»Sie verlassen uns alle«

Wittgensteiner Christen verabschiedeten gestern Berleburgs katholischen Pastor Albert Filthaut

JG Bad Berleburg. »Und wann wirst du aufgehängt?«, fragte einst ein Kommunionskind Pastor Albert Filthaut, nachdem es die Foto-Galerie der früheren katholischen Geistlichen Berleburgs im Gemeindehaus gesehen hatte. Gestern war es soweit, die Lücke wurde geschlossen. Gestern wurde das Bild von Albert Filthaut – die erste Farbaufnahme der Reihe – aufgehängt, denn gestern war nicht nur sein 68. Geburtstag, sondern auch sein letzter Arbeitstag in Bad Berleburg. Nicht jeder Besucher der katholischen Kirche Bad Berleburg bekam einen Sitzplatz in den langen Bankreihen. Proppenvoll war das Gotteshaus, denn viele wollten sich verabschieden von ihrem Pfarrer – sechsundzwanzigeinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt im verschneiten Wittgenstein des Winters 1976/77. Schon vor seiner offiziellen Amtseinführung verheiratete er damals mit seinem evangelischen Kollegen Alfred Burkardt ein Ehepaar ökumenisch, und die Ökumene war denn auch für ihn ein wichtiges Anliegen in der Wittgensteiner Diaspora, wo die Katholiken über den Daumen zwölf Prozent der Bevölkerung stellen.

Debus: »Brüder in dem einen Herren«

Und so kam es nicht von Ungefähr, dass nach dem Festhochamt Hans-Jürgen Debus im evangelischen Talar in der katholischen Kirche sprach. Der Superintendent des Wittgensteiner Kirchenkreises betonte, es sei für ihn eine Ehre, hier zu reden. Albert Filthaut sei ein »verlässlicher Garant des Miteinanders« gewesen. Und obwohl sie sich in ihrem Amtsverständnis ganz eindeutig unterschieden hätten, wie nicht anders zu erwarten zwischen evangelisch und katholisch, habe er eines stets deutlich gespürt: Albert Filthaut und er, sie seien »Brüder in dem einen Herren«. Und wenn er jetzt gehe, dann sei das nicht nur für die Katholiken ein Abschied: »Sie verlassen uns alle.«

Sein »Herzlich willkommen« war ehrlich

In der Feierstunde nach dem Hochamt erinnerte sich Claudia Latzel-Binder, eine andere evangelische Pfarrerin, an die Zusammenarbeit mit Albert Filthaut. Auch hier ging es um eine ökumenische Hochzeit, vor gut einer Woche. Sie sei, so die aktuelle Berleburger Pfarrerin, den Mittelgang der katholischen Kirche zur Sakristei gegangen. Da habe sie Albert Filthauts Stimme gehört, die sagte: Schon wieder eine junge Frau, die nicht knickst. Dann habe er sie erkannt und eingeräumt, dass das für eine evangelische Christin in Ordnung sei und am Schluss habe er – quasi als Hausherr – gesagt: »Herzlich willkommen«. Kritik äußern, aber nicht ins Negative abgleiten, ein unkomplizierter Umgang mit den Protestanten und ein »Herzlich willkommen«, das immer ehrlich und ernst gemeint gewesen sei, so werde sie sich an Albert Filthaut erinnern, sagte eine sichtlich gerührte Claudia Latzel-Binder.

Es geht zurück in die alte Heimat

Dass es aber nicht nur der evangelische Mitbewerber war, der Albert Filthaut schätzte, sondern auch die eigene Sankt-Marien-Gemeinde vor Ort, das machte dann Ralf Pasker, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, in seinen Abschiedsworten deutlich. Herzlichkeit und Menschlichkeit – das habe Albert Filthaut ausgezeichnet. Die Zeit sei »alles in allem sehr harmonisch« verlaufen, wenn es mal schwierig geworden sei, dann habe das vielleicht zusammengehangen mit dem Perfektionismus und der Sauerländer Dickköpfigkeit Albert Filthauts. Der ehemalige Leichtathlet sowie immer noch aktive Hobbygärtner und Klarinettenspieler stammt nämlich ursprünglich aus der Nähe von Menden. In diese Ecke der Welt zieht es ihn nun auch zurück. Bis zu seiner Pensionierung – üblicherweise mit 70 – wird Albert Filthaut noch zwei Jahre in der Sankt-Marien-Gemeinde Kamen-Kaiserau arbeiten. Ganz in der Nähe seiner Familie, zu der auch noch seine 95-jährige Mutter gehört.

Neuer Lebensabschnitt mit Mikrowelle

Es werden wohl zwei schwere Jahre, denn mit Bad Berleburg verliert Albert Filthaut auch seine Haushälterin Maria Klumpe. Nachdem das mit dem Einkaufen ja nun schon klappe und Pfarrer Filthaut wohl auch den Führerschein für die Waschmaschine habe, so Ralf Pasker, könne nur das Kochen im künftigen Single-Leben noch Probleme bereiten. Deshalb gab es von der Gemeinde eine Mikrowelle, ein dazu passendes selbst zusammengestelltes Kochbuch mit dem Titel »Das jüngste Gericht« und eine Schürze mit der Aufschrift »Ich versuch's mal.«

Augenfällige Herzlichkeit der Gabengeber

Neben weiteren Gaben aus der Gemeinde stapelten sich immer mehr Geschenke auf einem Tisch. Die vom katholischen Dekanat in Siegen sowie von den katholischen Kollegen Karl-Heinz Böckelmann aus Erndtebrück und Franz Tiwi aus Bad Laasphe, genauso wie vom stellvertretenden Bürgermeister Richard Feige und der Berleburger Feuerwehr. Unter den Geschenken viele Flaschen, so dass Albert Filthaut annahm: »Die ersten Monate in Kamen sind gesichert, was die Getränke angeht.« Augenfällig war die ehrliche Herzlichkeit mit der Gemeindeglieder, Amtsbrüder und -schwestern sowie Vertreter des öffentlichen Lebens ihre Geschenke überreichten. Sie ließen Albert Filthaut nicht gern gehen, er hat Wittgenstein verändert. Ralf Pasker zitierte das Lied »Niemals geht man so ganz, irgendwas von dir bleibt hier«. Und er war sich ganz sicher, dass es mehr sein werde, als das farbige Pastoren-Bild an der Wand.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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