pistolen und seine Augen waren schwarz und weiß« gefallen. Eine sommerlich leichte Komödie um das alt bekannte dramatische Spiel der Verwechslungen, dessen Fos typische Tiefgründigkeit sich erst auf den zweiten Blick erschließt und dessen komplex-absurde Geschichte auch nach dem letzten Fall des Vorhangs den Zuschauer mit einem Fragezeichen im Kopf nach Hause entlässt. Wie bei Brechts »Dreigroschenoper« benutzt auch Fo das Gangster-Milieu, um seine sozialkritischen Anspielungen zu transportieren, doch ohne dabei wie Brecht den moralischen Zeigefinger stets dem Zuschauer vor Augen zu halten.

Vielmehr benutzt der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1997 die ihm eigene Art der Respektlosigkeit gegenüber staatlichen Institutionen, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Dabei bleiben diverse Seitenhiebe gegen nahezu alle gesellschaftlichen Schichten beileibe nicht aus. Die Geschichte beginnt im Jahr 1918 und spielt irgendwo in Dario Fos Heimat, in Oberitalien. Luisa (Stefanie Meister) glaubt in einem an totaler Amnesie leidenden Mann (Felipe Gerhard) ihren Freund und Ganoven Giovanni Gallina wieder zu erkennen. Bei ihr zu Hause fällt ihr allerdings sofort die Verwandlung ihres machohaft unfreundlichen Freundes zum höflich, zuvorkommenden Kavalier auf, die sie erst erfreut und nach einigen Rückfällen in sein altes Verhaltensmuster allerdings in den Wahnsinn treibt.

Bis sie erkennen muss, dass ihr richtiger Giovanni (Florian Miß) von der Front nach Hause zurückgekehrt ist und wie gewohnt seinen Gaunereien nachgeht und der vermeintlich freundliche Giovanni sich nur als ein perfektes Ebenbild ihres Mannes rausstellt, der zu allem Überfluss tatsächlich vollkommen ohne Erinnerung ist. Als auch der echte Giovanni dies erkennt, beginnt der Gauner natürlich sofort, seinen Vorteil aus diesem doppelten Spiel zu ziehen. Statt alles zu entschlüsseln, hält er den falschen Giovanni auf seinem Dachboden fest und kassiert auch noch dessen Kriegsrente. Als nach mittlerweile sieben Jahren Kommissar Piero (Sebastian Scheffler) die kleinkriminellen Exzesse von Giovanni nicht mehr tragen kann, kommt es, nach einer blutigen Szene in einer Bar, an der besonders der Auftritt von Harald Hof als verkleideter Polizist in Erinnerung bleibt, zum Showdown, als er Giovanni verhaften möchte.

Dieser hat nun die nicht unclevere Idee, den falschen Giovanni zu erschießen um dessen Leiche als seine eigene auszugeben und um so dem Gefängnis zu entgehen. Schließlich ist auch ein Giovanni tot und das Verwechslungsspiel beginnt von neuem, so dass auch dem Zuschauer unklar ist, wohin dies führen soll. Der nun noch lebende Giovanni beginnt nach einer kurzen Auszeit direkt mit der Neuordnung seines Gangsterlebens, in dem er alle Gangster zusammenruft, um mit ihnen eine Gewerkschaft zu gründen, die erst einmal alle Ganoven zum Streik aufruft. Das Ziel dieser scheinbar absurden Verbindung besteht nun darin, der Gesellschaft ihre eigene Ambivalenz im Umgang mit der Kriminalität vor Augen zu führen. Denn im Zuge des andauernden Gangsterstreiks müssen plötzlich die Bürger und vor allem die Polizei erkennen, wie abhängig sie und viele andere von der Kriminalität sind, die sie sonst so verteufeln.

Stück wird heute wiederholt

Die Gewerkschaft der Ganoven will damit eine gesetzliche Sicherung erstreiten. Wer nach diesem kleinen Einblick mehr über die beiden Giovannis und ihre abstrusen Ideen wissen möchte, hat heute Abend noch einmal Gelegenheit. »Er hatte zwei Pistolen und seine Augen waren schwarz und weiß« ist in der Aula des Berleburger Gymnasiums zu bestaunen. Beginn: 20 Uhr.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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